Klimawandel
06.11.2017

„Bei Klimakonferenzen wird heiße Luft produziert“

Foto: Flickr/EndeGelände
Protest der Graswurzelbewegung EndeGelände gegen den Kohleabbau im Ruhrgebiet im Vorfeld der Bonner Klimakonferenz COP23.

Janna Aljets, Sprecherin der Protestbewegung „Ende Gelände“, über die Besetzung des rheinischen Tagebaus Hambach, zahme Grüne und alternative Wirtschaftsformen.

Aktivisten von Ende Gelände sind am Wochenende in den Tagebau Hambach eingedrungen, Kohlebagger und ein Förderband mussten gestoppt werden. Sie solche gesetzeswidrigen Aktionen wirklich nötig, um Aufmerksamkeit zu generieren?

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Janna Aljets: Wir glauben schon. Wir wollen damit nicht nur politische Vertreter und die gesamte Gesellschaft darauf aufmerksam machen, dass es ein massives Problem mit Kohlestrom gibt. Es geht auch darum, die Zerstörung direkt aufzuhalten und den Kohleabbau effektiv zu blockieren. 

Was sagen denn die Anwohner in der Region zu Ihrem Protest?

Das ist sehr gemischt. In der Region wurden in den vergangenen Jahrzehnten tausende Menschen umgesiedelt, häufig mit sehr gemischten Gefühlen. Viele sagen uns: Ihr kommt eigentlich zu spät. Viele Anwohner kämpfen aber immer noch gegen die Umsiedlung und den Kohleabbau, weil sie von den Umweltverschmutzungen, vom Feinstaub, direkt betroffen sind. Von ihnen erfahren wir viel Unterstützung. Es gibt aber auch viele in der Region, die von den Arbeitsplätzen bei RWE abhängig sind. Wir sagen deshalb: Der Kohleausstieg darf nicht auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen werden.

In Deutschland hängen rund 20.000 Jobs am Braunkohleabbau. Wie sollen die mal eben ersetzt werden?

Anderen Zahlen zufolge nach sind direkt nur 8.000 Jobs in Deutschland betroffen. Nichtsdestotrotz könnte ein Großteil der Beschäftigten aufgrund ihres Alters in Frührente gehen und sollte dort auf Kosten von RWE finanziell abgesichert werden. Zum anderen braucht es viele tausende Menschen für die Renaturierung der Braunkohle-Gebiete. Und nicht zuletzt arbeiten bei RWE im Tagebau viele gut ausgebildete Menschen, die dringend in der Erneuerbare Energien-Branche gebraucht werden. Außerdem sind schon global jetzt die Lebensrundlagen von Millionen von Menschen bedroht, dass muss man in Relation zu einigen tausend Jobs setzen.

Braunkohle ist mit 23 Prozent Anteil an der Energieversorgung immer noch der zweitwichtigste Energieträger. Wo soll der Strom nach einem Kohleausstieg herkommen?  

Die Alternative muss erneuerbar sein, bestenfalls dezentral erzeugt und von Bürgern, nicht von großen Unternehmen gesteuert. Technisch ist das machbar, das zeigen Studien. Es fehlt an politischem Willen, die Erneuerbaren entsprechend auszubauen. Die Frage ist aber auch, wofür wir die Energie nutzen und warum wir von einem stetig steigenden Energieverbrauch ausgehen? Wir brauchen andere Wirtschaftsformen, die weniger Ressourcen und Energie verbrauchen und echte Nachhaltigkeit für jetzt und künftige Generationen möglich macht.

Was erwarten Sie von der COP23?

Herzlich wenig. Die Klimakonferenz findet nun zum 23. Mal statt, und seit dem ersten Mal sind die globalen Treibhausgasemissionen ständig gestiegen. Tatsächlich scheint dort nur heiße Luft produziert zu werden. Es werden vor allem grüne kapitalistische oder technische Lösungen präsentiert, die es noch gar nicht gibt, wie die CO2-Speicherung im Boden. Außerdem finden die Verhandlungen nicht gleichberechtigt statt. Es ist zwar eines der wenigen Foren, wo die Länder des globalen Südens eine Stimme haben. Trotzdem gibt es ein großes Machtungleichgewicht, weil der Einfluss der Industriestaaten deutlich gewichtiger ist. Zudem sind die Verhandlungen stark von Energieunternehmen geprägt, die etwa Braunkohle als Übergangstechnologie verkaufen.

Zumindest scheint eine Einigung auf einen CO2-Mindestpreis möglich.

Die Natur und unsere Lebensgrundlagen sollten nicht mit einem Preis versehen werden. Wir brauchen einen Ausstieg aus den fossilen Energieträgern, und zwar weltweit und sofort. Wenn man sich weiter auf Marktmechanismen verlässt, dann verlässt man sich auf Lösungen, die das Problem des Klimawandels erst produziert haben.

Bei einer Jamaika-Koalition wären die Grünen immerhin in der Regierung vertreten. Stimmt Sie das nicht optimistisch?

Natürlich ist es positiv, dass mit den Grünen eine Partei an den Gesprächen beteiligt ist, die das Wort Kohleausstieg zumindest in den Mund nimmt. Doch deren Forderungen gehen uns nicht weit genug: Sie wollen de facto nur die Abschaltung der dreckigsten Kohlekraftwerke, wir sind für den sofortigen Kohleausstieg. In den Verhandlungen mit der FDP wird deutlich, dass diese wirtschaftliche vor ökologische Belange stellt und die schon beschlossenen Klimaschutzziele in Frage stellt. Deshalb erwarten wir auch von einer Jamaika-Koalition keinen echten Klimaschutz.

Interview: Jutta Maier
Keywords:
Klimaschutz | Klimaabkommen | COP23 | erneuerbare Energien | Klimawandel
Ressorts:
Governance | Technology

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