Mobilitätswende
19.09.2017

„Das ist wie digitales Viagra“

Foto: www.strathern.eu.com

Die Zukunftsforscherin Oona Horx-Strathern spricht im Interview mit bizz energy über Mobilität im Jahr 2040, die Vorteile einer „achtsamen Stadt" und die Sinnlosigkeit von Flugtaxis.

bizz energy: Die deutsche Autoindustrie befindet sich in der größten Krise ihrer Geschichte. Wie geht es weiter? 

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Oona Horx-Strathern: Momentan wird alles umgekrempelt. Frankreich und England haben angekündigt, den Verkauf von Fahrzeugen mit fossilen Antrieben ab 2040 zu verbieten. Ich warte nur darauf, dass sich Deutschland anschließt. Wahrscheinlich erscheint das den Deutschen momentan undenkbar, es ist aber die richtige Strategie. 

Wagen wir einen Blick in die Zukunft: Wie sieht Mobilität im Jahr 2040 aus?

Wenn England und Frankreich ihre Ankündigungen wahrmachen, wird es dort kaum noch Benziner und Diesel-Fahrzeuge auf den Straßen geben. Ich selbst fahre Tesla und glaube, dass die Mobilität der Zukunft elektrisch ist. In London entfällt die „Congestion Charge”, also die Einfahrts-Gebühr in die Stadt, wenn man ein E-Auto fährt. Wir sollten es nicht allein der Autoindustrie überlassen, solche Anreize zu schaffen, sondern die lokale Politik muss Elektromobilität viel stärker fördern. Das ist vor allem eine Aufgabe der Bürgermeister und Stadtverwaltungen. 

Befürworten Sie eine E-Auto-Quote?

Die Ankündigungen von England und Frankreich, ab 2040 keine Autos mit Verbrennungsmotor mehr zuzulassen, wirken im Prinzip wie eine Quote. Die Autos werden nicht mehr gebaut und nach und nach von den Straßen verschwinden. Für die Gesundheit der Menschen ist das jetzt nötig.

Wozu brauchte die IAA ein Hipster-Format wie die von Daimler initiierte MeConvention mit Themen wie „New Realities“?

Ich vermute, es ist der Versuch, Mobilität in einem breiteren sozialen Kontext zu betrachten. Gerade, wenn man in der Krise steckt wie die Autoindustrie, muss man stärker auf gesellschaftliche, demografische und ökosoziale Fragen eingehen und sich überlegen, wie man neue Trends aus anderen Lebensbereichen integrieren kann. Die Mobilität der Zukunft fängt bei der Stadtplanung an.

Sie haben auf der MeConvention einen Vortrag zum Thema „Von der Smart City zur Mindful City“ gehalten. Was verstehen Sie unter einer achtsamen Stadt?

Ich habe ein Problem mit dem Begriff Smart City, weil er mehr von der Technologie ausgeht als von den Bedürfnissen der Menschen. Eine Mindful City kann auch smart sein, indem man den technologischen Fortschritt für eine bessere Konnektivität nutzt. Es geht darum, mit Online-Technologie das Offline-Leben zu verbessern. Bei uns im Institut nennen wir das „Om-line“. Momentan führt Technologie häufig dazu, dass sich die Menschen abschotten, etwa mit ihren Smartphones. Das ist ein großes Problem. In Zukunft leben in den Städten immer mehr Singles und ältere Menschen. Es wäre wahrscheinlich nicht so gut, lauter 100-Jährige Autofahrer auf den Straßen haben. Doch wenn die Menschen nicht mobil bleiben, vereinsamen sie und werden unglücklich. Eine Mindful City versucht, Menschen mithilfe von Technologie zusammen zu bringen und eine Community zu bauen.

Denken Sie an autonome Fahrzeuge?

Auch, aber vor allem an On Demand-Public Transport. In London wird gerade mit Kleinbussen experimentiert, die man per App rufen kann. Beim autonomen Fahren haben wir das Problem, dass man eigentlich ein geschlossenes System bräuchte. Ich vertraue meinem beinahe selbstfahrenden Tesla mehr als manch anderen Verkehrsteilnehmern. Wenn der autonome Verkehr zunimmt, müssen die Fahrzeuge miteinander kommunizieren. Normale Autos, die ein Parallelsystem bilden, sind gefährlich. Die Herausforderung ist der Übergang, also die Integration autonomer Fahrzeuge in ein System des Individualverkehrs. Das wird auf jeden Fall teuer.

Radfahrer haben es in der Stadt weiter schwer, sicher ans Ziel zu kommen. Der Autoverkehr dominiert alles. Wie lässt sich das ändern?  

Bis jetzt wird bei der Stadtplanung sehr in geschlossenen Systemen gedacht: Autoverkehr, Radfahrer und Öffentliche werden getrennt betrachtet. Stattdessen sollte man sie als integriertes Gesamtsystem sehen und stärker miteinander verbinden, damit der Wechsel von einem zum anderen Verkehrsmittel leichter wird. Außerdem brauchen wir in den Innenstädten Zonen, in denen sich Fußgänger, Radfahrer und Autofahrer die Straße gleichberechtigt teilen. Der Rhythmus auf der Straße ändert sich völlig, wenn Autos nur noch 20 Stundenkilometer fahren dürfen – man kann das in Amsterdam und auch einigen kleineren Städten beobachten. Außerdem wäre viel fürs Klima getan, wenn man erstmal nur noch Elektroautos in die Innenstädte lassen und gratis parken lassen würde.

Carsharing ist weiter am Boomen. Besitzen wir in Zukunft kein eigenes Fahrzeug mehr?

Das private Auto wird noch lange einen großen Stellenwert haben. Carsharing ist ein ziemlich gehypter Trend. Tatsächlich will vor allem die jüngere Generation immer weniger ein eigenes Fahrzeug, Carsharing erscheint ihnen cooler und weniger stressig. Deswegen wird es weiterwachsen, aber private Mobilität nicht ablösen – insbesondere nicht in ländlichen Gebieten. 

Der Trend zur Urbanisierung bringt den Stadtverkehr immer weiter an die Grenzen des Möglichen. Wenn Carsharing nicht die Lösung ist, was dann?  

Wir brauchen ein besseres, öffentliches Verkehrssystem. Der Bürgermeister von Bogota, Enrique Penosa, hat mal gesagt: Das Zeichen für eine gut funktionierende Stadt ist nicht, wenn die armen Leute Autos fahren, sondern wenn die Reichen öffentliche Verkehrsmittel benutzen. In New York hat praktisch niemand ein eigenes Auto. Es ist vielleicht nicht immer angenehm, die Öffentlichen zu benutzen, aber ein funktionierendes System kann die Zahl der Autos wirksam reduzieren. 

Obwohl der Klimawandel voranschreitet und in Paris verbindliche Ziele zur Begrenzung der der Erderwärmung vereinbart wurden, sind SUVs ungebrochen populär. Haben Sie eine Lösung?

Ja, ich fahre einen elektrischen SUV. Wenn die Leute große Autos wollen, dann bitte mit E-Antrieb. Zumal die Batterien immer kleiner und effektiver werden.

Bei der Produktion von Batterien entstehen jedoch große Mengen an CO2. Ist Elektromobilität die richtige Lösung?

Das muss man natürlich abwägen. Aber auf lange Sicht spart man damit viel Kohlendioxid ein. Zumal, wenn man wie mein Mann und ich mit Ökostrom von der eigenen Photovoltaik-Anlage tankt. Außerdem gibt immer mehr Ansätze von Firmen, die etwa ihre Fabriken CO2-neutral betreiben und nach dem Cradle-to-Cradle-Prinzip produzieren.

Was heißt das konkret?

BMW zum Beispiel verwendet für den elektrischen i3 wiederverwertbares Carbon, schnellnachwachsendes Eukalyptusholz und mit Olivenblättern gegerbtes Leder. Natürlich ist es schwierig, ein Auto komplett ökologisch neutral herzustellen. Aber der Gedanke steckt noch in den Kinderschuhen, wir werden hier viele Neuerungen sehen.

Sie sprachen das Laden von E-Autos an. Doch in Deutschland geht der Ausbau der Ladesäulen geht nur schleppend voran, das Laden ist häufig kompliziert und teuer.  

Es gibt viele Ideen von Start-ups, um Straßenlaternen mit Ladegeräten einfach und zu geringen Kosten anzuzapfen. Auch auf Parkplätzen könnte man noch mehr Stromtankstellen aufstellen. Ich fahre mit meinem Tesla schon jetzt problemlos von Österreich nach Großbritannien. Man muss nur seine Gewohnheiten umstellen, indem man etwas mehr Zeit einplant. Ich trinke dann einen Kaffee, während sich das Auto in 20 Minuten fast vollständig lädt. Bei Tesla brauche ich noch nicht mal dafür zahlen. Ich finde es sogar komfortabel, dass ich nicht mehr an eine Tankstelle fahren muss, um übelriechende Kraftstoffe zu tanken. Viele Menschen haben immer noch so viele Vorurteile gegenüber Elektroautos, man könnte fast an eine Verschwörung der Autoindustrie glauben, weil sie sie nicht bewerben.

Findet der Verkehr der Zukunft auch in der Luft statt, wie man es aus Filmen wie „Das fünfte Element“ kennt?

Quadrokopter und Senkrecht-Jets wird es in einigen Jahrzehnten schon geben, aber sie werden eher ein Luxusphänomen bleiben, weil es einfach 50 mal mehr Energie kostet, einen Körper durch die Luft zu bewegen, als ihn auf einer Straße rollen zu lassen. 

In Dubai wird diese Vision gerade sehr real: Dort testet die Stadt momentan autonome, elektrische Flugtaxis.

Wie gesagt: In Nischen funktioniert das, aber der „Grundverkehr” bleibt eher am Boden, auch weil die technische Komplexität in der Luft sehr hoch ist, man braucht sehr viel Sicherheits-Infrastruktur. Schon jetzt haben wir ein Problem mit den vielen Drohnen. Ein bisschen ist das Jedermann-Flugauto wie digitales Viagra: Eine wunderbare Männerfantasie. So ähnlich wie der intelligente Kühlschrank, der sich selbst befüllt – ich kenne nur niemanden, der einen hat, und das wird wohl auch so bleiben.

 

Zur Person: Oona Horx-Strathern stammt aus Dublin und ist seit über 20 Jahren als Trendforscherin, Beraterin, Rednerin und Autorin tätig. Sie studierte studierte Human Geographie in Bristol und arbeitete als Journalistin. Mit ihrem Mann, dem Trendforscher Matthias Horx, leitet sie das 1998 gegründete Zukunftsinstitut mit Sitz in Frankfurt am Main und Wien. Die beiden leben in einem „Future Evolution House“ mit PV- und Solarthermie-Anlagen.

meConvention, Begleit-Event zur Automobilausstellung: Bei der diesjährigen IAA initiierte Mercedes-Benz mit den Machern der texanischen Musik- und Digitalmesse South by Southwest die „meConvention“. Sie lief vom 15. bis 17. September parallel zur IAA in der Frankfurter Festhalle. Thematisch sollte sie „dem gesellschaftlichen Diskurs über relevante Zukunftsthemen neue Impulse geben“. Zum Programm zählten auch Konzerte und andere Veranstaltungen im Stadtzentrum.

 

Lesen Sie auch: Festgefahren mit dem Diesel

Interview: Jutta Maier
Keywords:
Mobilität | Elektrofahrzeuge | Zukunftsforscherin | Oona Horx-Strathern | Zukunftsinstitut Horx | IAA
Ressorts:
Governance | Technology | Markets

Kommentare

Ein schöner Artikel, aber mit kleiner Korrektur: Es ist der Film "Das fünfte Element", nicht "Das siebte Element". ;-)

Vielen Dank für den Hinweis!
Die Redaktion

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