Stromspeicher
16.03.2018

„Der Markt geht durch die Decke“ – Lieferengpass bei Batteriezellen

Foto: iStock
Batteriezellen werden auf dem Weltmarkt knapp. Autokonzerne sichern sich den Löwenanteil der Produktion..

Der Stromspeicherboom stößt an seine Grenzen: Deutsche Hersteller von Heimspeichern bekommen nicht mehr genug Batteriezellen aus Asien.

Die Speicherbranche wächst. Stolz verkündet der Bundesverband Energiespeicher (BVES), der junge Wirtschaftszweig beschäftige bereits halb so viele Menschen wie die Braunkohleindustrie. Das liegt vor allem an der steigenden Nachfrage nach Heimspeichern und Großbatterien auf Lithium-Ionen-Basis. Der Haken für deutsche Anbieter: Die großen Batteriezellenhersteller in Asien kommen mit der Produktion der Vorprodukte nicht hinterher.

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In Europa ist ein harter Wettbewerb um Zellen von Panasonic, LG Chem, Samsung, Sony und anderen Zulieferern entbrannt. Diese – vor allem der japanische Marktführer Panasonic – geben inzwischen der globalen Automobilindustrie den Vorzug, die ihre Produktion von Elektroautos hochfährt. „Alle Zellenhersteller sind voll ausgelastet. Wir merken, dass Mitbewerber keine Module mehr bekommen“, sagt Björn Schenk, Vertriebsmanager bei dem unterfränkischen Batteriehersteller BMZ. (Lesen Sie auch: Erste deutsche Batteriezellen-Fabrik könnte im Ausland entstehen)

Mehr Großbatterien für die Industrie

Das trifft die Anbieter stationärer Stromspeicher zum einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt, denn nach vergleichsweise mageren Anfangsjahren zieht die Nachfrage nach ihren Produkten gerade deutlich an. „Der Markt geht durch die Decke“, sagt die Vertriebsleiterin des Osnabrücker Heimspeicherbauers E3DC, Nadine Schubert. Das sieht auch der Branchenverband BVES so. Er rechnet zum Ende dieses Jahres mit einer installierten Speicherkapazität von 705 Megawatt – nach 358 Megawatt Ende 2017. Das stärkste Umsatzwachstum sagt der Verband bei Groß- und Industriespeichern voraus.

Genau in dieses Marktsegment will zur Jahresmitte der bisher noch auf Speicher für Solaranlagenbesitzer spezialisierte Anbieter E3DC vordringen. Die Osnabrücker wollen dabei nicht mehr monatelang auf Zellen des zunehmend autofixierten Zulieferers Panasonic warten. Deshalb beziehen sie seit Kurzem auch Zellen von LG Chem aus Südkorea und Batteriemodule von BMZ. Das Batteriemanagementsystem für die Lade- und Entladevorgänge kaufen sie nicht mehr von Panasonic, sondern bauen es selbst.

Skepsis gegenüber chinesischen Herstellern

Deutsche Hersteller versuchen auf unterschiedliche Weise, sich gegen die Zellenknappheit zu wappnen. Varta etwa setzt auf gewachsene wechselseitige Lieferbeziehung, denn die börsennotierte Gruppe versorgt ihre japanischen oder koreanischen Zulieferer ihrerseits mit Knopfzellen für Hör- und andere Kleinstgeräte. Das funktioniert offenbar ganz gut: "Wir haben von Lieferengpässen gehört, sind aber selbst nicht betroffen“, sagt Reiko Stutz, Manager für Gewerbespeicher bei Varta Storage im bayrischen Nördlingen.

Auf chinesische Anbieter mag derzeit kaum einer ausweichen – ihre Vorprodukte gelten in der deutschen Batteriebranche noch nicht als hochwertig genug. Doch die chinesischen Hersteller werden zusehends besser, bald kommen auch sie als Zulieferer infrage, lässt ein Entwicklungsingenieur eines Batterie-Start-ups auf der Branchenmesse Energy Storage in Düsseldorf durchblicken.

Hoffnung auf europäische Zellenfertigung

Bei dem stark wachsenden Batteriemodulhersteller BMZ sieht Vertriebsmanager Schenk die Lage noch gelassen: „Wir bekommen noch genügend Zellen“, sagt er. BMZ habe mit asiatischen Zulieferern langfristige Abnahmeverträge geschlossen und bei ihnen Fertigungskapazitäten verbindlich gemietet.

„Aber auch wir kommen irgendwann an eine Grenze“, schickt er hinterher. Um vorzubeugen hat BMZ gemeinsam mit fünf anderen Unternehmen das Konsortium TerraE gegründet, das in Deutschland oder anderswo in Europa eine eigene Zellenfertigung aufbauen und die Abhängigkeit von Panasonic & Co. aufbrechen soll. Die Ambitionen sind groß, und die Produktion soll schon 2019 beginnen. Aber noch ist nicht entschieden, wo das Werk entstehen soll. Branchenkenner bezweifeln, dass TerraE seine Pläne bald verwirklichen kann.

Die Autoindustrie greift zu

Varta-Manager Stutz rechnet aber damit, dass die angespannte Nachschublage auf dem globalen Zellenmarkt sich entspannt: „Ich halte den Engpass für eine temporäre Erscheinung, denn es wird permanent in neue Produktionskapazitäten investiert.“ Tatsächlich sind an verschiedenen Orten auf der Welt große Fabriken im Bau, für die der E-Auto-Pionier Tesla den Begriff „Gigafactory“ geprägt hat.

Künftige Zellen-Großabnehmer in der Autoindustrie mögen sich allerdings nicht darauf verlassen, dass der Markt es schon richten wird: Volkswagen hat sich kürzlich bei Samsung, LG Chem, CATL in China und anderen Zellenlieferanten Produktionskapazitäten im Wert von rund 20 Milliarden Euro gesichert.

Lesen Sie auch: Lithium und Kobalt für Batterien könnten knapp werden, warnen Forscher

 

Christian Schaudwet
Keywords:
Elektromobilität | Batterien | Stromspeicher
Ressorts:
Markets

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