Porträt
20.03.2017

Absprung zur rechten Zeit

Foto: IASS
Klaus Töpfer in seiner Rolle als Vermittler zwischen Wissenschaft, Politik und Gesellschaft bei einer Veranstaltung des IASS im Jahr 2012.

1988 tauchte Klaus Töpfer im Neoprenanzug per Köpfer in den Rhein – extrem öffentlichkeitswirksam. In der Folge stieg er zum wichtigsten Umweltpolitiker in der Geschichte der Bundesrepublik auf.

Es war eine Sensation: Da durchschwamm ein leibhaftiger Bundesumweltminister bei Mainz den Rhein. Im schwarzen Neoprenanzug, mit Schwimmflossen und pinkfarbener Badekappe und angeblich mit der Botschaft, wie sauber der Rhein sei. Viele Deutsche glauben heute noch, Klaus Töpfer wollte mit dieser PR-Aktion im September 1988 beweisen, wie wirksam er Umweltschutz vorantreibe und die Wasserverseuchung durch die flussaufwärts gelegenen Chemiefabriken im Griff  habe.

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Aber der wahre Grund der Aktion war ein ganz anderer, wie er dem Autor dieses Porträts  einmal grinsend gestand: „Das war ´ne Wette!“ Die hatte er mit dem SPD-Landespolitiker Rudolf Franzmann abgemacht – und verloren. Franzmann hatte im Jahr zuvor im rheinland-pfälzischen Landtags-Wahlkampf gespottet, der CDU-Mann Töpfer werde bald nach Bonn in die Bundespolitik wechseln.

Dennoch ist die Schwimm-Aktion, wegen der die Rhein-Schifffahrts-Verwaltung für zwei Stunden das geltende Badeverbot aufgehoben hatte, als umweltpolitische Heldentat für immer mit seiner Person verbunden. Seine Kritiker schimpften allerdings schon damals laut. Greenpeace-Aktivisten empfingen ihn am Ufer mit dem Spruchband „Taten statt baden!“ Und Parteifreunde moserten, die Glaubwürdigkeit der CDU-Umweltpolitik werde beschädigt. Dabei war Effekthascherei selten seine Sache. Töpfer sah früh ein, dass allein das Streicheln sterbender Nordseerobben der Umweltpolitik nicht dient. Und dass nur der Bau industrieller Kläranlagen den Rhein von Schwermetallen, Quecksilber und Salzen befreien konnte.

"Zukunft ohne Kernenergie erfinden"

Während CSU-Chef Franz-Josef Strauß die Risiken der atomaren Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf noch  mit denen einer „Fahrradspeichenfabrik“ verglich, markierte Töpfer bereits im Januar 1988 als frisch gekürter Bundesumweltminister kühne visionäre Ziele. „Wir müssen eine Zukunft ohne Kernenergie erfinden“, sagte er und ergänzte sogleich: „Wir müssten auch eine Zukunft ohne fossile Energieträger erfinden.“  Das sagte er mehr als zwei Jahrzehnte bevor Angela Merkel, seine Amtsnachfolgerin im Umweltressort (1994 bis 1998), als Kanzlerin nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima im März 2011 den Atomausstieg verkündete.
Dabei hatte 1987 Kanzler Helmut Kohl diesen Töpfer bestimmt nicht für revolutionäre Konzepte ins Kabinett berufen. Dort war die Umweltpolitik allenfalls Randthema. Töpfer diente  als Ersatz für den Generalversager  Walter Wallmann, den Kohl im Juni 1986 als ersten Bundesminister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit installiert hatte.

Töpfer hatte bis dahin eine ganz andere Lebensplanung gehabt. 1938 als Sohn eines aus Schlesien vertriebenen Kreishauptsekretärs geboren, peilte er nach Studium und Promotion zunächst eine klassische Professoren-Karriere an. Während seiner Habilitation kam er in Kontakt mit der saarländischen Landesregierung unter Franz-Josef Röder (CDU), der ihn 1971 in seine Staatskanzlei holte und ihn überredete, ab 1977 den CDU-Kreisverband Saarbrücken  zu führen. Später wurde Töpfer Staatssekretär von Georg Gölter, CDU-Landesminister für  Soziales, Gesundheit und Umwelt in Rheinland-Pfalz. „Aus Neugier“ nahm Töpfer dessen Offerte an. Dass damit sein Aufstieg zum historisch bedeutendsten Umweltpolitiker der Bundesrepublik begann, konnte er damals nicht im Geringsten erahnen.

Verehrung von den Winzern

In der CDU rückte er in den Bundesfachausschuss „Energie und Umwelt“ ein, zugleich übernahm er an der Universität Mainz eine Honorarprofessur für Umwelt- und Ressourcenökonomik. 1985 stieg er auf zum Landesminister für Umwelt und Gesundheit – und produzierte im Kampf gegen die mit Diethylenglycol gesüßten und aromatisierten Weine seine ersten Schlagzeilen. Töpfers neues Weingesetz brachte danach das verlorene  Vertrauen in den rheinland-pfälzischen Wein zurück. Noch heute schlürft Töpfer gerne eine 1993 Graacher Himmelreich Spätlese und seufzt: „Bei so einem Wein vergisst du alles“. Die Winzer verehren ihn bis heute.

Für kompletten Unsinn hielten viele Weggefährten – und sicher auch Kanzler Kohl – indes Töpfers umweltpolitischen  Schlüsselsatz: „Die nächste industrielle Revolution wird eine ökologische sein“. Im Gespräch mit bizz energy ergänzte Töpfer diesen Satz im November 2016 wie folgt: Die  Revolution werde nicht nur ökologisch im Sinne von grün sein, „sondern wir werden einen   Umbruch erleben, die Transformation in  eine ökologische Gesellschaft insgesamt, die auch geprägt ist  von der Verantwortung für unsere Zukunft“.

Von Kohl wurde Töpfer als umweltpolitisches Feigenblatt missbraucht und zuletzt auch noch verdonnert, ab 1996 für zwei Jahre im Amt des Bundesbauministers („Man darf die Platte nicht verteufeln“) den Bonn-Berlin-Umzug zu organisieren. Doch zehn Monate bevor Kohl in der Bundestagswahl 1998 unterging, wechselte Töpfer zur Uno, als Unter-Generalsekretär  und Exekutivdirektor des Uno-Umweltprogramms  (UNEP); acht Jahre leitete er das Programm von Nairobi aus, getreu seiner Devise: „Nachhaltige Entwicklung ist nicht nur kreativ und unsere ethische Verpflichtung, sondern eine Investition in eine friedliche Welt.“

Umweltprofessor in Shanghai

Nach seinen Jahren in Nairobi war Töpfer unter anderem Umweltprofessor der Universität in Shanghai. 2011 übernahm er nach dem Atomunglück im japanischen Fukushima  auf Merkels Bitte den Vorsitz der Ethikkommission „Sichere Energieversorgung“, die den Ausstieg aus der Kernenergie empfahl. Sein Rat an die Kanzlerin lautete: „Klimapolitik ist die Friedenspolitik der Zukunft.“ Als Aushängeschild zum Umweltschutz war Töpfer in der CDU stets willkommen. Er wirkte, wie selten ein anderer vor und vermutlich auch keiner nach  ihm in ungewöhnlicher thematischer Bandbreite: Er ließ die CDU unter Kohl ergrünen. Außerdem bestärkte er die Sozialdemokraten in deren  neuen Anti-Atom-Kurs nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl und überzeugte sie gar, dass Wachstum allein nicht die Garantie für den sozialen Frieden ist.

Und nicht zuletzt: Töpfer diente den Grünen als programmatischer Wegbereiter und als stabiler Faktor in der bundesdeutschen Polit-Szene, die seit Kurzem wieder von einer schwarz-grünen Machtbeteiligung schwärmt.  Eine vergleichbare Breitenwirkung  besitzt kein anderer deutscher Politiker. Dabei zeigte er im innerparteilichen Nahkampf erstaunlich wenig Härte. Es passt zu Töpfer, dass er auf CDU-Veranstaltungen schon mal lächelnd und selbstironisch verkündete: „Hier ist der Mann im gelben Sack.“ Den grünen Punkt und das Verpackungs-Recyling hatte er da schon eingeführt – im Kampf gegen die Wegwerfgesellschaft.
Töpfer darf man bis heute kein exotisches Mineralwasser vorsetzen, denn er ist noch immer ein Anhänger der „100-Meilen-Diät“, nach der nur konsumiert werden sollte, was nicht von weit her herangekarrt werden muss. „Das ist besser für die menschliche Gesundheit und auch für die Umwelt“, belehrt er seine Gesprächspartner.

Vorschlag für CO2-Steuer

Klaus Töpfer prägt seit 30 Jahren die deutsche Umweltpolitik inhaltlich mit. Er argumentierte frühzeitig, dass die Energiewende nicht gelingen würde, wenn sie nicht mit einer energetischen Gebäudesanierung verbunden wird. Und er ärgerte sich nachhaltig, dass die Energiefresser der deutschen Industrie so weitgehend von der EEG-Umlage befreit wurden. Es ist kein Zufall, dass er zusammen mit dem Klimaforscher und SPD-Vordenker Ernst Ulrich von Weizsäcker den Vorschlag machte, eine CO2-Steuer aus ökologischen Gründen einzuführen.  Auch im Streit um die Flüchtlingspolitik von Kanzlerin Merkel war Töpfer argumentativ ganz vorne mit dabei: „Am Ende des Tages muss es darum gehen, dass Afrika die eigene Bevölkerung selbst versorgen kann. Wenn die Menschen keine wirtschaftlichen Perspektiven in ihrer Heimat haben, dann kommen sie zu uns.“  

Die Kassandra-Rufe vieler Grüner während der  Anfangsjahre der Öko-Partei waren nie seine Sache.  Der 78-Jährige, der heute in Höxter an der Weser seinen nach wie vor unruhigen Ruhestand lebt, hat in Sachen Ökologie stets auch enorme Steherqualitäten und beachtlichen ökologischen Mut bewiesen. Auf ihn passt ein Wort, das einst Helmut Schmidt über die Steherqualitäten eines Willy Brandt formuliert hat: Wenn es darauf ankommt, kämpfe der auch mit dem Rücken zur Wand. „Das ist nicht einer, der mit der Hand auf dem Rücken fummelt und guckt, ob da nicht doch eine Tapetentür ist, durch die er verschwinden kann.“ Und für Journalisten war dieser Mann immer zugänglich.

Ellenbogen waren nicht seine Sache

Als Christdemokrat fühlte sich Töpfer  seiner umweltpolitischen Sachkunde stets eher verpflichtet als der Programmatik seiner Partei. So sah er auch keinen Sinn darin, seine Kräfte für die Absicherung seiner parteipolitischen Karriere zu  vergeuden. Das machte es seinen Gegnern zuweilen leicht. Der Einsatz von Ellenbogen war nicht seine Sache. Der Politologe Felix Butzlaff urteilt im Rückblick: Dass Töpfer einer der Dienstältesten im Kabinett Kohl werden konnte, sei seiner Rolle „des eher am Rand der Parteipolitik stehenden Wissenschaftlers“ zu verdanken.

Töpfers sachliche Kompetenz war – und ist es bis heute – unbestritten. Trotz seines Alters war er bei den Grünen als Nachfolger von Bundespräsident Gauck im Gespräch. Und viele in der Union waren sehr angetan von diesem Gedanken. Auch wenn es bekanntlich am Ende anders kam.

Hans Peter Schütz
Keywords:
Klaus Töpfer | Umweltminister | CDU | Umweltpolitik | Angela Merkel
Ressorts:
Governance

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