Digitalisierung
24.05.2016

Anarchie auf dem Strommarkt

Foto: Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0
Mit dem Blockchain-Protokoll können Mieter untereinander Solarstrom liefern und abrechnen.

Noch haben traditionelle Energieversorger die Umwälzungen durch Wind- und Solarkraft nicht richtig verarbeitet, da rollt schon der nächste wirtschaftliche Tsunami heran. Die digitale Blockchain-Technologie könnte ganze Wertschöpfungsketten umkrempeln.

 

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Die Zukunftsvisionen schwankten zwischen Bedrohungsszenarien und Milliarden-Chancen beim Blockchain-Tag von Solarpraxis in der Berliner Zentrale von Vattenfall. „Die Blockchain hat das Potenzial, komplette Geschäftsbereiche aufzulösen“, sagt Tobias Federico, Geschäftsführer der Unternehmensberatung Energy Brainpool.

Diese „Block-Kette“ ist kurz gesagt ein digitales Protokoll, um Handelsgeschäfte sicher online abzuwickeln. Das Revolutionäre daran: Die Geschäftspartner brauchen keinen traditionellen Mittelsmann mehr – weder Notar noch Bank oder Börse.

 

Solarstrom vom Nachbarn

In New York zeigt das Projekt Transactive Grid, wie die Blockchain die Lieferung von Energie revolutioniert. Im Stadtteil Brooklyn sind laut dem Wissenschaftsmagazin New Scientist seit Februar zehn Haushalte dabei, sich untereinander Ökostrom zu verkaufen. Die eine Hälfte liefert Solarstrom vom eigenen Dach. Die anderen Haushalte bringen mit der grünen Elektrizität aus der Nachbarschaft Toaster und Waschmaschine zum Laufen.

Alteingesessene Energieunternehmen können nur zuschauen: Kein Stadtwerk schließt einen Liefervertrag ab, kein Profi-Händler muss seine Gebote an der Strombörse anmelden, kein Netzbetreiber hat sein Okay gegeben. Selbst die Steuerbehörden bekommen von dem Elektro-Deal erst mal nichts mit. Anarchie auf dem Strommarkt.

 

Chance für Bürgerenergie

Für die Energiewende in Deutschland könnte die Block-Kette eine Schlüsseltechnologie werden. „Mit Blockchain ließen sich Bürgerenergie-Modelle realisieren“, sagt Lars Waldmann vom Netzbetreiber Alliander. In ländlichen Gegenden gibt es zahlreiche Genossenschaften, die sich an Windparks beteiligen und gerne Grünstrom aus ihrer Region beziehen möchten. In Kassel oder Köln könnten Mieter mit Blockchain-Diensten wie in New York Solarstrom aus der Nachbarschaft kaufen. Doch wie groß ist das Interesse an solch aufwendigen Lösungen tatsächlich?

Schon seit Jahren existieren Zertifikate, die bestätigen, dass es wirklich Ökostrom ist, der im Haushalt aus der Steckdose kommt. Die Blockchain würde die Herkunft bloß noch genauer erfassen, der Strom ließe sich bis zu einer einzelnen Photovoltaikanlage zurückverfolgen. Doch würden Verbraucher wirklich mehr Geld dafür zahlen, wenn sie wissen, von welchem Hausdach die Solarenergie nun ganz genau kommt? Nutzer bräuchten einen Service- oder Kostenvorteil, gibt auch der Ökonom Christoph Burger von der Berliner Business School ESMT zu bedenken. Blockchain-Firmen argumentieren, ihre Technologie ließen die Kosten für Zertifizierungen und andere Dienstleistungen zusammenschmelzen.

 

Drastische Kostensenkung für Investoren

Ewald Hesse, Gründer des Wiener Start-ups Grid Singularity, kündigt an, als erstes eine Anwendung für die Bewertung von großen Wind- und Solarparks auf den Markt zu bringen. Interessieren sich professionelle Anleger für die Investition in ein solches Projekt, berechnen Gutachter allein für dessen Bewertung schnell sechsstellige Beträge. Ein Blockchain-Programm erledige eine sogenannte technische Due Diligence für nur fünf Prozent der Kosten, sagt Hesse.

 

RWE schwärmt von Billionen-Dollar-Markt

Große Energiekonzerne haben das Potenzial der Blockchain bereits erkannt und schließen Allianzen mit Start-ups. „Für uns ist das prima: Wir müssen nicht Milliarden in Anlagen investieren, sondern nehmen die, die da sind und setzen unsere Geschäftsmodelle darauf“, sagt Carsten Stöcker vom RWE Innovation Hub. Der Essener Kohlekonzern kooperiert mit dem sächsischen Start-up Slock.it bei einem Bezahlmodell für Elektroauto-Strom.

Über die öffentliche Lade-Infrastruktur könnte jeder Erzeuger Elektrizität anbieten. Die Blockchain-App von Slock.it würde dann wie ein elektronischer Händler für jeden Ladevorgang den günstigsten Anbieter  auswählen und den Bezahlvorgang managen. Der Fahrer bräuchte sich um nichts mehr zu kümmern, das Ladegeschäft liefe automatisch zwischen Auto und Ladevorrichtung. Für diese Machine-to-machine-Economy sei Blockchain das Schmiermittel, schwärmt RWE-Mann Stöcker und prophezeit schon für die Mitte des nächsten Jahrzehnts einen Billionen-Dollar-Markt.

Manuel Berkel
Keywords:
Blockchain | Digitalisierung
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Kommentare

Anarchie klingt nach Mord & Totschlag im Dschungel - einem rechtsfreihen Raum. In Wahrheit ist es so, dass sich Menschen ihr Recht auf Selbstbestimmung nehmen und damit Märkte eines dann hinfälligen Handels verkleinert werden. Ist es also anarchisch wenn man statt Verbraucher und zahlender Kunde liberaler wird und schlicht sein Geschäft und seine Angelegenheiten selbst in die Hand nimmt?

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