Finanzbranche
21.07.2016

Anlagerisiko Klimawandel

Foto: pixabay, Grafik: AODP
Der deutsche Versicherungsriese Allianz liegt im AODP-Klimaindex für Versicherer auf Platz drei.

Weil Finanzexperten auf dem Weg in eine emissionsfreie Wirtschaft Wertverluste in Billionen-Höhe erwarten, drängen sie die Branche zum Umdenken. Bei Versicherungen stoßen sie dabei auf taube Ohren.

 

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Versicherungen weltweit beachten das Anlagerisiko Klimawandel nicht. Das zeigt eine am heutigen Donnerstag veröffentlichte Analyse der Londoner Nichtregierungsorganisation Asset Owners Disclosure Project (AODP).

Für AODP-Chef Julian Poulter ist das „pure Ironie“. „Der Klimawandel stellt die Versicherungsbranche vor eine doppelte Herausforderung“, kommentiert er. Auf der einen Seite kommen enorme Kosten in Folge von Klimaschäden auf die Konzerne zu, aber die Investmentportfolios, die es ihnen ermöglichen sollten, diesen Risiken zu begegnen, liegen als Folge der Umstellung auf eine emissionsarme Wirtschaft brach.“ Indem die Konzerne nicht auf diesen Trend reagierten, riskierten sie das Vermögen ihrer Kunden und sogar „einen Systemzusammenbruch, der katastrophale Auswirkungen auf die ganze Wirtschaft haben könnte“, warnt Poulter.

 

Finanzbranche warnt vor Wertverlusten

Auf dem Weltklimagipfel in Paris haben die UN-Mitgliedsstaaten beschlossen, die Emissionen klimaschädlicher Treibhausgase weltweit unter dem Strich auf praktisch Null zu senken. Seit geraumer Zeit warnen Finanzexperten deshalb Banken, Versicherungen und Pensionsfonds vor der akuten Gefahr, ihr Geld bei Investitionen in fossile Energieträger zu verlieren. So zeigte sich auch Finanzexperte Michael Bloomberg auf der Pariser Klimakonferenz überzeugt: Kein Konzernchef würde überleben, wenn er den Klimawandel leugnen würde.

Bloomberg ist damit auf einer Linie mit der globalen Divestment-Bewegung. Sie setzt sich dafür ein, dass Städte, Gemeinden, Universitäten und staatliche Fonds ihr Geld aus Unternehmen abziehen, die ihr Geld überwiegend mit fossilen Energieträgern verdienen.

Unterstützung erhält die Kampagne auch von prominenter Seite. Im September gab der Rockefeller Brothers Fund bekannt, sich von fossilen Brennstoffen zu verabschieden. Eine Nachricht mit großer Symbolik. Sein Geld hatte die Stiftung nämlich vom gleichnamigen Gründer erhalten, der lange Zeit den größten Ölkonzern der Welt führte.

Auch die Schweizer USB-Bankengruppe und die von AODP gut bewerte französische AXA wollen sich als „Game Changer“ profilieren. Am Donnerstagabend (21. Juli) veranstalten sie in der Berliner Humboldt-Universität gemeinsam mit dem europäischen Innovationsnetzwerk Climate-KIC und dem Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung eine Konferenz mit dem Titel Divestment und Green Investment.

 

Behäbige Versicherungsriesen

„Divestment ist eine politische Kampagne, die viel Aufmerksamkeit erregt hat und einen großen Druck auf die Finanzbranche ausübt“, glaubt AODP-Präsident Poulter, schränkt aber ein: „tatsächlich beeinflusst sie die Investmentstrategien großer Anleger aber nicht.“

Das zeigen auch die Ergebnisse seiner Studie. In der Versicherungsbranche scheint bislang eine andere Auffassung zu herrschen. Laut AODP-Studie beziehen knapp zwei Drittel der darin untersuchten 116 Versicherungen den drohenden Wertverlust durch die Investments in fossile Energieträger kaum oder gar nicht mit ein.

Insgesamt seien damit laut Studie 4,2 Billionen US-Dollar Klimarisiken ausgesetzt. Nur einer von Hundert Versicherern ziehe die Gefahr von Stranded Assets, wie die vergeblichen Investitionen im Englischen genannt werden, überhaupt ins Kalkül, heißt es in dem Report weiter. Auch grüne Geldanlagen stoßen in der Branche auf wenig Interesse. Nur 0,2 Prozent aller Vermögenswerte von Versicherern sind demnach in Wertpapiere investiert, die Klima- und Umweltschutz dienen.

AODP listet jährlich die 500 größten Investoren in seinem Klimaindex und vergibt ein Rating nach dem Vorbild namhafter Rating-Agenturen wie Moody’s oder Fitch. Bestnote ist AAA, wer schlecht abschneidet, wird von der Organisation mit einem D oder X gelabelt. Bewertet werden die Fonds anhand der von ihnen veröffentlichten Selbstverpflichtungen, dem Risikomanagement und dem Anteil grüner Investitionen. In dem am heutigen Donnerstag veröffentlichten Report hat AODP das Anlageverhalten von 116 Versicherungsriesen mit einem Vermögen von 15,3 Billionen US-Dollar und 324 Pensionsfonds mit insgesamt knapp 16 Billionen US-Dollar analysiert.

 

Deutscher Versicherer unter den Top 3

Auch in Deutschland nehmen Überschwemmungen, heftige Stürme und Dürren zu. Besonders heftig hat es in diesem Sommer Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg getroffen. Zwar ist noch nicht bewiesen, ob die Unwetter tatsächlich auf den Klimawandel zurückzuführen sind. Die Zahl der Starkgewitter hat in den vergangenen 30 Jahren allerdings tatsächlich zugenommen, wie eine Statistik des deutschen Versicherers Münchner Rück zeigt. Ein Umdenken hat jedoch auch hier laut AODP-Index nicht stattgefunden. Ebenso reagiere der Versicherer Talanx mit Sitz in Hannover, die Signal Iduna Pensionskasse und die Alte Leipziger Pensionskasse mit einem Gesamtvermögen von insgesamt 323 Millionen Euro kaum auf die drohenden Wertverluste. Immerhin: Im globalen Ranking der Versicherer belegt die deutsche Allianz hinter der zweitplatzierten französischen AXA und der erstplatzierten britischen Aviva den dritten Platz – und erhält nach dem Klima-Ranking von AODP ein B.  

Nicht die ganze Finanzbranche reagiert derart langsam auf die Pariser Klimabeschlüsse. Besser aufgestellt sind Pensionsfonds, wie die AODP-Studie zeigt. Prominentestes Beispiel ist der norwegische Pensionsfonds, der größte seiner Art. Eine ganze Reihe weiterer haben bereits angekündigt, ihr Geld umzuschichten und aus kohle-, öl-, und gaslastigen Unternehmen abzuziehen. Das hat laut AODP-Präsident Poulter nicht zuletzt strukturelle Gründe. Weil Pensionsfonds beispielsweise breiter aufgestellt sind und damit weniger abhängig von einzelnen Branchen, können sie kurzfristiger umsteuern als die auf langfristige Investitionen ausgerichtete behäbige Versicherungsbranche. Außerdem seien sie risikobereiter und investierten auch in Projekte im frühen Entwicklungsstadium, grüne Anleihen und junge Cleantech-Firmen, so Poulter.

 

 

 

Jana Kugoth
Keywords:
Versicherungen | grüne Geldanlage | Klimawandel | Finanzbranche | Pensionsfonds | Banken | Asset Owners Disclosure Project | fossiele Energieträger | Divestment
Ressorts:
Finance

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