Digitalisierung
19.10.2017

Neuer Bundesverband will „Blockchain unters Volk bringen“

Foto: iStock/Prot Tachapanit
Der Blockchain Bundesverband möchte die Technik in Deutschland voranbringen.

Mit einem Positionspapier will der Blockchain Branchenverband das Bewusstsein für diese Technologie in Politik und Öffentlichkeit schärfen. Ziel: Neue Internetgiganten sollen auch in Deutschland entstehen. Schafft es das Thema bis in den Jamaika-Koalitionsvertrag?

Friederike Ernst, Vorstand beim Berliner Startup Gnosis, ist sich sicher: „Das neue Google wird aus der Blockchain-Szene kommen“, sagt die ehrenamtliche Generalsekretärin des Blockchain Bundesverbandes im Gespräch mit bizz energy. Pünktlich zu den Koalitionsverhandlungen hat der Verband nun sein erstes Positionspapier veröffentlicht. Darin betont der erst im Juni gegründete Verein das Potenzial der Technik: Sie werde die treibende Kraft hinter dem nächsten Evolutionsschritt des Internets sein. „Das Thema Blockchain muss unters Volk gebracht werden“, sagt Ernst.

Anzeige*

Ernst ergänzt: „Wir wünschen uns, dass sich der Gesetzgeber des Themas annimmt und dass ein Bemühen für eine einheitliche Regulierung entsteht“, sagt die Chief Operating Officer (COO) von Gnosis. Geschäfte über die Blockchain, die ohne Mittler abgeschlossen werden können, bergen ein enormes wirtschaftliches Potential – davon sind die Mitglieder des Verbandes natürlich überzeugt. Doch momentan bewegen sich die Unternehmer im rechtsfreien Raum, was vor allem für kleine Startups fatal sei, da es bei ihnen schnell um die Existenzgrundlage gehe. „Wir möchten, dass die Blockchain als fundamental neue Infrastruktur inklusive ihrer Potenziale und möglichen Fallstricke erkannt wird“, formuliert Ernst ihre Kernforderung an die Politik.

Blockchain-Revolution biete Deutschland zweite Chance

Die Blockchain-Lobby erwartet, dass ihre Technik die digitale Ökonomie in Deutschland grundlegend ändern wird: „Wir gehen davon aus, dass aus diesem Themengebiet die nächsten großen Internetgiganten entstehen werden“, prognostiziert Ernst. Da sei es natürlich schön, wenn einige der neuen Riesen aus Deutschland kämen.

Deutschland habe bereits die Web 2.0 Revolution verpasst, heißt es in dem Positionspapier. Durch die Blockchain-Revolution biete sich nun eine zweite Chance. „Momentan ist Deutschland in der Blockchain-Szene weit oben mit dabei“, sagt Ernst. Damit das bereits entstandene Blockchain-Ökosystem in Deutschland bleibe, müssten aber dringend die Rechtsunsicherheiten beseitigt werden. „Wir wünschen uns, dass Deutschland innerhalb von Europa die Federführung für dieses Projekt übernimmt“, heißt es in dem Positionspapier. So dies nicht geschehe, würden die Unternehmen weiter in die Länder verlegt, die sich bereits strategisch positioniert hätten – zum Beispiel in das Schweizer Kanton Zug, das bereits „Crypto Valley“ genannt wird.

Pilot-Projekte im Energiebereich gefordert

Pilot-Projekte für die Energiewirtschaft fordert deshalb Sebnem Rusitschka, Leiterin des Arbeitskreises Energie im Blockchain Bundesverband im Gespräch mit bizz energy. Der Gründerin des Startups Freeelio schwebt unter anderem eine Energie-Blockchain vor, die nicht über irgendwelche anonymen Server im Ausland läuft, sondern beispielsweise über Rechnerknoten der Bundesnetzagentur geführt wird oder über die von Energieversorgungsunternehmen und weiteren geeigneten Dienstleistern. So könnten Akzeptanzprobleme gelöst werden. „Das wäre weiterhin ein Game-Changer, auch wenn das nicht dem reinen Gedanken einer offenen Blockchain entspricht“, sagt Rusitschka. Im hochregulierten Energiesektor sei die Kombination von offenem Zugang mit kontrollierten Rechnerknoten vielversprechender.

„Wir brauchen Experimentierräume für Technologiefolgen, die wir heute noch nicht abschätzen können“, fordert Rusitschka. Durch die Entwicklung der Blockchain-Technik werde sichtbar, wie sehr die bisherigen Regularien noch an die analoge Welt gebunden seien.

Heutige Vorgaben wie beispielsweise aus dem Eich- und Messwesen bei Stromzählern und zur Energiedatenverarbeitung sind technologiegebunden, so dass digitale Neuerungen keine Rechtssicherheit genießen. Die regulatorischen Vorgaben sollen vielmehr technologieneutral umformuliert werden, damit voll digitalisierte und datengetriebene Lösungen wie die Blockchain nicht behindert werden.

Druck aus vielen Richtungen

Zuversichtlich ist Rusitschka, dass sich das Thema Blockchain in die Politik tragen lässt, da es zahlreiche Sektoren betrifft. Derzeit werde von vielen Interessensgruppen Druck gemacht, damit die Unternehmen auf Grund der rechtlichen Rahmenbedingen nicht in ihrem Wettbewerb eingeschränkt würden.

Theoretisch müsste die Blockchain ihren Weg in den Koalitionsvertrag finden können, betrachtet man die Akteure der möglichen Jamaika Koalition: Die FDP möchte Digitales ohne Bedenken und die Grünen wollen Dezentralität in der Energiewirtschaft, für die die Blockchain als Hintergrundtechnologie gehandelt wird. Auch der Fintech-Beauftrage der Bundesregierung, CDU-Jungstar Jens Spahn, äußerte bereits, dass die Blockchain-Technik massiv die Welt verändern werde. Experimentierräume mit staatlichen Vorgaben könne auch er sich vorstellen, sagte er im September bei einer Talkrunde in Berlin. Die jungen Blockchain-Startups dürften mit ihrem Buddelzeug für solche „Sandkästen“ bereitstehen.

Carsten Kloth
Keywords:
Digitalisierung | Blockchain
Ressorts:

Neuen Kommentar schreiben

 

bizz energy September-Ausgabe 2017

Die aktuelle Ausgabe gibt es am Kiosk oder bei unserem Abonnentenservice unter (Mail:bizzenergy@pressup.de) sowie als E-Paper bei iKiosk oder Readly.

 
 

bizz energy Research

Welche Stellschrauben können Sie drehen, um Ihren Bestandswindpark zu optimieren?
Mithilfe des interaktiven Datentools von bizz energy Research sehen Sie die Effekte auf den Netto-Cashflow.


Link zum Cashflow-Rechner von bizz energy Research