Digitalisierung
24.01.2017

Der überflüssige Versorger

Foto: EEX
Mit Blockchain-Anwendungen können auch Nicht-Profihändler Strom vermarkten.

Unter dem Motto „Streich den Mittelsmann“ bedroht die Digitaltechnologie Blockchain das Geschäftsmodell etablierter Energieunternehmen. Die kontern mit eigenen Entwicklungen.

Halb fasziniert, halb besorgt schauen Energieunternehmen aus der ganzen Welt auf ein Experiment im New Yorker Stadtteil Brooklyn. Ende November kündigte gar Technikgigant Siemens eine Kooperation mit den Urhebern der Energierevolution an. Dabei hört es sich erst einmal nicht besonders spektakulär an, was da in Brooklyn passiert: Besitzer von Solaranlagen verkaufen Strom an Haushalte in ihrer Nachbarschaft. Doch bei dem Geschäft umgehen die Stromrebellen kurzerhand klassische Versorger, einfache Hausbesitzer dürfen sich als professionelle Versorger fühlen. Für den Energiesektor könnte Brooklyn noch eine ähnliche Bedeutung bekommen wie die Entwicklung des Personal Computers in den 1970er-Jahren für die Informationswirtschaft: Digitale Technik wird so preiswert, dass sie sich Jedermann leisten kann.

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Möglich machten die erstmals im April vergangenen Jahres durchgeführten Deals in New York eine Plattform der Start-ups LO3 Energy und Consensys. Als digitales Transaktionsprotokoll verwenden sie eine Blockchain, ähnlich wie bei der Kryptowährung Bitcoin. Der direkte Stromverkauf unter Prosumern und Verbrauchern sorgt in der Energiewirtschaft selbst bei Technikbegeisterten für Unruhe. „Wenn man es bis zum Schluss denkt, können Blockchain-Anwendungen wichtige Bereiche unseres Geschäftes übernehmen und Energieversorger in Teilen überflüssig machen“, sagt der Innovationschef von Vattenfall, Claus Wattendrup. Die Resonanz explodiert jedenfalls.

Wie funktioniert Blockchain?

Im vergangenen Juli reiste eine Delegation des Bundesumweltministeriums nach Brooklyn, bei der Klimakonferenz in Marrakesch präsentierte LO3-Gründer Lawrence Orsini das Projekt auf Einladung des Weltwirtschaftrats für Nachhaltige Entwicklung. Siemens hebt das Start-up nun auf eine neue Stufe, denn die Partner wollen nicht nur den bilanziellen Handel steuern, sondern auch die viel schwieriger zu beherrschenden physischen Stromflüsse. „Wir sehen große Chancen für die Anwendung der Blockchain-Technologie – vor allem in Microgrids mit verteilten und dezentralen Energiesystemen“, sagte Thomas Zimmermann, CEO der Geschäftseinheit Digital Grid. 

 

Jedes zweite Energieunternehmen beschäftigt sich mit dem Trend

Wie groß das Interesse an den Blockketten inzwischen ist, zeigt eine Umfrage der Deutschen Energie-Agentur (Dena) und der Berliner Business School ESMT aus dem Sommer unter 70 deutschen Energieunternehmen. Inzwischen plant jedes zweite der befragten Netzwerk-Mitglieder Blockchain-Anwendungen oder ist sogar mitten in der Entwicklung. 

Technisch gesehen sind Blockchains dezentrale Datenbanken, die Informationen über Transaktionen speichern. Sie gelten als besonders sicher, weil kryptographische Verschlüsselungsverfahren zum Einsatz kommen und die Daten nicht wie üblich auf einem zentralen, sondern auf vielen Rechnern gespeichert sind. Um eine Transaktion nachträglich zu manipulieren, müsste ein Angreifer die Blockchain auf der Mehrzahl der beteiligten Rechner knacken. 

Billiger als übliche Transaktionsmodelle können Blockchain-Anwendungen dann werden, wenn Programmierer für sie digitale Verträge schreiben. Durch die Smart Contracts laufen Transaktionen zwischen den sogenannten Peers automatisch. Es ist kein Vermittler mehr nötig, der das Geschäft rechtssicher dokumentiert und damit Vertrauen zwischen den Handelspartnern herstellt – etwa eine Bank, ein Notar oder eine zentrale Clearingstelle. Die Leipziger Strombörse EEX geht davon aus, dass programmierbare Verträge die Flexibilität im Stromhandel steigern werden. „Smart Contracts ermöglichen die Abbildung von Derivaten, die nicht den aktuellen Standards entsprechen“, sagt eine Sprecherin.

 

Internet der Dinge als Schlüsseltechnologie

Am interessantesten aber werden Blockchains in der Energiewirtschaft, wenn Smart Meter oder andere Sensoren eine Brücke in die Welt der Dinge bauen. Im Internet of Things stellt die Hardware per Blockchain automatisch vertrauenswürdige Informationen bereit, beispielsweise ob ein Handelspartner tatsächlich Solarstrom erzeugt hat, zu welchem Anbieter eine Ladesäule für E-Autos gehört oder in welchem technischen Zustand Kraftwerke sind. Das Wiener Start-up Grid Singularity etwa entwickelt eine Anwendung für die Bewertung von großen Wind- und Solarparks. Interessieren sich professionelle Anleger für die Investition in ein solches Asset, berechnen Gutachter für die technische Due Diligence schnell Zehntausende Euro. Eine Blockchain-Applikation werde die gleiche Aufgabe laut Unternehmensgründer Ewald Hesse zu einem Bruchteil der Kosten erledigen.

Daten aus Erzeugungsanlagen will Grid Singularity nun ab Februar in einem weiteren Projekt mit dem Namen World Meter sammeln. Start-ups sollen so in der Lage sein, gemeinsam mit den Betreibern einfacher neue Anwendungen zu entwickeln. Vattenfall plant in Kürze einen ersten Probelauf. Man werde Daten aus Batterien übertragen und testen, ob der Austausch über eine Blockchain funktioniere, kündigt Innovationschef Wattendrup gegenüber bizz energy an. Im Anschluss will das Unternehmen mögliche Geschäftsmodelle entwickeln. 

Längst suchen etablierte Konzerne Anschluss an die Entwicklerszene. „Wir sind uns sicher, dass Blockchain ein sehr wichtiger Transaktionslayer für dezentrale Systeme werden wird, deshalb hat das Thema für uns eine große Bedeutung“, sagt Carsten Stöcker, der den Innovationsschwerpunkt Machine Economy bei der RWE-Tochter Innogy leitet.

 

E-Autos rechnen Ladestrom selbständig ab

Der Energiekonzern aus Essen beschäftigt sich seit 2014 mit der Technologie und treibt mit Partnern inzwischen fünf Projekte voran. Bei Share&Charge können Besitzer von Lademöglichkeiten ihre Station E-Auto-Fahrern zur Verfügung stellen. Für das Bereitstellen der Abrechnungsplattform berechnet Innogy eine Gebühr, die auf dem Level von Kreditkarten liegt. Ob dieses spezielle Geschäftsmodell nachhaltig sein wird, ist allerdings zweifelhaft. Im Finanzsektor machen Blockchain-Start-ups etablierten Finanzkonzernen gerade bei einfachen Zahlungsdienstleistungen Konkurrenz und liefern sich ein Wettrennen um die günstigsten Gebühren. In einem zweiten Projekt will Innogy einen Roaming-Dienst entwickeln, mit dem E-Auto-Fahrer an den Ladesäulen beliebiger Anbieter Strom zapfen können. Bisher gibt es selbst im Roaming immer noch mehrere Plattformen wie Intercharge und Plugsurfing. Wollen Fahrer besonders flexibel sein, müssen sie mit jedem Anbieter einen Vertrag schließen und mehrere Chips oder Karten zur Authentifizierung bei sich tragen.

Die Blockchain-Lösung von Innogy soll komplett  betreiberunabhängiges, automatisches Laden ermöglichen. Das Elektroauto erkennt den Betreiber der Ladestation, aus der Blockchain erfährt die Säule, ob der Kunde über genug Guthaben verfügt und rechnet automatisch ab. 

Über die Anwendung will Innogy nicht nur an Transaktionsgebühren verdienen, sondern Mehrwertdienste anbieten. Angeschlossene Elektroautos lassen sich mit ihren Batterien zu einem Pool zusammenschließen, über den das Unternehmen Regelenergie anbieten kann. Zusätzliche Erlöse versprechen sich die Essener von Flottenbetreibern. Die sollen dafür zahlen, dass ihre Batterien schonend geladen werden und nicht zu schnell altern.

 

Mülheim noch vor Brooklyn

Weitgehend unbeachtet von der Öffentlichkeit hat Innogy bereits im Sommer 2015 einen Peer-to-Peer-Handel per Blockchain nachgebildet – Monate vor Brooklyn, in einer Stichstraße der Ruhrgebietsstadt Mülheim. Im Unterschied zu New York haben die Haushalte dort jedoch kein Geld an ihre Nachbarn mit Solaranlage überwiesen. „Wir haben den Peer-to-Peer-Stromhandel und den Bezahlprozess via Krypto-Währung simuliert – und das mit echten Wetter-, Einspeise- und Verbrauchsdaten“, erklärt Stöcker. Innogy arbeitet für das Projekt Co-Tricity mit dem gleichen Partner wie LO3 in den USA zusammen, dem Blockchain-Hub Consensys.

Für die Kommerzialisierung sollen die PV-Anlagenbesitzer im Innogy-Projekt ihren Strom allerdings nicht weiter an ihre Nachbarn liefern, sondern an lokale Unternehmen – vor allem Supermärkte. Gewerbliche Abnehmer finden sich leichter in den komplizierten Regularien des Strommarktes zurecht. Verlässt ein Hausbesitzer das bequeme EEG-Modell der Einspeisevergütung, braucht er eine Zulassung als Stromlieferant, sein Geschäftspartner wird zum Bilanzkreisverantwortlichen. Die Anforderungen des regulierten Strommarktes sind laut PWC die größten Hemmnisse für Blockchain-Transaktionsmodelle. „Ein Teil des Nutzens der dezentralen Peer-to-Peer-Beziehungen geht damit verloren“, analysiert die Unternehmensberatung PWC in einer Studie für die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. 

Prosumer haben allerdings Verbündete auf höchster Ebene. EU-Energiekommissar Miguel Arias Cañete will in der novellierten Erneuerbaren-Richtlinie festschreiben, dass die Mitgliedsstaaten Kleinerzeuger nicht als Energielieferanten behandeln. Verbieten möchte Cañete „unverhältnismäßige Regeln und Gebühren, die nicht die Kosten widerspiegeln“. 

 

Millionen Euro abgezweigt

Eine mögliche Lösung sieht Christoph Burger, Dozent an der ESMT, in separaten Handelsplätzen: „Der regulatorische Rahmen könnte sich so weiterentwickeln, dass es in Zukunft getrennte Strommärkte für den Peer-to-Peer-Handel gibt.“ 

Überraschend ist angesichts dieser unter Fachleuten weit verbreiteten Skepsis die Gelassenheit der Bundesnetzagentur. „Derzeit bestehen aus regulatorischer Sicht keine grundsätzlichen Einschränkungen für die Entwicklung und Implementierung von Blockchain-Geschäftsmodellen“, erklärt ein Behördensprecher.

Doch Blockchains sind vor allem technisch noch gar nicht ausgereift. Bei einer speziellen Anwendung ist es bereits zu einer Millionenschummelei gekommen. Im Juni nutzte ein Hacker eine Schwachstelle im Investmentfonds The DAO, der auf der öffentlichen Blockchain Ethereum basiert. Nach einem Noteingriff der Ethereum-Entwickler existieren nun zwei Versionen der Ethereum-Blockchain.

Weniger dramatisch, aber kommerziell das größte Hindernis: Mit jeder Transaktion und jedem Teilnehmer wachsen die Blockketten und damit der Rechenaufwand. Blockchains brauchen daher beträchtliche Mengen Strom und sind noch sehr langsam. Bitcoin schafft nur sieben Transaktionen pro Sekunde, der Zahlungsdienst Visa 50.000. Die Unternehmensberatung Gartner schätzt, dass es noch fünf bis zehn Jahre dauert, bis Blockchains im Massenmarkt ankommen. Ironischerweise werden Blockchains im Moment vor allem dadurch schneller, dass sie doch von zentralen Instanzen wie Energieversorgern kontrolliert werden. Im Gegensatz zu öffentlichen ähnelten private Blockchains sehr konventionellen Strukturen, merkt PWC kritisch an.

 

Versorgerwechsel im Minutentakt

In der Energiewirtschaft sind außerdem viele digitale Dienstleistungen bereits ohne Blockchains möglich. Ökostrom aus eigenen Communitys liefern bereits viele Unternehmen wie Lichtblick, Sonnen und Lumenaza an Privatkunden.

Am Ende könnte die Revolution auf dem Strommarkt für etablierte Unternehmen gar nicht so bedrohlich ausfallen, wie New York vermuten lässt. In die Karten spielen ihnen dabei auch die Gewohnheiten ihrer Abnehmer. „Die meisten Kunden wollen eine Institution wie einen Netzbetreiber, der dafür verantwortlich ist, dass sie immer Strom haben“, sagt Esther Mengelkamp, Wissenschaftlerin am Institut für Informationswirtschaft und Marketing des Karlsruher KIT. Microgrid-Gründer Orsini selbst sandte kürzlich in einem Video-Interview eine beruhigende Botschaft an Firmen, die mit Sorge auf die Blockchain schauen: „Für heutige Märkte muss das keine Disruption sein, sondern einfach eine Evolution in ihrer Effizienz.“ 

Indirekt kann die neue Effizienz und Flexibilität den Strommarkt laut PWC allerdings doch verändern. Blockchains ermöglichen es, Energie im Minutentakt von wechselnden Produzenten zu beziehen. Zusammen mit der steigenden Anzahl von Ökostrom-Anlagen können Stromkunden deshalb von einem größeren Angebot profitieren – und sinkenden Preisen.

Manuel Berkel
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Blockchain | Digitalisierung | Internet der Dinge | Internet of Things | Microgrid | Grid Singularity | Co-Tricity | LO3 Energy | Innogy | Brooklyn Microgrid
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Kommentare

" In einem zweiten Projekt will Innogy einen Roaming-Dienst entwickeln, mit dem E-Auto-Fahrer an den Ladesäulen beliebiger Anbieter Strom zapfen können. Bisher gibt es selbst im Roaming immer noch mehrere Plattformen wie Intercharge und Plugsurfing."

So Innogy wants to add another platfor because there are too many platforms. And may I remind Innogy/RWE is a founder of Intercharge (!).

Please write more intelligent articles. Thanks

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