Wärmemarkt
05.08.2016

Brennstoffzelle könnte Heizungskeller erobern

Foto: EnBW, Vaillant

Bislang waren Heizungen mit Brennstoffzelle ein Zuschussgeschäft. Mit dem von Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) zum ersten August aufgelegten Förderprogramm werden sie erstmals finanziell attraktiv, sagen Experten.

 

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Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) forciert die Revolution im Heizungskeller ­– und bringt deshalb ein üppiges Förderprogramm für Brennstoffzellen-Heizung auf den Weg.

Bislang wirkten die hohen Kosten auf viele Hausbesitzer abschreckend. Mir rund 20.000 Euro lagen sie doppelt so hoch wie bei vergleichbaren Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen mit Verbrennungsmotor. Ein Brennwertkessel kostet sogar nur etwa 8.000 Euro. „Durch die neue Förderung und in Verbindung mit bestehenden KWK-Förderung werden nun auch Brennstoffzellen-Heizgeräte finanziell attraktiv“, sagt Werner Tillmetz im Zentrum für Sonnenenergie- und Wasserstoffforschung Baden-Württemberg (ZSW). Für typische Modelle sind laut Tillmetz Zuschüsse in Höhe von 9.000 bis 13.000 Euro drin. Er ergänzt: „Aufgrund der niedrigen elektrischen Leistung zwischen 700 und 1.500 Watt eignen sich die Geräte besonders für Einfamilienhäuser.“

 

Steigbügel für die Heizungshersteller

Einreichen können Hausbesitzer den Antrag auf die Zuschüsse voraussichtlich ab der kommenden Woche bei der Frankfurter Förderbank KfW. 

Damit geht ein lang gehegter Wunsch von Heizungsherstellern wie Vaillant, Buderus und Junckers in Erfüllung. Sie haben lange auf ein bundesweites, zeitlich begrenztes Förderprogramm gedrängt. Doch nur die Landesregierungen in Nordrhein-Westfalen, Hessen und Sachsen hatten ihren Wunsch bislang erhört und eigene Programme für die Anschaffung eines Brennstoffzellen-Geräts unterstützt.

Warum Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel auf die Brennstoffzelle im Heizungskeller setzt, hat einfache Gründe: Ihre Abgase sind vergleichsweise sauber. Es entstehen keine Stickoxide und der Ausstoß von klimaschädlichem CO2 reduziert sich im Vergleich zu anderen Heizungen fast um die Hälfte. Für die Wärmewende interessant wird die Brennstoffzelle zudem durch einen zusätzlichen Effekt: neben Wärme entsteht auch Strom. Bis zu 60 Prozent der im Erdgas enthaltenen Energie wird in Elektrizität umgewandelt.

 

Kinderkrankheiten sind ausgemerzt

In Brennstoffzellen reagiert Sauerstoff mit Wasserstoff zu Wasser. So entsteht Wärme. Den Wasserstoff produzieren die Anlagen selbst – mittels einer einfachen chemischen Reaktion. Durch einen Katalysator werden die Kohlenwasserstoffe aus dem Erdgas in Wasserstoff verwandelt. Das Erdgas stammt aus der Hausgasleitung.

Über acht Jahre hatte die Bundesregierung gemeinsam mit der Industrie in einem Pilotprojekt namens Calux daran gearbeitet, die technischen Schwierigkeiten der Brennstoffzellenheizung aus dem Weg zu räumen. Nach Auskunft der Brennstoffzellen-Initiative haben weitere Hersteller für dieses Jahr die Einführung neuer Geräte angekündigt. Ihr gemeinsames Ziel: Die Kosten durch die Steigerung der Stückzahlen zu senken.

 

Brennstoffzelle auf der Straße

Neu ist das Prinzip der Brennstoffzelle nicht. In der Raumfahrt kommt sie schon seit Jahren zum Einsatz und auch in der Automobilbranche galt sie bereits Anfang der 2000er-Jahre als nahezu serienreif. Doch erst jetzt fahren auch tatsächlich die ersten Autos mit Wasserstoff im Tank auf die Straße. Im Herbst vergangenen Jahres schickte der japanische Autohersteller Toyota mit dem Mirai das erste serienreife Modell ins Rennen. Kurz darauf zog Hyundai mit dem Fuel Cell nach, Daimler hat für das kommende Jahr ein Modell angekündigt.

Wenn es nach dem Willen von Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) geht, soll die Wasserstoffmobilität in Deutschland volle Fahrt aufnehmen ­– nicht nur auf der Straße. „Wasserstoff und Brennstoffzellen sind aus Sicht des Bundes eine unverzichtbare Alternative und Ergänzung zu den leistungs‐ und reichweitenbeschränkten Batteriefahrzeugen, insbesondere für die Langstrecke, für große Autos und Busse, perspektivisch aber auch für den Schiffs‐ und Luftverkehr“, heißt es in dem soeben vom Bundesverkehrsministerium veröffentlichten Verkehrswegeplan. Bis 2023 sollen dazu bundesweit 400 neue Wasserstofftankstellen aufgestellt werden.

Nicht nur Dobrindt ist Wasserstoff-Fan. Auch die Erneuerbaren-Branche forciert die Wasserstoffwirtschaft, insbesondere die Windmüller. Sie argumentieren: Wasserstoff könnte als Speicher ein zentrales Problem der Energiewende lösen. Regional produzieren Wind- und Solaranlagen gelegentlich mehr Strom als benötigt wird. Umgekehrt fehlt bei Flauten und Bewölkung Grünstrom im Netz. Statt Windanlagen im windreichen Norden der Republik zu stoppen, könnte der überschüssige Ökostrom in grünes Gas umgewandelt und gespeichert werden – und dann zum Beispiel in den Autotank fließen.

Jana Kugoth
Keywords:
Brennstoffzelle | Wärmemarkt | Förderprogramm | KfW | Wasserstoff | Heizungen | Wärmewende
Ressorts:
Governance | Markets

Kommentare

Ich freue mich ja grundsätzlich über die Föderung guter Verfahren. Ich befürchte nur, dass relevante Anteile dieser Zuschüsse eher zur Gewinnmaximierung und weniger zur Preissenkung dienen werden. Ich rätsele aber auch, wie man diesen Schwund verhindern/verringern kann.

Wäre schön, wenn damit jetzt endlich der Durchbruch für die Brennstoffzelle käme. Das niederländische Institut "Energy Matters" hat im Rahmen des Code2-Projekts (www.code2-project.eu) geschätzt, dass im Jahre 2030 in Deutschland 40% der neuen Heizungen Brennstoffzellen sein werden. Diese Schätzung basiert auf einem angenommenen Lernkurvenfaktor von 15 % d.h. bei Verdopplung der Stückzahl reduzieren sich die Herstellungskosten um 15 %.
Die CO2 Einsparung durch Brennstoffzellen ist übrigens deutlich höher als nur 50 %, wie in dem Text beschrieben. Er liegt deutlich über 100 %. Das mag seltsam klingen, ergibt sich jedoch logisch daraus, dass Brennstoffzellen pro Einheit erzeugte Nutzwärme über den miterzeugten Strom durch Substitution von Steinkohlestrom (und genau der wird nach Maßgabe der Merit Order der eingesetzten Kraftwerke substituiert) mehr CO2 einsparen als durch das vor Ort eingesetzte Erdgas emitiert wird. Dieser Effekt wird bei manchen Zurechnungsmethoden leider unterschlagen oder verzerrt.

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