Auto-Gipfel
02.08.2017

Charité-Arzt warnt vor Diesel: „Kranke werden kränker“

Foto: Greenpeace/Mike Schmidt
Greenpeace-Projektion am Bundesverkehrsministerium: Seit Bekanntwerden der Abgasabschalteinrichtungen bei VW sind laut Greenpeace 19.807 Menschen vorzeitig an den Folgen zu hoher Schadstoffe in der Luft gestorben.

Feinstaub und Stickoxide schaden nicht nur Kindern besonders, sondern werden auch mit Alzheimer-Erkrankungen in Verbindung gebracht. Nach dem Diesel-Gipfel gibt es große Zweifel daran, ob Software-Updates ausreichen, um den Schadstoffausstoß deutlich zu senken.

Die von Politik und Autoindustrie vereinbarten Software-Updates für Diesel-Autos gehen aus Sicht von Christian Witt, Lungenspezialist an der Berliner Charité, am Ziel vorbei. „25 Prozent sind nur ein Viertel, und das reicht bei weitem nicht aus“, sagt der Professor im Gespräch mit bizz energy. Politik und Autohersteller einigten sich beim Diesel-Gipfel am Mittwoch darauf, 5,3 Millionen Fahrzeuge der Emissionsklassen Euro 5 und 6 zunächst nur mit Software-Updates nachzurüsten. Dies ist ein freiwilliges Angebot der Hersteller, welche die Kosten dafür tragen. Nach Angaben von VDA-Präsident Matthias Wissmann lässt sich damit der Ausstoß von Stickoxiden (NOx) im Schnitt um 25 bis 30 Prozent senken.

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Asthma und Bronchitis

Lungenexperte Witt ist sich mit anderen Medizinern, dem Umweltbundesamt und der Weltgesundheitsorganisation WHO über die Gesundheitsgefahr durch den Diesel einig: Feinstaub und Stickoxide, die von Diesel-Fahrzeugen in hoher Konzentration ausgestoßen werden, verstärken vorbestehende Erkrankungen wie Asthma oder chronische Bronchitis sowie Herz-Kreislauferkrankungen. „Feinstaub, insbesondere Diesel-Ruß, hat eine entzündungsverstärkende Wirkung und ist krebserregend“, sagt Witt. Dies gehe so weit, dass Partikel ins Blut gelangen, weitertransportiert werden und sich in anderen Organe wie beispielsweise dem Gehirn ablagern. „Es lassen sich sogar Zusammenhänge mit der Entstehung von Alzheimer und Diabetes nachweisen“, sagt Witt.

Die Software-Nachrüstung trifft auf die Kritik von Umwelt- und Verbraucherschutzverbänden, die von einer Schadstoff-Verringerung von nur zehn Prozent ausgehen. Dem Umweltbundesamt zufolge überschreiten die Schadstoff-Werte an vielen deutschen Messstationen den von der EU festgelegten Jahresgrenzwert von 40 Mikrogramm Stickstoffdioxid pro Kubikmeter seit vielen Jahren. Diesel-PKW haben daran den größten Anteil: Sie sind für 67 Prozent der NOx-Verkehrsemissionen verantwortlich.

10.600 vorzeitige Todesfälle

Stickoxide haben laut Witt zwar nur einen geringen Einfluss auf die Entstehung von Krebs, verstärken aber Entzündungen. Patienten hätten mehr Symptome, müssen öfter krankgeschrieben werden, bräuchten mehr Medikamente und müssten teils auch ins Krankenhaus. „Kranke werden kränker“, bilanziert Witt. Er verweist auf Berechnungen der europäischen Umweltagentur, wonach in Deutschland 2014 rund 10.600 Menschen vorzeitig an den Folgen hoher Stickoxidwerte starben. Das entspricht rund 112.400 verlorenen Lebensjahren.

Asthma-Patienten rät der Lungenspezialist, nach Möglichkeit eine Wohnung an einer Hauptverkehrsstraße zu vermeiden. „Schon hundert Meter entfernt sinken die Schadstoffkonzentrationen um etwa ein Fünftel.“ Zudem sollten Betroffene längere Spaziergänge entlang mehrspuriger, vielbefahrener Straßen wie etwa der Frankfurter Allee in Berlin vermeiden. Auch Kinder seien besonders betroffen: Messungen in einem Kindergarten an der Frankfurter Allee hätten „beunruhigende“ Werte ergeben. Langzeitstudien im US-Bundesstaat Kalifornien zufolge wiesen Kinder, die entlang vielbefahrener Straßen groß wurden, verminderte Lungenfunktionen und kleinere Lungen auf im Vergleich zu Kindern, die im Grünen aufwuchsen.

"Kann sein, dass wir Hauptbelastung noch gar nicht richtig erfassen"

Kinder seien schon aufgrund ihrer Körpergröße besonders gefährdet. Denn je näher der Mensch sich dem Boden befinde, desto höher sei die Schadstoffkonzentration. Die offiziellen Messungen fänden jedoch in etwa drei Meter Höhe statt. „Es kann gut sein, dass wir die Hauptbelastung noch gar nicht richtig erfassen. Darüber gibt es aktuell eine große Diskussion“, sagt Witt.

Die deutschen Krankenkassen haben keine Erhebungen darüber, welche Kosten ihnen durch Verkehrsabgase verursachte oder verstärkte Krankheiten entstehen. Dies lasse sich nur schwer nachweisen, sagt eine Sprecherin des BKK Dachverbands. Allerdings haben Forscher in einer im US-Wissenschaftsjournal "Environmental Research Letters" veröffentlichten Studie untersucht, wie sich überhöhte Emissionen der Volkswagen-Flotte auf die Gesundheitskosten auswirken. Sie schätzen auf Basis von Daten des Bundesumweltamtes, dass sich im Median Gesundheitskosten in Höhe von 4,1 Milliarden Euro einsparen ließen, wenn VW den Ausstoß seiner aktuellen Flotte in Deutschland bis Ende 2017 auf die EU-Richtwerte verringern würde. Dieser Wert entspräche 29.000 Lebensjahren, die ansonsten durch vorzeitige Todesfälle verloren gingen.

Jutta Maier
Keywords:
Diesel | Dieselgipfel | Stickoxide | Gesundheit | Charité
Ressorts:
Governance | Technology

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