Elektromobilität
21.07.2016

Chinas Metropolen stoppen Elektro-Roller

Foto: Vladimir Menkov
Chinas beliebte Elektrofährräder sind kaum mehr von Rollern zu unterscheiden.

Keine andere Form der Elektromobilität boomt so stark wie E-Roller auf Chinas Straßen. Doch nach Hunderten Verkehrstoten gehen die größten Metropolen nun gegen die umweltfreundlichen Gefährte vor.

Wenn der Kunde sich für eines der Elektrofahrräder entschieden hat, schraubt Wu Cuihua erst einmal die Pedale ab. „Die brauchen sie doch nicht, oder?“, sagt sie. „Die Dinger sind ja ab Fabrik überhaupt nur aus formalen Gründen dran.“ Unter der grün-weißen Markise ihres Fahrradladens stehen in der Pekinger Julisonne auf den ersten Blick nur Motorroller und Mofas. Doch was aussieht wie eine Vespa, ist offiziell ein elektrisches Fahrrad.

Anzeige*

Keiner von Wus Kunden hat vor, sich auch nur einen Meter durch mühsames Treten vorwärtszubewegen. Der E-Roller ist in China das Fortbewegungsmittel der Wahl geworden. Deutlich mehr als 200 Millionen von ihnen flitzen durch die Straßen und Gassen der Städte.

 

Vespas statt Teslas

Der Boom der E-Flitzer galt bis vor Kurzem als erster Triumph der Elektromobilität, als Einstieg in das Zeitalter des emissionsfreien Fahrens. Statt von oben mit sündteuren Teslas zu beginnen, hat China das Batteriezeitalter mit Vespas eingeläutet. Während hochbezahlte Experten in Ministerien und Instituten weltweit noch über die Förderung der Elektromobilität grübeln, ist sie in China bereits tägliche Realität.

Doch dieser Erfolg ist nun in Gefahr – denn zahlreiche Städte haben angefangen, die Elektroroller streng zu regulieren. Darunter befinden sich mit Peking, Shanghai und Guangzhou die Trendsetter des Landes. Die Industriemetropole Shenzhen setzt entsprechende Pläne derzeit um.

Fahrradverkäuferin Wu fürchtet um ihren Absatz, denn ihre Produkte dürfen seit neuestem in der Pekinger Innenstadt auf vielen Straßen nicht mehr fahren. Auch Umweltschützer und andere Interessengruppen sehen die Trendwende mit Sorge. „Maßnahmen, um Elektrofahrräder zu verbieten, werden negative Auswirkungen haben“, sagt Ma Zhongchao von der China Bicycle Association (CBA). „Die Städte sollten die Verkehrsmittel stärker diversifizieren statt auf teure, autozentrierte Infrastruktur zu setzen.“

Eine Überregulierung von Elektrofahrrädern in jeder Form treffe vor allem den einkommensschwachen Teil der Bevölkerung und löse Zorn und Verwirrung aus, warnt Ma. „Sie widerspricht völlig dem Versprechen der Regierung, Emissionen und Smog zu bekämpfen.“

 

Führerscheinlos im Verkehr der Millionenstädte

Die Bürokraten zielen mit ihren Neuregelungen jedoch genau auf die Eigenschaften ab, die den E-Roller bisher so attraktiv gemacht haben. Er brauchte keine Anmeldung und damit kein Nummernschild, er ließ sich ohne Führerschein fahren – und er war unglaublich billig. Die Behörden drohen, den zehnjährigen E-Boom in den betreffenden Städten jäh zu unterbrechen.

In der Stadt Guangzhou ist die Benutzung der E-Roller jedoch in ihrer bisherigen Form bereits ausdrücklich illegal. Die Altbesitzer ärgern sich, dass die Regierung ihr liebstes Fortbewegungsmittel plötzlich mit Androhung von Strafe stilllegt. In Peking sind E-Fahrräder von zehn großen Straßen und ihren Zubringern verbannt. Darunter befindet sich mit der Straße des Langen Friedens die Hauptachse durch das Stadtzentrum.

Die Behörden erwägen, die Regulierung schrittweise immer weiter zu treiben. Nach Ansicht der Beamten müssten für die E-Roller grundsätzlich ähnliche Anforderungen gelten wie für Motorroller: Die Fahrer müssten eigentlich einen Führerschein besitzen – und der fahrbare Untersatz braucht ein Nummernschild. Ebenfalls im Gespräch sind technische Mindestanforderungen an Licht, Bremsen und die Sicherheit und Umweltfreundlichkeit der Batterie.

Aus Sicht der Gemeinden ist der Drang zur Regulierung verständlich. Die E-Roller fahren bis zu 50 Stundenkilometer schnell und unterscheiden sich insofern nicht von ihren motorisierten Geschwistern. Warum sollten Kinder und Erwachsene ohne Führerschein auf ihnen herumflitzen dürfen – im Zweifelsfall ohne Ahnung von Verkehrsregeln? „Es gab einfach zu viele unausgebildete Fahrer“, sagt ein Polizist aus Guangzhou der Nachrichtenagentur Xinhua. Zudem hat keine der Fahrer eine Haftpflichtversicherung, was bei schweren Unfällen die Rechtslage verkomplizieren.

 

"Der Boom war ein Politik-Unfall"

In Peking sind im vergangenen Jahr auf vier Millionen E-Bikes mehr als 30.000 Unfälle gekommen, bei denen über 100 Menschen getötet wurden. Damit entfallen 37 Prozent aller Verkehrsunfälle auf die lautlosen, anarchischen Fahrzeuge. Ihre Fahrer lassen sich dabei nicht anhand von Blitzer-Fotos und Überwachungskameras ermitteln – schließlich brauchen die Gefährte keine Nummernschilder – klar, sie sind ja Fahrräder. Sie flitzen in allen Richtungen durch den Verkehr und ignorieren dabei Ampeln und Vorfahrtsregeln.

Oft hält der Vater vor sich auf dem Trittbrett irgendwie noch ein kleines Kind fest, hinten sitzt die Mutter, keiner trägt einen Helm, und das ganze Gebilde fährt entgegen der Fahrtrichtung auf einer Schnellstraße. Da wundert es nicht, dass es die Behörden juckt, das Treiben in den Griff zu bekommen.

Doch eine weitreichende Neuregelung macht die Anschaffung des E-Bikes teuer und umständlich. Nur eine Minderheit in China hat einen Führerschein. Steuern, Versicherung und Gebühren würden die Bikes teuer machen, ebenso wie erhöhte Sicherheitsanforderungen. Bisher waren E-Roller schon ab 100 Euro zu haben.

Der Durchbruch der elektrischen Zweiräder war von Anfang an nicht etwa eine Leistung der Umweltpolitik, sondern rein vom Markt getrieben. „Der Boom war kein Politikerfolg, sondern ein Politik-Unfall“, sagt der taiwanesische Mobilitätsforscher Yang Chi-Jen, der derzeit an der Duke University in den USA arbeitet. Nicht Förderung von Elektrofahrzeugen, sondern ein Verbot von Motorrädern in den Innenstädten habe den E-Rollern den entscheidenden Schub gegeben. Die Verkehrsrevolution sei also nicht von oben verordnet, sondern sie ist im Gegenteil ein Aufstand der Massen gegen staatliche Gängelei.

 

Friedhöfe voll rostender Elektroroller

Nun schlagen die Behörden zurück. Sie haben dabei die Rechtslage auf ihrer Seite, denn die Legalität der schnellen, großen Elektroroller stand schon länger in Frage. „Die Hersteller nutzen die Definition eines Fahrrads maximal aus“, erklärt Verkäuferin Wu den Trick. Vielleicht haben sie die Definition auch längst verlassen: Zumindest optisch haben ihre beliebtesten Waren mit Fahrrädern nichts mehr zu tun. Die Pedale an den größeren Elektrorollern wirken wie nachträglich aufgesetzt.

In Guangzhou teilt die Polizei den aufgebrachten Besitzern eiskalt mit, ihre Fahrzeuge hätten noch nie den Gesetzen entsprochen. Die wiederum fühlen sich veräppelt – schließlich wurden ihre Roller jahrelang in Massen angeboten und von Millionen von Kunden genutzt.

Vertreter der Zentralregierung befürchten nun einen erneuten Anstieg der Luftverschmutzung. „Wenn wir die E-Räder verdrängen, dann haben viele Bürger keine andere Wahl, als ein Auto zu kaufen“, sagt Chou Baoxing, ein Regierungsberater und früherer Bauminister, der Zeitschrift „Caijing“. Die Autoindustrie werde vermutlich profitieren, und die Straßen dürften wohl etwas sicherer werden. „Aber als Nebenwirkung bekommen wir schlechtere Luftqualität und mehr Staus.“

In der Stadt Shenzhen haben sich bereits erste Fahrrad-Friedhöfe gebildet. Die Polizei hat im März die ersten 18.000 Roller konfisziert und 874 Personen im Zusammenhang mit illegaler Fahrzeugnutzung verhaftet. Um öffentlich ein Zeichen zu setzen, haben die Beamten die Roller unter Hochstraßen und auf Brachen stapeln und zusammenschieben lassen. Dort verrosten die einst von ihren Besitzern heiß geliebten Roller nun.
 

Finn Mayer-Kuckuk
Keywords:
China | E-Bikes | E-Mobilität | Roller | Peking | Regulation | Energiewende | Verkehrswende | Regulierung
Ressorts:

Neuen Kommentar schreiben

 

bizz energy März 2017

Die neue bizz energy gibt es ab sofort am Kiosk oder bei unserem Abonnentenservice unter bizzenergy@pressup.de.

 
 

bizz energy Research

Individuell zugeschnittene Studien
und differenzierte Analysen sowie
kurze Reports


Aktuelle Angebote:
» Zur Ausschreibungssimulation
» Zum Kostenbenchmarking Wind Onshore
» Informationen zur Studie "Solarenergie in Chile"



MEHR INFORMATIONEN HIER

bizz energy - iSpin-Technologie - powered by ROMO Wind

Die patentierte iSpin-Technologie misst den Wind genauer als je zuvor – direkt am Spinner, wo er erstmals auf die Anlage trifft. Das bedeutet: bessere Daten, mehr Ertrag, geringere Lasten.

 

Film ab! Energiewende in 25 Sek.

Ihre Kreativität ist gefragt!

Mehr Infos zum bizz energy Video Wettbewerb hier

 

 

bizz energy Veranstaltungen