Kolumne
10.03.2017

Dieselgate ist überall

Foto: John Bernier, Illustration: Valentin Kaden

VW steht am Pranger, aber in diesem absurden Schauspiel gibt es viel mehr schwarze Schafe. Eine Kolumne von Ferdinand Dudenhöffer. 

Die Ereignisse rund um manipulierte Dieselautos wirken wie Absurdes Theater. Würde Literaturnobelpreisträger Harold Pinter, der Mitbegründer dieses Genres, noch leben, so hätte er viel Stoff für ein bissiges Bühnenstück mit dem Titel „Dieselgate ist überall“. Den ersten Höhepunkt erlebt die Handlung, als im September 2015 der damalige VW-Vorstandsvorsitzende Martin Winterkorn den Diesel-Betrug in den USA öffentlich zugibt. In der Folge lässt Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt die Abgaswerte bei 53 Dieselmodellen überprüfen. Das Kraftfahrt-Bundesamt präsentiert im April 2016 ein wenig widerwillig endlich die Ergebnisse. Fast alle getesteten Modelle überschreiten im normalen Fahrbetrieb den vorgegebenen Grenzwert von 0,08 Gramm Stickoxid-Ausstoß pro Kilometer deutlich. Es gibt nur drei Ausnahmen: ein Audi A3, ein VW Passat und ein VW Touran mit jeweils 2,0 Liter-Motor.

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Zweiter Akt: Im Frühsommer 2016 bittet Verkehrsminister Dobrindt die Fiat-Führung zum Rapport. Die schlägt das Gespräch aus, mit dem Hinweis, dass nicht Dobrindt, sondern die Regierung in Rom zuständig sei. Kurz darauf verkündet Italiens Verkehrsminister Graziano Delrio die Testergebnisse der italienischen Behörden: die Dieselmodelle von Fiat Chrysler erfüllen angeblich die von der Europäischen Union vorgeschriebenen Abgas-Grenzwerte.

Doch nicht nur in Deutschland, sondern auch in Frankreich werden bei Dieselmodellen von Fiat-Chrysler Dieselautos „Auffälligkeiten“ diagnostiziert. Im August 2016 legt das französische Umweltministerium die Ergebnisse seiner Abgastests vor. Wenig überraschend: Bei diversen Fahrzeugen – darunter Modelle von Fiat Chrysler – werden Stickoxid- als auch CO2-Grenzwerte zum Teil massiv überschritten.

Dritter Akt: Die französische Antibetrugsbehörde hat ein umfangreiches Fiat Chrysler Dossier erstellt. Schließlich schaltet sie die Pariser Staatsanwaltschaft ein. Fast gleichzeitig wird Fiat-Chrysler auch in den USA verdächtigt. Der Konzern spekuliert darauf, dass der neue US-Präsident Donald Trump die Environmental Protection Agency (EPA) in Washington auflösen oder zumindest vieler Instrumente berauben wird. Fiat-Chrysler-Chef Sergio Marchionne spielt Absurdes Theater und sagt: „Wer uns mit VW vergleicht, muss was geraucht haben“. Das ist ein schlechter Scherz. Hartnäckig hält sich der Verdacht, dass sich bei Fiat-Dieselmodellen stets nach zweiundzwanzig Minuten Fahrbetrieb die Abgasreinigung abschaltet. Der offizielle Prüfzyklus dauert exakt zwanzig Minuten. Deutschland und Frankreich haben die EU-Kommission aufgefordert, die Zusammenhänge zu untersuchen und gegen Italien ein EU-Vertragsverletzungsverfahren einzuleiten. Mitte Februar dieses Jahres räumt die EU-Kommission allerdings ein: „Unsere direkte Durchsetzungsmacht ist sehr limitiert um nicht zu sagen, nicht existent“. Vorhang. Ende des dritten Akts. Pause. Dieses absurde Stück ist noch längst nicht zu Ende.

Lange vor 2015 gab es Anzeichen für einen Dieselskandal

Seit gut zehn Jahren wissen alle Beteiligten Bescheid. Schon 2010 warnte die EU-Kommission die Bundesregierung, dass in 40 deutschen Ballungszentren die gesetzlichen Grenzwerte für Stickoxidbelastungen deutlich überschritten werden. Diesel-Pkw sind die Hauptverursacher, das ist hinlänglich bekannt, ebenso wie die Tatsache, dass die Abgasmessmethode – der sogenannte neue europäische Testzyklus (NEFZ) – die Realität stark verzerrt. Die Folgen sind dramatisch: Nach Berechnungen der Europäischen Umweltagentur waren im Jahr 2012 allein 10.400 Todesfälle in Deutschland auf Stickoxide zurückzuführen. In ganz Europa sogar 75.000.

Bereits  2014 leitete Brüssel ein EU-Verfahren, als Vorstufe eines EU-Vertragsverletzungsverfahrens, gegen mehrere Bundesländer ein – wegen zu hoher NO2-Belastungen. Lange vor 2015 gab es Anzeichen für einen Dieselskandal, weil die Hersteller bei Nachtests selbst im Labor die Grenzwerte nicht einhalten konnten.
Das Magazin „auto, motor und sport“ veröffentlichte zu Jahresanfang seine Emissionstests an rund 40 unterschiedlichen Dieselmodellen. Demnach gab es im normalen Fahrbetrieb fast durchweg Abweichungen von den Stickoxid-Grenzwerten, zum Teil massiv. Im Schnitt emittierten die getesteten Fahrzeugmodelle fünfmal so viel Stickoxid wie erlaubt. Beim Negativrekord überschritt ein Dieselauto die Grenzwerte um das 17-fache, trotz modernster Technik gemäß Euro 6 Norm. Nur zwei Modelle, darunter ein Fahrzeug des VW-Konzerns, erfüllten die gesetzlichen Vorgaben. Fazit: Dieselgate ist überall. VW steht am Pranger, aber es gibt viel mehr schwarze Schafe.
Zu lange hat die Bundesrepublik zweifelhafte Industriepolitik betrieben und saubere Luft in den Ballungsräumen als Nebensache eingestuft. Inzwischen versuchen sich Politiker aller Parteien als vermeintliche Saubermänner zu profilieren. So forderte Verkehrsminister Dobrindt, die seit 2007 geltende EU-Richtlinie rasch zu novellieren; sie biete Herstellern zu viele Einfallstore für Missbrauch bei der Abgasreinigung. „Das führt dazu, dass der schlechteste Ingenieur die meisten Ausnahmen in Anspruch nehmen kann“, sagt Dobrindt. Der Minister schiebt den Schwarzen Peter von Berlin nach Brüssel. Den Herstellern empfiehlt er indes, sich ein Beispiel an der Abgasreinigung moderner LKW zu nehmen. Es ist kaum zu glauben, aber wahr: Brummis mit bis zu 40 Tonnen emittieren weniger Stickoxide als Kleinwagen mit neuesten Dieselmotoren. Das ist eine Pointe dieses traurigen Schauspiels. Dessen Handlung hätte selbst Pinter sich nicht absurder ausdenken können.

Keywords:
VW | Ford | Abgasskandal | Diesel | Fiat Chrysler | Stickoxid
Ressorts:
Markets

Kommentare

Zwischen denn Zeilen kann man ganz genau ablesen, dass dieses Kasperltheater von der Deutschen Regierung nicht nur verursacht sondern auch noch weitergeführt wird! Anstatt zuerst das Problem im eigenen Haus (11Millionen VW's durchzuwinken) zu lösen, hat man sofort begonnen die Schuld anderen in die Schuhe zu schieben und mit unbändigen Fake-News den Leuten weiter auf der Nase rum zu tanzen. Wenn ja über 52 Autohersteller betroffen sein sollten!? Weshalb sollte da mal FIAT hinhalten? Vielleicht weil es für Mercedes und die Deutsche Politik oder Wirtschaft weiterhin kein Vorteil ist, reinen Tisch zu machen? Bei allen Herstellern darf laut geltendem Gesetz die Abgasreinigung abgeschaltet werden, wenn es dem Motorschutz dient. D.h. die Ingenieure bei Fiat haben sich genau überlegt per wann im Steuermodul dies geschehen darf (frühestens nach 20min). Krux ist das die deutschen Ing. dachten so klug zu sein, die Abgaseinrichtung nur laufen zu lassen, wenn das Auto auf den Prüfstand kommt und daraus leitet sich die Kriminelle Energie dieser Übeltäter ab.

Offensichtlich haben es sich die Ingenieure zur Aufgabe gemacht, den Begriff "Wertarbeit" neu zu definieren: W. ist also alles was durch die Maschen der Umwelt-(=Menschen-)Schutzgesetze passt. Ist denn der VDI, der weltweite gröte Ingenieurverband, stolz auf diese Ingenieure? Oder wird er diese Betrüber ausschließen wegen Verstoß gegen den Ingenieure-Ethos der "Wertarbeit"? Und wie gehen die Strfbehörden mit den Betrügern bei z.B. Waschmaschinen um? Energiesparend "A++" weil eine 60°-Wäsche nur 40° Wassertemperatur hat. Auch das ist Betrug mit krimineller Energie.

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