Onshore-Windenergie
28.09.2017

Neue Riesenrotoren sollen Windparks rentabel halten

Abbildung: GE
Mit der seiner neuen Windkraftanlage 4.8-158 (hier eine Computer-Darstellung) geht GE Wind Energy in den schärfer werdenden Wettbewerb.

Die Karten in der Onshore-Windbranche werden neu gemischt. Im schärferen Wettbewerb kämpfen die Hersteller mit gigantischen Anlagen um Marktanteile.

Die größte ihrer Art kommt aus dem emsländischen Städtchen Salzbergen: Die neue XXL-Windmühle von GE Wind Energy hat einen Rotordurchmesser von 158 Metern. Bis zu 240 Meter wird die Anlage des US-amerikanischen Konzerns GE in den Himmel ragen und damit fast so hoch sein wie der Frankfurter Wolkenkratzer Messeturm. Das Motiv: bessere Windausbeute. „Mit unserer neuen Onshore-Anlage 4.8-158 helfen wir unseren Kunden, in den Auktionen wettbewerbsfähig bieten zu können“, sagt Andreas von Bobart, Geschäftsführer von GE Wind Energy Deutschland, im Gespräch mit bizz energy.

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32 Prozent mehr Ertrag

 
GEs Schritt in die 4-Megawatt-Leistungsklasse dürfte bei Windpark-Entwicklern tatsächlich Interesse wecken. Sie stehen künftig unter enormem Ertragsdruck: Seit Jahresbeginn werden neue Windfarmen in Deutschland nicht mehr mit einer festen Einspeisegebühr vergütet. Stattdessen unterbieten Bewerber einander in Ausschreibungen mit immer niedrigeren Einspeisebeträgen pro Kilowattstunde. Zuletzt bekamen Gebote von durchschnittlich 4,28 Euro-Cent den Zuschlag. Die Bieter wetten darauf, dass die Industrie ihnen Anlagen liefert, mit denen sie auch bei diesen – und künftig noch niedrigeren – Einspeisepreisen Geld verdienen können. (Lesen Sie auch: Messe Husum Wind – Die Windbranche leckt ihre Wunden)

Jose Luis Blanco, Chef des Hamburger Anlagenhersteller Nordex Acciona, weiß das sehr gut und erklärt deshalb „die nachhaltige Senkung der Stromgestehungskosten“ zum obersten Ziel.  Für sein neues Modell N149/4.0-4.5 stellt Nordex denn auch gleich eine Ertragssteigerung um 32 Prozent im Vergleich zum kleineren Vorgänger-Modell in Aussicht. Konkurrent Vestas lockt mit ähnlichen Zahlen.

 

"Windindustrie im Heimatmarkt sichern"

 

Die Höhe der Gebote sinkt so stark, dass GE-Wind-Energy-Manager von Bobart sich vorstellen kann, „dass Onshore-Windparks künftig auch ganz ohne ersteigerte Einspeisegebühren realisiert werden und dass Betreiber darauf setzen, ausschließlich durch den Handel mit dem produzierten Strom Geld zu verdienen.“

Die Aussichten der Branche sind ungewisser geworden. Der Präsident des Bundesverbands Windenergie (BWE), Hermann Albers, appellierte am Tag nach der Bundestagswahl an die möglichen Koalitionäre, das Ausschreibungssystem schleunigst zu überarbeiten und das Gesamtvolumen der Auktionen zu erhöhen: „Alle Parteien sollten ein Interesse haben, die exportstarke deutsche Windindustrie in ihrem Heimatmarkt zu sichern“, mahnte Albers und forderte eine Bepreisung von CO2 als Rahmenbedingung für die ganze Energiewirtschaft. (Lesen Sie auch: Anlagenhersteller fürchten Bürgerwindparks)

 

Schritt über die Vier-Megawatt-Schwelle

 

Doch ob und wann eine künftige Regierung darauf eingeht, steht in den Sternen. Die großen Anlagenbauer bringen sich vorsichtshalber für einen drastisch härteren Wettbewerb in Stellung – mit einer neuen Generation gigantischer Windkraftanlagen.

GE, Vestas, Nordex, Senvion und Enercon haben auf der Branchenmesse Husum Wind Mitte September jene Modelle angekündigt, mit denen sie unter den neuen Vorzeichen in die Offensive gehen wollen. Nordex übertritt – wie GE – mit seiner N149/4.0-4.5 die Vier-Megawatt-Schwelle. Onshore-Weltmarktführer Vestas aus Dänemark hält mit seiner neuen V150-4.0/4.2 MW dagegen.

 

Immer kürzere Innovationszyklen

 

Wettbewerber Senvion bleibt mit seinem Modell 3.7 M144 zwar unter vier Megawatt Leistung, verspricht aber – wie alle –  höhere Erträge. Enercon aus dem ostfriesischen Aurich geht mit einer leichteren, vergleichsweise radikal abgespeckten Anlage, der E-138 EP3, unterhalb der Vier-Megawatt-Klasse ins Rennen. Windparkbetreiber sollen sie deutlich kostengünstiger installieren und betreiben können als frühere Modelle.

Besonders der Zentraleuropa-Chef von Vestas, Nils de Baar, ist guter Dinge: „Wir werden mit unserer neuen Anlage in der Vier-Megawatt-Klasse als erste am Markt sein“, sagt de Baar im Gespräch mit bizz energy. Vestas habe etwa sechs Monate Vorsprung vor seinen Wettbewerbern und damit eine gute Startposition, um seinen Marktanteil zu vergrößern. Die V150-4.0/42 soll sich ab 2019 in deutschen Windparks drehen.

 

Automatisierung und Personalabbau

 

Werden die Auktionssieger, die in den nächsten Jahren ihre Windkraftanlagen aufstellen, mit der neuen Technik tatsächlich Gewinn machen? Noch weiß niemand in der Branche, ob die Rechnung aufgeht. Fachleute erwarten aber, dass die Betreiber ihren Kostendruck an die Anlagenhersteller weitergeben und diese deshalb in immer kürzeren Innovationszyklen neue, ertragsstärkere Maschinen entwickeln müssen.

Um dem Kosten- und Effizienzdruck der Betreiber standhalten zu können, versuchen viele Hersteller derzeit, Kosten zu senken – etwa durch die Automatisierung von bisher händisch erledigten Produktionsschritten, teils aber auch durch Personalabbau.

 

Mehr als 1000 Bürgerinitiativen

 
Zugleich sehen sie sich nach neuen Wachstumsmärkten um: Enercon kehrt zurück auf den indischen Markt, den das Unternehmen wegen eines fehlgeschlagenen Joint Ventures verlassen hatte. Nordex blickt nach Mexiko, Siemens-Gamesa in die Türkei, GE in den Nahen Osten und nach Nordafrika, Vestas besonders nach Belgien, Österreich, in die Ukraine, nach Russland und auf den afrikanischen Kontinent.

Die deutschen Anlagenhersteller könnten noch aus einem anderen Grund gezwungen sein, ihr Glück im Ausland zu suchen: Die immer zahlreicheren Windparks mit immer größeren Anlagen erregen zunehmend Unmut in der Bevölkerung auf dem Land. Dem Marburger Unweltökonomen Joachim Weimann zufolge wenden sich inzwischen mehr als 1000 registrierte Bürgerinitiativen gegen die Errichtung von Windkraftanlagen. Nach seiner Einschätzung ist die Anti-Windkraft-Bewegung damit größer als einst die Anti-Atomkraft-Bewegung.

Christian Schaudwet
Keywords:
Vestas | Nordex | Siemens Gamesa | GE Wind Energy | Enercon | Windenergie | Onshore
Ressorts:
Technology | Markets

Kommentare

Einer der Probleme der Windenergie ist der höhere Bedarf von knappen Metallen wie Kupfer im Vergleich zur Erzeugung des Stromes im konventionellen Großkraftwerk. Kupferbedarf und -Preis steigen durch E-Mobilität.
Durch moderne Entwicklungen wie größere Nabenhöhe und mehr Rotordurchmesser konnte die Energiemenge die pro Jahr und kg Kupfer in einer Windturbine erzeugt wird schon erhöht werden.

Beispiele:
Enercon E-138 EP3
Aluminium statt Kupferwicklungen im direkt angetriebenen Generator.
Neukonstruktion Generator, größerer Durchmesser als ältere EP3 Anlagen wie E-101 und E-115

Nordex N-149 4.0-4.5
Mittelspannungstransformator wird in Turbinengondel verbaut:
1) starke Verringerung der Leitungsverluste da Leitung im Turm Mittelspannung, statt Niederspannung führt.
Mehr Gewinne durch größere Nabenhöhen im Binnenland, da längere Turmverkabelung nun einen kleineren Teil des Energiegewinnes durch die größere Höhe aufrisst.
2) viel weniger teurer Leiterwerkstoffe wie Kupfer im Turm nötig,
(weniger Gefahr von Kupferdiebstahl)

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