Digitalisierung
11.07.2016

Das Tor zur digitalen Energiewelt

Foto: Wikipedia / Bouchecl / CC BY-SA 4.0
Drehrädchen ade: Smart Meter erfassen den Stromverbrauch digital und können ihn zur Ablesung automatisch versenden.

Smart Meter machen den Stromverbrauch transparenter. Wirklich intelligent sind die ersten Modelle aber noch nicht und auch am Spareffekt gibt es Zweifel.

Schauen Sie nur einmal im Jahr Ihren Kontostand nach? Oder was Ihre Freunde bei Facebook machen? Was im digitalen Zeitalter inzwischen absurd erscheint, ist in der Energiewelt noch die Regel. Einmal im Jahr bekommt der Verbraucher einen Brief oder – ganz modern – eine E-Mail mit einem Link zu seiner Stromrechnung. Da steht dann auch drin, wie viel Strom er verbraucht hat. In den letzten zwölf Monaten versteht sich. Flotter wird es in den nächsten Jahren mit intelligenten Stromzählern gehen. 

Anzeige*

Ab 2017 soll der großflächige Einbau von Smart Metern in deutschen Haushalten starten. Geregelt werden der Zeitplan, die Kosten, der Umgang mit den erhobenen Daten und der Datenschutz im „Gesetz zur Digitalisierung der Energiewende“. Vor der parlamentarischen Sommerpause wurde das Gesetz nun am 8. Juli verabschiedet. Strenge Datenschutzvorschriften sollen Smart Metern zum Durchbruch verhelfen, damit sie das Tor zur digitalen Energiewelt werden und Energieverbrauchern neue Möglichkeiten verschaffen.

 

Informationen zu grob zum Energiesparen

Nach und nach werden die intelligenten Messsysteme in den nächsten Jahren die analogen Zähler mit ihren Drehscheiben und Zifferrädchen aus Urgroßvaters Zeiten ersetzen. Den fortlaufenden Stromverbrauch werden auch die neuen Smart Meter erfassen. Zusätzlich speichern sie aber noch alle 15 Minuten den aktuellen Zählerstand als Grundlage für ein Verbrauchsprofil. 

Durch mehr Transparenz will die Bundesregierung das Energiesparen voranbringen. Allerdings sind die erhobenen Daten aus Datenschutzgründen relativ grob. Mit den Viertelstundenwerten kann ein Nutzer lediglich erkennen, ob er eher durch das abendliche Kochen einen hohen Stromverbrauch hat oder durch das Waschen am Wochenende. 

Wie viel Elektrizität jedes einzelne Gerät verbraucht, wird ihm sein vermeintlich intelligenter Zähler noch nicht anzeigen. „Einzelne Hersteller haben ihre Messsysteme aber so ausgelegt, dass diese Funktion über ein Zusatzmodul nachgerüstet werden kann“, erklärt Sebastian Schnurre vom Bundesverband Neue Energiewirtschaft.

 

Strenger Datenschutz

Genaue Verbrauchsinformationen liefern schon seit einigen Jahren auch Smart-Home-Systeme. Über das Smartphone, ein Internetportal oder ein separates Display an der Wohnzimmerwand können Bewohner den Stromfluss für ein paar Hundert Euro bereits fortlaufend nachvollziehen.

Das neue an den Smart Metern, die voraussichtlich im nächsten Frühjahr auf den Markt kommen werden, sind die Datenübermittlung an den Messstellenbetreiber, die gesetzlich garantierten Anforderungen an die Datensicherheit und eben die Pflicht zum Einbau. Jeder digitale Zähler wird durch ein sogenanntes Gateway (englisch für „Tor“) an ein Kommunikationsnetz angeschlossen – beispielsweise die Glasfaserkabel, über die ein Haushalt auch seinen Internetzugang herstellt. Durch das Gateway wird aus dem reinen digitalen Zähler ein intelligentes Messsystem, wie Smart Meter im Gesetz offiziell heißen. 

Das Gateway übermittelt die Verbrauchsdaten einmal pro Jahr zur Abrechnung an einen Administrator. Der leitet sie wiederum an den Lieferanten des Kunden weiter, damit der seine Rechnung erstellt. Die jährliche Übermittlung soll trotz der Anbindung an ein Kommunikationsnetz weiterhin größtmöglichen Datenschutz gewährleisten. Der Kunde kann jederzeit auf seine Verbrauchsdaten zugreifen und sie auswerten, sie bleiben laut Gesetz standardmäßig innerhalb seines Haushalts.

 

Keine Möglichkeit zum Widerspruch

Für die sichere Übermittlung der Daten über das Gateway hat das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik bisher acht Schutzprofile und technische Richtlinien definiert, damit kein Hacker die Daten abgreifen oder den Zähler manipulieren kann. „Ein Arsenal, das weltweit seinesgleichen sucht“, sagt der Informatikprofessor Ulrich Greveler im Interview für die Sommer-Ausgabe von bizz energy.

Verbraucherschützer kritisieren vor allem, dass Stromverbraucher dem Einbau nicht widersprechen können. Unterhalb der Schwelle von 6.000 Kilowattstunden sollten Smart Meter sogar nur dann eingebaut werden dürfen, wenn Nutzer dem ausdrücklich zustimmen, fordert der Verbraucherzentrale Bundesverband. 

 

Hohe Preise werden zementiert

Ein weiterer Kritikpunkt: die Kosten. Die Bundesregierung hat je nach Höhe des Stromverbrauchs Preisobergrenzen von 23 bis 100 Euro für Privathaushalte ins Gesetz geschrieben. Damit würden einerseits Quasimonopolpreise der bisher nur wenigen Anbieter von Messdienstleistungen festgeschrieben, so die Verbraucherschützer. 

Zweitens halten sie die Sparannahmen des Wirtschaftsministeriums für zu optimistisch. Es geht davon aus, dass Haushalte bis zu 2,5 Prozent weniger konsumieren werden. Verbraucherschützer glauben aber nicht an diese Prognosen. Nach Erfahrungen aus den Niederlanden seien die Einsparungen in der Realität viel niedriger: weniger als ein Prozent.

In der Sommer-Ausgabe von bizz energy finden Sie einen weiteren Artikel zur Digitalisierung der Energiewirtschaft und ein Interview zur Datensicherheit bei Smart Metern. Das Heft ist im gut sortierten Zeitschriftenhandel oder bei unserem Leserservice unter 040/38 66 66 111 erhältlich. Die digitale Version gibt es im iKiosk.

Manuel Berkel
Keywords:
Smart Meter | Datenschutz | Digitalisierung | Ulrich Greveler
Ressorts:

Neuen Kommentar schreiben

 

bizz energy September-Ausgabe 2017

Die neue bizz energy gibt es ab sofort am Kiosk oder bei unserem Abonnentenservice unter bizzenergy@pressup.de.

 
 

bizz energy Research

Individuell zugeschnittene Studien
und differenzierte Analysen sowie
kurze Reports.


Aktuelle Angebote:
» Jetzt anmelden zur 3. Runde unserer Ausschreibungssimulation Wind Onshore
» Zum Kostenbenchmarking Wind Onshore


MEHR INFORMATIONEN HIER

 
 

bizz energy Veranstaltungen