Kolumne
10.06.2016

Die vier "S“ der Energie-Revolution

Illustration: Valentin Kaden
Gerard Reid.

Der Preisverfall für Strom, Öl und Gas ist kein Zufall. Maßgeblich dafür verantwortlich ist der digitale Paradigmenwechsel. Eine Kolumne von Gerard Reid.

 

Anzeige*

Computer, Internet und Mobiltelefon sind im Alltag längst selbstverständliche Begleiter. Und gleichzeitig erinnern sie uns in aller Deutlichkeit daran, dass in den vergangenen 20 Jahren eine informationstechnische Revolution stattgefunden hat. Weniger deutlich ist vielen die nächste Revolution, die bereits im Gang ist: die Digitialisierung der Energiewelt. 

Das hinterlässt allerdings Spuren bei den Energie-Konzernen, die bereits Hunderte Milliarden an Wert eingebüßt haben. Schlimm hat es die europäischen Versorger erwischt. Eon und Engie (ehemals GDF Suez) zum Beispiel sind im selben Zeitraum 50 Prozent im Minus und haben ihren Aktionären Verluste von rund 300 Milliarden Dollar eingebracht. Aber das ist noch glimpflich im Vergleich zu einigen Kohlekonzernen. Alpha Natural Resources , Walter Energy und nun auch Peabody sind bankrott. Selbst Erneuerbare-Energien-Unternehmen haben es nicht immer leicht. Maschinenbauer liefen gut, dagegen hat es einige große Projektentwickler wie Abengoa (pleite) und SunEdison (nahe dran) hart erwischt.
Das Zwischenergebnis ist also: Energie ist für Investoren kein einfaches Spielfeld. Aber warum? Weil es in fast allen Bereichen globale Überkapazitäten gibt, die die Preise von fossilen Energieträgern, aber auch die Strompreise drücken. Der Hauptgrund für diesen Preisverfall ist die digitale Energierevolution, vorangetrieben durch die Schlüsseltechnologien Software, Halbleiter und Speicher.

Beispiel Öl- und Gas: In den USA ist die Förderung durch die Erschließung unkonventioneller Vorkommen in die Höhe geschossen, das Land ist nun nahezu importunabhängig, was vor zehn Jahren noch unvorstellbar schien. Damals dominierte die Diskussion um Peak Öl und Peak Gas. Verantwortlich für den Umschwung sind neue Bohrtechniken. Diese basieren auf günstiger und effizienter Halbleitertechnik und schnellen Rechnern sowie neuer Software. Im Zusammenspiel haben sie zum Beispiel genaue seismische Bilder und horizontales Präzisionsbohren möglich gemacht. Auch die Nachfrageseite wird durch die digitale Revolution umgekrempelt. In den Industrieländern fällt der Energiebedarf auf breiter Front. Einige Beispiele: In Kraftfahrzeugen ist der Spritverbrauch mit Hilfe von Software, Sensoren und digitaler Steuerung stark gesunken. Europa verbraucht deshalb drei Millionen Fass Öl weniger pro Tag als vor zehn Jahren. Halbleiter senken den Strombedarf von Lichtquellen. LED-Lampen verbrauchen etwa 90 Prozent weniger Strom als eine Glühbirne gleicher Leuchtkraft. Sensoren werden den Bedarf weiter senken, denn mit ihrer Hilfe werden Lichtquellen ausgeschaltet, wenn sie nicht benötigt werden. Solche Vorrichtungen, zum Beispiel Bewegungsmelder, kennen wir natürlich schon – aber bald werden sie allgegenwärtig sein. Auch die Geräte selbst spielen eine wichtige Rolle: Sie werden smarter und effizienter und treiben den Strombedarf weiter nach unten.

Die angestammten Versorger haben sich schlicht verkalkuliert. Sie rechneten mit stetig steigendem Stromverbrauch und investierten massiv in neue Kapazitäten. Doch der Anstieg blieb aus. Gleichzeitig sind die erneuerbaren Energien als Konkurrent dazugekommen.
Besonders die Solarenergie ist eine hochdisruptive neue Technologie. Knapp 60 Gigawatt wurden 2015 weltweit installiert und damit mehr Kapazität als von jeder anderen Kraftwerkstechnik. Vor zehn Jahren waren es gerade einmal fünf Gigawatt. Photovoltaik ist eine vergleichsweise simple Technik, kann schnell installiert werden, ist voll skalierbar vom Einfamilienhaus bis zum Großkraftwerk und vor allem ist sie günstig.

Der größte Technologie-Sprung steht allerdings erst noch bevor: neue Stromspeicher. Elektrizität, die wertvollste und flexibelste Energieform, ist nicht direkt speicherbar. Sie muss konvertiert werden, zum Beispiel aus Lageenergie in Pumpspeicherkraftwerken oder chemischer Energie in Batterien. Solche Speicher waren bislang aber zu teuer oder nicht in ausreichender Menge vorhanden.

Das ändert sich nun. Lithium-Ionen-Batterien werden immer günstiger, vor allem, weil aufgrund des wachsenden Interesses an der Elektromobilität in riesige Fabriken investiert wird. Ein angenehmer Nebeneffekt: Die Auto-Batterien können in Standzeiten als Speicher genutzt werden. Die Größenordnung des Marktes ist enorm. Eine Million Tesla S zum Beispiel hätten mit 85 Gigawattstunden ausreichend Kapazität, um für eine Stunde den Spitzenbedarf der viertgrößten Volkswirtschaft der Erde zu decken – Deutschlands.
Das wirtschaftlich Interessante an E-Auto-Batterien ist, dass die Grenzkosten bei Null liegen. Gekauft werden sie, um das Auto voranzutreiben – und damit ist die Nutzung als Speicher eine zusätzliche Einnahmequelle. Wird der Speicher durch das Be- und Entladen nicht beschädigt, wird kaum ein Autobesitzer etwas dagegen haben, sich etwas hinzuzuverdienen. Auch hier ist die IT-Revolution Grundlage. Ein weiterer neuer Energiemarkt, den die E-Autos ermöglichen, sind Second-Life-Batterien. Alle fünf bis sieben Jahre müssen die Akkus ausgetauscht werden, wenn der Fahrer nicht auf Reichweite verzichten möchte. Die Batterien sind dann aber als Stromspeicher noch tauglich. Für die Auto-Hersteller ein doppelter Gewinn: Sie zögern das teure Recycling hinaus und können zusätzliche Einnahmen am Strommarkt generieren.

Vier „S“ werden die Energiewelt von morgen bestimmen: Solar, Speicher, Software, Semiconductors (Halbleiter). Nimmt man alle zusammen, hat man die Zutaten für eine Revolution der Energiewelt, wie es sie seit 100 Jahren nicht gegeben hat. Wir stehen dabei erst am Anfang der Veränderungen. Unternehmen, die die neuen Spielregeln nicht begreifen, wird es bald nicht mehr geben. Für jene dagegen, die sie früher als andere verstehen, gibt es Milliarden zu verdienen.

Gerard Reid
Keywords:
Digitalisierung | Kolumne | Software | Halbleiter | Speicher | Semiconductors
Ressorts:
Finance

Neuen Kommentar schreiben

 

bizz energy Dezember 2017/Januar 2018

Die aktuelle Ausgabe gibt es ab dem 14.12. am Kiosk oder bei unserem Abonnentenservice unter (Mail:bizzenergy@pressup.de) sowie als E-Paper bei iKiosk oder Readly.

 
 

bizz energy Research

Welche Stellschrauben können Sie drehen, um Ihren Bestandswindpark zu optimieren?
Mithilfe des interaktiven Datentools von bizz energy Research sehen Sie die Effekte auf den Netto-Cashflow.


Link zum Cashflow-Rechner von bizz energy Research