Wasserstoffwirtschaft
16.06.2016

Dinos setzen auf grünen Wasserstoff

Foto: Shell
Die neu eröffnete Wasserstofftankstelle in Wuppertal.

Aktuelle Projekte von Shell, Uniper und Co. zeigen: Die Branchen-Dinos satteln um. Ausgerechnet Ölmultis könnten die Wasserstoffwirtschaft ankurbeln – und profitieren dabei von ihrer Expertise im Gasgeschäft.

 

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Am gestrigen Mittwoch hat der Öl- und Gasmulti Shell eine Wasserstofftankstelle in Wuppertal eingeweiht. Deutschlandchef Stijn van Els treibt damit seine Strategie voran, deutschlandweit die Intrastruktur für E-Autos auszubauen. Dabei setzt er auf die Brennstoffzelle anstatt auf die Batterie. In einem Beitrag für bizz energy sagt van Els: Elektrofahrzeuge „tragen erheblich zur Minderung der CO2-Emissionen bei – sofern der Wasserstoff aus erneuerbaren Energien erzeugt wird.“
Wie das funktioniert, zeigt Shell bereits seit einem Jahr in der Hamburger Schnackenburgallee. An der dortigen Tankstelle wird der Wasserstoff (H2) zur Hälfte mittels Elektrolyse vor Ort hergestellt. Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) hat den Bau mit rund 1,4 Millionen Euro gefördert.

Bis 2023 will Shell gemeinsam mit fünf weiteren Konzernen, darunter dem Münchner Industriegasspezialisten Linde, bis zu 400 Tankstellen bundesweit aufstellen. „Wir gehen davon aus, dass dieser alternative Antrieb ab den zwanziger Jahren in Märkten wie Deutschland, England, Benelux und den USA eine immer größere Rolle spielt“, prognostiziert van Els.
Dass der Energiedinosaurier grünen Wasserstoff der Batterie vorzieht, kommt nicht von ungefähr. Shell fördert derzeit mehr Erdgas als Öl, verfügt also über eine breite Expertise im Gasgeschäft. Bei Knowhow und Infrastruktur liegt der Konzern gegenüber Wettbewerbern vorne. Auch Konkurrent BP setzt in seinen Raffinerien auf grünen Wasserstoff.  

Nur wenige Kilometer von der Hamburger Shell-Tankstelle entfernt, unterhält Vattenfall in der Hafencity ein Versuchslabor für grünen Wasserstoff. Der schwedische Energiekonzern betreibt dort eine H2-Station, an der die Linienbusse der Hamburger Verkehrsbetriebe betankt werden, private Pkws kommen bislang selten vorbei.

Auch Uniper setzt auf grünen Wasserstoff. Der Konzern ist aus der Spaltung des Düsseldorfer Energieriesen Eon hervorgegangen und bündelt das Geschäft mit konventionellen Gas- und Kohlekraftwerken. Allerdings lässt sich mit Gaskraftwerken kaum noch Geld verdienen. Vermutlich deshalb lotet Uniper neue Techniken aus. Als Pilot betreibt der Konzern in Hamburg-Reitbrook einen Elektrolyseur mit einer Leistung von einem Megawatt, der mit Windstrom grünes Gas produziert. Das Windgas wird zur Speicherung in das Hamburger Verteilnetz eingespeist. Damit könnte der Energieriese seinen Kunden anteilig grünes Gas anbieten – und seine CO2-Bilanz aufpolieren. Bezuschusst wird das Projekt  vom Nationalen Innovationsprogramms Wasserstoff und Brennstoffzellentechnologie sowie dem Bundesverkehrsministerium mit insgesamt 13,5 Millionen Euro.

 

Politischer Druck steigt

Der Druck auf die konventionellen Energieriesen nimmt zu. Spätestens, seitdem die 193 UN-Mitgliedsstaaten Ende 2015 im Pariser Klimaabkommen beschlossen haben, den Ausstoß klimaschädlicher Emissionen bis Ende des Jahrhunderts auf praktisch Null zu senken. Die Dekarbonisierung der Weltwirtschaft gilt damit als beschlossene Sache.

Wie dieses Ziel erreicht werden soll, ist allerdings noch offen. Im vorauseilenden Gehorsam steuern die Dinos der Branche deshalb um. Offenbar hoffen sie darauf, die von ihnen präferierte Technologie im Markt zu etablieren – bevor ihnen EU oder Bundesregierung gesetzliche Vorgaben machen. Die Branche sucht deshalb den Dialog mit den Klimadiplomaten. Schon vor der Pariser Klimakonferenz haben die Chefs der sechs europäischen Energiekonzerne (Shell, BP, Total, Statoil, Eni und BG) der obersten UN-Klimadiplomatin Christiana Figueres einen Brief geschrieben. Darin setzten sie sich für die "Schaffung eines funktionierenden Ansatzes ein, um Kohlendioxid-Emissionen mit einem Preis zu versehen“. Das würde einen fairen Wettbewerb ermöglichen und mehr Klarheit für Innovationen ermöglichen, so die Konzernchefs.

 

Wasserstoff punktet gegenüber Diesel

Gegenüber Diesel hat grüner Wasserstoff im Tank nicht nur eine bessere Umweltbilanz, hat Physikprofessor Robert Steinberger-Wilckens nachgerechnet. Er forscht an der Universität Birmingham zu Wasserstoff und Brennstoffzellen „Volkswirtschaftlich schneidet per Brennstoffzelle verstromter Wasserstoff im Vergleich mit Diesel besser ab“, sagt er. Schon heute kostet eine H2-Tankfüllung in etwa das gleiche wie eine Dieselfüllung. An der Wuppertaler Tankstelle zahlen Autofahrer laut Shell für ein Kilogramm Wasserstoff 9,50 Euro. Vier bis fünf Kilogramm fasst die Tankfüllung eines typischen Brennstoffzellen-Autos.

Physikprofessor Steinberger-Wilckens geht noch einen Schritt weiter: „Bezieht man die externen Umweltkosten mit ein, ist der aus erneuerbaren Energien gewonnene Wasserstoff mit Diesel konkurrenzfähig“, sagt er diese Woche auf dem bizz energy Symposium "Wasserstoff und Mobilität" und verweist auf die Klimafolgekosten. Dass bundesweit derzeit nur etwa 200 Autos mit Brennstoffzelle unterwegs sind, liegt neben den hohen Kosten für die Fahrzeuge und den rar gesäten Tankstellen nicht zuletzt an den Subventionen für den Dieselantrieb. Obwohl Diesel mehr klimaschädliches CO2 ausstößt als Benzin, wird dieser geringer besteuert. Außerdem ist die Automobilbranche vom System des europäischen Emissionshandels, dem Hauptinstrument zur Senkung der CO2-Emissionen in den 28 EU-Mitgliedstaaten, ausgenommen.

Deshalb rat Professor Steinberger-Wilckens: Um der Wasserstoffwirtschaft tatsächlich zum Durchbruch zu verhelfen, sind privatwirtschaftliche Allianzen nötig.

Die Dinos der Branchen beherzigen seinen Ratschlag offenbar schon. Anfang dieser Woche haben sich 37 Partner im Rahmen des EU-geförderten Projekts Hydrogen Mobility Europe 2 zusammengeschlossen. Sie wollen immerhin 1.230 Brennstoffzellen-Autos auf die Straße bringen und 20 zusätzliche H2-Stationen errichten. In Deutschland startet der Industriegasekonzern Linde den nächsten Tagen zudem in München eine Carsharing-Flotte mit 50 Brennstoffzellenautos von Hyundai.

 

Jana Kugoth
Keywords:
Wasserstoff | Mobilität | Wasserstofftankstelle | Shell | Vattenfall | BP | Uniper | Hamburg | H2Mobility | Linde
Ressorts:
Markets

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