Russland
23.03.2017

Ukraine sucht Ersatz für Donbass-Kohle

Foto: Wikimedia Commons / Claude Truong-Ngoc / CC BY-SA 3.0
Als Präsident der Ukraine muss Petro Poroschenko gewaltige wirtschaftliche Probleme lösen.

Auf Druck von Nationalisten untersagt die Regierung in Kiew den Ankauf des Brennstoffs aus abtrünnigen Landesteilen. Dem notleidenden Staat drohen Blackouts und Milliardenkosten.

Man könnte meinen, die Regierung um den ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko habe derzeit genug Probleme. Im Osten des Landes schwelt weiter ein bewaffneter Konflikt, bei dem es beinahe täglich Todesopfer gibt. Der Internationale Währungsfonds lässt sich einmal mehr Zeit mit der nächsten Kredittranche, auf die der Staatshaushalt dringend angewiesen ist. Doch damit nicht genug: Nun sucht die Ukraine auch noch händeringend nach Alternativen für die Kohle aus dem Osten des Landes. Die ist essenziell wichtig, denn sie befeuert nicht nur einen großen Teil der Heiz- und Kraftwerke, sondern auch viele Stahlhütten. Grund für die Engpässe ist eine Entscheidung des Sicherheitsrates in Kiew, der vor wenigen Tagen den Handel mit den abtrünnigen Landesteilen in der Ostukraine untersagt hat.

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Eigentlich trennt eine Frontlinie die prorussischen, selbsternannten Volksrepubliken vom Rest der Ukraine. Doch im Schatten des Krieges trieben beide Seiten bisher regen Handel miteinander. Eine pure Notwendigkeit – schließlich ist der Osten so etwas wie der Kohlekeller des Landes. Die Anführer der Aufständischen brauchen trotz ihrer Affinität zu Moskau das Geld, um die von ihnen kontrollierten Gebiete am Leben zu halten.

Steuern gingen nach Kiew, Schmiergeld nach Donezk

Ungeachtet des Krieges konnte etwa das Unternehmen DTEK, das zum Imperium des ukrainischen Oligarchen Rinat Achmetow gehört, seine Kohlegruben in den Regionen um Donezk und Luhansk betreiben. Es funktionierte, weil beide Lager profitierten: Steuern flossen nach Kiew, Schmiergelder und Gehälter zahlte Achmetows Konzern in den besetzten Gebieten.

Nun will die Ukraine damit Schluss machen. Doch ganz freiweillig ist die Entscheidung dazu in Kiew nicht gefallen. Vielmehr hat der Sicherheitsrat des Landes den Forderungen radikaler Nationalisten nachgegeben, die schon im Februar eigenmächtig eine Blockade an den Zufahrtswegen in die „Volksrepubliken“ errichtet hatten. Über Wochen hatte Präsident Poroschenko die Blokade als schädlich bezeichnet und sogar Polizeieinheiten geschickt. Geholfen hat das wenig – zumal Kiew die Bataillone der Nationalisten braucht, um die Separatisten in Schach zu halten.

Erneuerbare Energien sind noch in den Anfängen

Ukrainische Experten gehen davon aus, dass die Kohlevorräte nur noch bis Ende des Monats ausreichen. Im schlimmsten Fall drohen dem Land sogar Blackouts und Produktionsstopps in der Metallbranche. Die einzige günstige Alternative zur Kohle aus dem Donbass könnte ausgerechnet Russland liefern. Doch diese Variante scheidet wegen der Annexion der Krim aus. Und so bleibt dem Land der weitaus teurere Weltmarkt.

Laut des ukrainischen Premiers Wladimir Grojsman werde die Ukraine in Australien, Südafrika und den USA nach Möglichkeiten suchen sich einzudecken. „Die Ukraine könnte am Ende bis zu vier Milliarden Dollar mehr für die gleiche Kohle auf dem Weltmarkt bezahlen“, erklärt Wirtschaftsexperte Alexander Ochrimenko. Laut DTEK fehlen dem Land in diesem Jahr etwa neun Millionen Tonnen Kohle. Auch die Zentralbank der Ukraine setzte am Dienstag ihre Wachstumsprognose für das laufende Jahr von 2,8 auf 1,9 Prozent herab. Als Grund nannte sie die Kohleblockade im Donbass.

Dass sich die Energieprobleme des Landes kurzfristig nicht lösen lassen, darüber sind sich fast alle Kiewer Experten einig. Zumal erneuerbare Energien mit einem Prozent Anteil an der gesamten Erzeugungsleistung noch in den Kinderschuhen stecken. Erste zaghafte Anzeichen für einen Aufschwung der Erneuerbaren gibt es: Im vergangenen Jahr wurden mit 120 Megawatt (MW) vier Mal so viel Erneuerbare installiert wie noch ein Jahr zuvor. Vor Kurzem meldete zudem die Stadt Kamenez-Podolskij, sie habe sich komplett energieunabhängig gemacht. Möglich gemacht haben es effizientere Kessel, die nun auch mit Holzpellets, Stroh und anderem organischem Material befeuert werden können.

Maxim Kireev
Keywords:
Russland | Ukraine | Biomasse | Kohle
Ressorts:

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