Kolumne Gerard Reid
21.11.2012

Doping hilft nicht

Topteaser: Solarworld, Illu: Valentin Kaden

Wenn Subventionen wegfallen, verschwinden viele Unternehmen. Andere werden stärker und die Welt radikal verändern – meint zumindest unser Chef-Ökonom Gerard Reid.

Während die Indizes der großen europäischen und amerikanischen Börsen neue Rekordstände erreichen, herrscht bei Ökowerten Tristesse. Der Wilderhill New Energy Global Index, eine wichtige globale Benchmark für Clean-Tech-Unternehmen, notiert derzeit bei einem Viertel seines Allzeit-Rekordwerts. Im letzten Jahr hat dieser Index, etwa gegenüber dem DAX, klar verloren. Ein Experte brachte die Situation kürzlich bei einem gemeinsamen Mittagessen auf den Punkt: „Die Erneuerbaren-Werte sind Underperformer, in Boomzeiten ebenso wie in der Baisse.“ Ich bin von Natur aus Optimist und vermeide das Schwarzsehen. Dennoch stehen die Wörter „regenerativ“, „solar“ und „cleantech“ mittlerweile leider synonym für Geldverbrennen und Crash. Kaum ein Tag ohne schlechte Nachrichten: Kürzlich meldete der US-Batteriehersteller A123 Insolvenz an, diverse Solarunternehmen gingen ebenfalls pleite. 

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Es gibt aber auch eine gute Nachricht: Batterien, LEDs und Solarpanele sind so günstig zu haben wie nie zuvor. Aber es ist riskant, in die Herstellung solcher Produkte zu investieren.  Viele Öko-Firmen werden ohne staatliche Subventionen nicht überleben. Das Doping mit Einspeisevergütungen und anderen Beihilfen löste einen Kick-Start in der weltweiten Öko-Industrie aus. Die Firmen stehen jetzt vor der Aufgabe sich zu entwöhnen, um kostendeckende Produkte und Lösungen für die Kunden anzubieten. 

Neue Märkte müssen her

Besonders deutlich wird das in der Solarbranche: Neue Märkte müssen her, also etwa ein neues Deutschland und Italien. 50 Prozent der globalen Kapazitäten wurden allein 2011 in beiden Ländern installiert. Eine nachhaltige Lösung wären neue Märkte in Sonnengürtel-Regionen: Afrika, Asien und Amerika. Die Marktführer Solarworld, Suntech und Yingli stehen allesamt unter enormen finanziellen Druck, um ihre Gewinnmargen zu halten. Ähnliche Überkapazitäten drohen vermutlich auf dem Windmarkt, wenn in den USA die steuerliche Förderung, die „Production-Tax-Credits“, Ende des Jahres ohne Aussicht auf Verlängerung ausläuft. 

Vom Star zum Waisen

Auch im Sektor für Biomasse und Biosprit erfahren die globalen Player immer mehr Druck. Ihre Kosten steigen, und die politischen Rahmenbedingungen ändern sich. Mit sinkenden Gewinnmargen läuft jedes Unternehmen schnell Gefahr, vom umjubelten Star zum ungewollten Waisen zu verkommen. Einige mögen niedrige Margen als Chance sehen. Stabile Margen sind jedoch die Voraussetzung für ein Investment. Nehmen wir den deutschen Wechselrichterhersteller SMA und den dänischen Windturbinenbauer Vestas als Beispiele. Beide sind in ihrem Segment Weltmarktführer. Der SMA-Kurs hat in den vergangenen zwei Jahren 78 Prozent verloren und notiert unter Buchwert. Die Marge fiel von 27 Prozent in 2010 auf aktuell 8 Prozent; Analysten erwarten für 2013 sogar Verluste. Vestas verdiente 2008 noch 8 Prozent, lieferte 2011 aber rote Zahlen. Die Börsenwerte erscheinen niedrig. Daher kursieren in beiden Fällen auch seit längerem Übernahmegerüchte. Siemens wolle SMA kaufen; Mitsubishi und der chinesische Turbinenhersteller Sinovel würden Vestas schlucken wollen.

Andererseits gibt es auch viele Unternehmen, die Jahr für Jahr überzeugen. Das Software-Unternehmen SAP oder der Halbleiterhersteller Intel beispielsweise, die in der vergangenen Dekade ihre operativen Margen bei rund 25 Prozent halten konnten. Noch gibt es kaum Unternehmen im Sektor der grünen Energie. Der Bereich wird sicher wachsen. Aber für viele wird das ein Wachstum ohne Profit; ähnlich erging es im Übrigen auch der Ölindustrie vor hundert Jahren. Erst kam der Boom, dann kamen Überkapazitäten und fallende Preise, viele Firmen verschwanden wieder. Aber Überlebende gingen gestärkt aus der Krise hervor – und veränderten die Welt radikal.     

So wird es auch Unternehmen aus den Bereichen Öko-Energie und effiziente Technologien gehen. Noch wissen wir nicht, wer das neue Ebay oder Amazon in diesem Feld wird. Leichter ist es, die Verlierer zu identifizieren: Die meisten Wind- und Solarunternehmen haben nicht die Größe, den Markennamen oder einen Technologie-Vorteil, um zu siegen. Zudem werden Energieversorger, die den Trend zum Wandel verpassen, von der Bildfläche verschwinden – analog zum Medien- und Telekommunikationsbereich.

Pensionsfonds und Versicherer mit Affinität zur Nachhaltigkeit

Die Digitalisierung des Energiesektors bewegt gewaltige neue Geldströme. Pensionsfonds und Versicherer suchen sichere Anlagemöglichkeiten. Genau wie Privatanleger mit Affinität zur Nachhaltigkeit. Deshalb investieren sie in Energieinfrastruktur.  Generell rate ich, auf erfahrene Management-Teams und nachhaltige Wettbewerbsvorteile zu setzen. Konkret meine ich Unternehmen wie PSI oder SAP, die Software und Kommunikationstechnologie für ein intelligentes Stromnetz liefern. Oder APR Energy, das Großverbrauchern hilft, ihre Stromversorgung zu sichern. Oder Ame­resco, das neue Energiedienstleistungen und Lösungen für das Lastmanagement bietet. Schliesslich auch Unternehmen wie Dialog Semiconductor und Infineon, die Effizienztechnologien forcieren, und Westport Innovations mit Hybridtechnologien für sauberes Gas.

Merke: Bei der digitalen Energierevolution geht es nicht nur um Ökostrom. Es geht um das Zusammenspiel und um die Konvergenz verschiedener Branchen wie Software, Mikroelek­tronik, Materialforschung, Systemtechnik und Chemie. Diese Konvergenz wird die Welt definitiv verändern.

 

 

Gerard Reid

...zählt zu den Top-Finanzanalysten für erneuerbare Energien weltweit. Für die Wall-Street-Investmentbank Jefferies baute er den Bereich Renewables auf. Anschließend gründete er mit Alexa Capital seine eigene Beratungsgesellschaft. Im vergangenen Jahr erschien sein Buch „Asiens Energiehunger – Rohstoffe am Limit“. Reid hat am Imperial College in London eine Finance-Professur. Last but not least: Gerard Reid ist Chefökonom bei BIZZ energy today.

Gerard Reid
Keywords:
erneuerbare Energien | Banken und Finanzinvestoren
Ressorts:
Finance | Markets

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