Photovoltaik
11.06.2020

"Eigener Strom lässt sich netzdienlich einsetzen"

Foto: iStock
Die Solaranlagen auf dem eigenen Dach dient vielen Hausbesitzern zur Selbstversorgung.

Selbst erzeugten Strom der Haushalte einspeisen und damit das Netz stabilisieren – das gehört für die Sonnen GmbH zum Geschäftsmodell, sagt Geschäftsführer Jean-Baptiste Cornefert. Er beklagt den hohen administrativen Aufwand für solare Systemlösungen.

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Mit dieser gemeinschaftlichen Einspeisung aus der Community könnte eine Leistung von 300 Megawattstunden mobilisiert und die Regelenergie eines 800-Megawatt-Kohlekraftwerks ersetzt werden, behauptet Ihr Unternehmen in einer Presseerklärung von Ende 2018. Das erscheint mir arg übertrieben. Die 300 Megawattstunden sind vielleicht die maximal mögliche Kapazität, über die Sonnen verfügen könnte, wenn die Hausspeicher ganz voll wären und dann völlig entleert würden.

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Bei der Regelenergie muss Leistung schnell und sicher zur Verfügung stehen, es geht also erstmal gar nicht so sehr um die Energiemenge. Auch bei einem Kohlekraftwerk von angenommenen 800 Megawatt steht Ihnen nie die ganze Leistung zur Verfügung, um Netzschwankungen auszugleichen. Am Ende lassen sich auch bei einem solchen Kohlekraftwerk in der Regel zehn, meist nur fünf oder zwei Prozent der Leistung netzdienlich nutzen. Bei einem Gaskraftwerk ist der Anteil ein wenig größer.

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Gegenüber den konventionellen Kraftwerken haben Stromspeicher, wie wir sie nutzen, aber einen entscheidenden Vorteil: Deren Energie können Sie in Sekunden zu hundert Prozent nutzen. Um ein Kohlekraftwerk von 800 Megawatt auf null zu bringen, brauchen Sie Stunden.

Ihre Sache ist es demnach, mit Ihrer schnellen Speicherreserve die letzten Schwankungen im Netz auszugleichen, die Frequenz also möglichst genau auf die 50 Hertz auszusteuern.

Absolut, so ist es aktuell. Und der Bedarf für diese Regulierung in der letzten Instanz liegt europaweit bei 800 Megawatt. Das ist jetzt nicht so viel. Die Netzbetreiber stellen allerdings hohe Ansprüche an diese Art Ausgleichsstrom.

Zur Sonnen-Community sollen derzeit bundesweit 40.000 Haushalte mit Stromspeichern gehören – wenn Sie die alle auch zum Einspeisen von Regelenergie nutzen wollen, dann brauchen Sie doch überall Verträge mit jedem einzelnen Netzbetreiber?

Ja, Verträge brauchen wir jede Menge, zum einem mit den großen Übertragungsnetzbetreibern, die uns die Regelenergie abkaufen, und zum anderen mit jedem lokalen Netzbetreiber im Niederspannungsnetz. Von denen gibt es rund 850 in Deutschland.

In den letzten drei Jahren habe ich viele solcher Verträge unterschrieben – und es gibt Netzbetreiber, die schon voll digital sind, und welche, wo es noch nicht so ist. Auch dieser Prozess müsste einfacher werden, damit Ansätze wie unserer schneller am Markt auftauchen.

Und Sie speisen ja nicht nur ein, sondern garantieren Ihren Haushalten auch, dass sie für den Teil des Strombedarfs, den sie nicht vom eigenen Dach decken können, Ökostrom bekommen. Wo kommt der eigentlich her?

Unser Ökostrom hat mehrere Quellen. Zunächst kommt er aus der Community selbst. Darüber hinaus verfügen wir über einige eigene Wind- und Biogasanlagen. Schließlich gibt es ein paar Stunden im Jahr, wo all das nicht ausreicht, um den Bedarf zu decken. Dann kaufen wir Strom auf dem Markt zu, einschließlich der nötigen Grünstrom-Herkunftsnachweise.

Diese Sache mit den Herkunftsnachweisen gefällt uns selbst nicht und sie ist sicher hinterfragenswert. Unseren Ansprüchen genügt das Verfahren eigentlich nicht – wir versuchen zuerst einmal, den Bedarf aus unserer Community selbst zu decken.

Sie bieten inzwischen auch an, Solardach und Stromspeicher noch mit einer Wallbox zu ergänzen, um das eigene Elektroauto zu laden. Nun können sich das nicht alle Solar-Haushalte leisten – ganz abgesehen davon, dass so eine Menge teures Equipment für einen einzelnen Haushalt nicht gerade ein Ausweis von Nachhaltigkeit ist. Wie weit kommen wir mit solchen Einzelhaus-Lösungen bei der Energiewende?

Mit so einer Wallbox lässt sich der Strom genau dort verbrauchen, wo er auch produziert wird. Und wenn er vom eigenen Dach kommt, ist er sauber. Das finde ich schon sehr nachhaltig. Außerdem löst der Kunde damit ein Problem, das bisher ein wichtiges Hindernis bei der Elektromobilität war, nämlich eine zuverlässige und rund um die Uhr verfügbare Lademöglichkeit.

Bei der Energiewende gehen die Haushalte zurzeit voran und tragen einen wichtigen Teil bei. Kunden oder Mitarbeiter unseres Hauses, die außer über Photovoltaik und Speicher auch über Wärmepumpe und Wallbox verfügen, kommen mit ein bisschen Mühe auf einen Autarkiegrad von 95 Prozent.

Aber wenn solche Prosumer-Haushalte allen Strom selbst brauchen und keinen mehr groß einspeisen – wie dekarbonisieren wir dann die Metropolen, die Industrie oder den Güterverkehr? Wo soll dieser Ökostrom herkommen, der vermutlich sogar den größeren Teil einer angestrebten solaren Vollversorgung ausmacht?

Die Haushalte stehen in Deutschland für ungefähr 25 Prozent des gesamten Stromverbrauchs – wir haben aber schon Tage, an denen zeitweise 50 Prozent dieses gesamten Strombedarfs von Solarstrom gedeckt werden. Und dabei haben die meisten Dächer in Deutschland nicht mal eine Photovoltaik-Anlage.

Aber Sie haben recht – kein Geschäftsmodell und keine Technologie kann die Lösung für alles sein. Aber wir leisten einen nennenswerten Beitrag auch zum Dekarbonisieren der Sektoren außerhalb der Haushalte.

Für große Mehrfamilienhäuser oder Bürohäuser oder Gewerbebetriebe macht die Sonnen GmbH, soweit das zu sehen ist, keine Angebote wie zum Beispiel Mieterstrom.

Wir haben schon die Ambition, unser Modell nicht nur für einzelne Haushalte anzubieten. Der Mieterstrom ist eine gute Idee, ist derzeit aber schlecht reguliert. Deshalb funktioniert er nicht wirklich. Das ist sehr schade.

Im US-Bundestaat Utah beispielsweise versorgen wir 600 Haushalte in einem Wohngebiet mit Strom. Das sind Mehrfamilienhäuser – mit Photovoltaik, Batteriespeichern, Wärmepumpen, E-Mobilität und mit einer intelligenten Steuerung. Es ist hier also keine Frage der Technologie oder der Wirtschaftlichkeit, sondern der Regulierung.

Und was fehlt, damit in Deutschland so ein Projekt funktioniert?

Die Technologie ist da, aber der administrative Aufwand ist hierzulande extrem hoch. Sie müssen alles mit allen abstimmen. Den Aufwand können wir im Moment nicht leisten. Dann würden unsere Arbeitsteams noch an Wohnungstüren klingeln und um Unterschriften bitten müssen.

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Interview. Jörg Staude
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Photovoltaik | Solarenergie
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