Verkehrswende
26.10.2017

PSA-Chef: „In Norwegen verkaufen wir viel mehr Elektroautos als erwartet"

Foto: cewebe/Citroen
Alberic Chopelin, Deutschlandchef der PSA-Gruppe

PSA-Deutschland-Chef Albéric Chopelin erklärt, wie E-Mobilität in Fahrt kommt und warum der französische Hersteller auch weiterhin auf Verbrenner setzt

Herr Chopelin, erwarten Sie von einer Jamaika-Koalition in Deutschland einen neuen Schub für Elektromobilität?

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Ganz gleich, welche Regierung kommen wird, eines ist klar: Für einen Schub ist eine breite Unterstützung von Seiten der Politik notwendig. Und wir sprechen hier nicht nur von Verkaufsunterstützungen, sondern auch und vor allem von vielen weitgreifenden Maßnahmen.

Zum Beispiel?

Regenerative Energien müssen gefördert, die Ladeinfrastruktur ausgebaut und E-Autofahrern Vorzüge im Straßen- und Parkplatzmanagement gewährt werden. Etwa, indem sie die Busspuren nutzen können und kostenfreie Parkplätze zur Verfügung gestellt bekommen, um nur einige Beispiele zu nennen.

Erwarten Sie einen baldigen Durchbruch der Elektromobilität?

Wir glauben, dass E-Mobilität ihren Weg machen wird. Aber niemand kann heute sagen, in welcher Dimension und mit welcher Geschwindigkeit. Wir sind darauf vorbereitet, dass wir Modelle in großer Stückzahl liefern können, wenn die Nachfrage groß ist. Sollte es sich noch etwas länger hinziehen, können wir aber genauso gut weiterhin unsere Kunden mit sauberen und verbrauchsarmen Diesel- oder Benzinmotoren bedienen.

Entspricht der Schadstoff-Ausstoß bei Ihren aktuellen Diesel-Modellen eigentlich der neuesten Euro-6-Norm?

Er hält die gesetzlichen Rahmenbedingungen nicht nur ein, sondern unterschreitet sie sogar. Außerdem ist PSA der einzige Hersteller, der neutrale Umweltorganisationen den Realverbrauch auf der Straße messen und veröffentlichen lässt, ohne einzugreifen. Das ist beispiellos auf dem Markt. Wir werden zum Jahresende auch Stickoxid-Werte (NOx) veröffentlichen. 

Französischen Zeitungsberichten zufolge soll PSA seine Diesel-Motoren jahrelang ebenso wie VW manipuliert haben. Was ist dran an den Vorwürfen? 

Schlicht und ergreifend: Nichts! Die Groupe PSA hält die geltenden Vorschriften in allen Ländern ein, in denen sie tätig ist. Software oder Vorrichtungen, die eine Konformitätsprüfung erkennen und ein Abgasreinigungssystem aktivieren, welches im realen Betrieb auf der Straße ausgeschaltet ist, gibt es bei uns nicht. Die Groupe PSA hat bei der Entwicklung von technologischen Innovationen immer eine Vorreiterrolle eingekommen.  Beispielhaft seien hier der FAP Rußpartikelfilter sowie die BlueHDi-Technologie mit der selektiven katalytischen Reduktion genannt. Und noch einmal: Und um unsere Transparenz in Sachen Verbrauch und Emissionen zu unterstreichen, veröffentlicht die Groupe PSA als weltweit erster und bisher einziger Automobilhersteller Verbrauch und CO2-Emissionen im realen Betrieb und wird dies bis Ende 2017 auch noch auf die NOx-Emissionen ausweiten.

In Deutschland bricht die Deutsche Post mit ihrem selbst entwickelten E-Lieferfahrzeug Street Scooter immer neue Rekorde. Wie verkaufen sich Ihre E-Autos in Deutschland?

Wir kommen bereits auf einen Anteil von drei bis vier Prozent im Elektrofahrzeugmarkt mit dem Peugeot Ion und dem Citroën C-Zero. Für unsere leichten Nutzfahrzeuge, den Citroën Berlingo und den Peugeot Partner, ist der Markt in Deutschland allerdings noch klein. Uns ist aber wichtig, auch mit Produkten, die noch nicht so stark nachgefragt werden, Erfahrungen zu sammeln. Zum Beispiel in Bezug auf die Ladestruktur oder das Geschäftsmodell. Zum Beispiel könnte ein neuer Weg sein, viel enger mit Energieversorgern zusammenzuarbeiten und Komplettpakete anzubieten.

Wie können RWE, Eon und Co da hineinspielen?

Initiativen zwischen Hersteller und Energieversorger können sicherlich interessant sein. Allerdings muss hier zunächst eine Grundlage auf Bundesebene geschaffen werden. Wichtig sind hier ein rascher Aufbau der Ladeinfrastruktur, die Stärkung der regenerativen Energien und gesetzliche Rahmenbedingungen.

Sie wollen bis 2021 sieben Benzin-Plug-in-Hybride und vier E-Modelle auf den Markt bringen. Warum sind Sie nicht mutiger und setzen voll auf Elektromobilität?

Unsere Strategie ist es, mehrere Technologien gleichzeitig anzubieten. Dazu gehören neben Elektro- und Hybrid-Benzinfahrzeugen auch Diesel und Benziner. Schließlich hat jeder Kunde andere Bedürfnisse. PSA wird in der Lage sein, bis 2023 mindestens 80 Prozent aller verkauften Fahrzeuge elektrifiziert anzubieten. Die Frage ist, ob bis dahin der Markt da ist. Heute wird in der öffentlichen Diskussion so getan, als könnte man den Diesel einfach abschalten. Er war jahrzehntelang unumstritten und ist immer noch ein wertvoller Antrieb, wenn er eine gute Abgasbehandlung hat. Umgekehrt fehlt es bei der E-Mobilität an ausreichender Ladeinfrastruktur, die Batterie-Produktion ist CO2-intensiv, und der Strom-Mix besteht immer noch zu 40 bis 50 Prozent aus Braunkohle. 

Die französische Regierung von Präsident Emmanuel Macron hat ein Verbot von Verbrennern ab 2040 beschlossen. Das müsste Sie doch darin bestätigen, sich auf elektrische Antriebe zu konzentrieren. 

Wir finden es etwas verwegen, schon heute eine Agenda mit präzisen Deadlines zu definieren. Es lässt sich noch gar nicht sagen, wie wir in 25 Jahren denken. Gehen wir mal 25 Jahre zurück: Damals war die Welt nicht digitalisiert, es gab keine mobilen Geräte, Menschen haben ihre Entscheidungen völlig anders getroffen. Der gesellschaftliche Aspekt wird bei der Frage nach dem Antrieb der Zukunft bis dahin nochmal ein anderer sein.

Nokia hat dem Smartphone vor zehn Jahren keine Zukunft gegeben…

… was ein großer Fehler war.

Nun sagt die Autoindustrie, der Diesel hätte noch eine lange Zukunft – wie damals das Tastentelefon von Nokia...

Deswegen sind wir ja bereit, wenn die Nachfrage nach Elektroautos da ist. Aber man muss auch sehen, wie verschieden sich die Märkte entwickeln. In Norwegen beispielsweise verkaufen wir viel mehr Elektroautos als erwartet. Das liegt insbesondere am dortigen Bonussystem: Fahrer von E-Autos zahlen weder Park- noch Autobahngebühren und dürfen die Busspuren nutzen – das ist gesetzlich geregelt. Außerdem gibt es von der Regierung für den Kauf eines Neuwagens eine Prämie von bis zu 8.000 Euro.

Wie ist die Situation in Frankreich und welche Rolle spielt Präsident Macron dabei?

Nach dem Stand Ende August 2017 ist Frankreich bei den Neuzulassungen von Elektroautos absoluter Spitzenreiter in Europa. Zwischen 2010 und Mitte 2017 wurden dort 112.950 Elektrofahrzeuge zugelassen, der E-Autoanteil ist höher als in Deutschland und Norwegen. Macrons Regierung zahlt sogar bis zu 10.000 Euro Kaufprämie für E-Autos. Bei solchen Bonussystemen haben die Kunden eine echte Wahl, sich für eine andere Technologie zu entscheiden.

Was halten Sie von der 4.000 Euro-Elektroauto-Kaufprämie in Deutschland? 

Sie reicht absolut nicht aus. Zumal der Staat nur 2.000 Euro Elektroprämie zahlt, und die Hersteller die anderen 2.000 Euro stemmen müssen.

Ist es nicht Aufgabe der Industrie, so attraktive Autos zu bauen, dass die Kunden sie auch ohne Prämie kaufen?

Die Entwicklung neuer Technologien erfordert riesige Investitionen. Wir müssen sicher sein, in der Zukunft entsprechende Verkaufsvolumen erreichen, um die Kosten wieder reinzuholen. Sonst kommen wir in finanzielle Schwierigkeiten.

Tesla und chinesische Autobauer sind da weniger zögerlich und investieren kräftig. Haben Sie keine Sorge, abgehängt zu werden?

Im Gegensatz zu Tesla hat Profitabilität bei uns hohe Priorität. Das hängt auch mit unserer 200-jährigen Firmengeschichte zusammen. 

Die Ladesäulen-Infrastruktur ist entscheidend, um E-Mobilität attraktiv zu machen. Was tun Sie, um den Ausbau voranzutreiben?

Momentan sind wir in Deutschland nicht organisiert, um die Ladesäulen-Infrastruktur zu entwickeln. Das ist heute klar unsere Schwäche, aber das gilt für alle Hersteller in Deutschland. Neben der Infrastruktur und den richtigen Produkten sind aber auch Anreizsysteme ein wesentlicher Faktor. Wenn die Bedingungen stimmen, lohnt es sich, die Infrastruktur groß auszubauen. Das ist momentan nicht der Fall: Bei der Durchsetzung der Elektromobilität ist seitens der Bundesregierung noch keine Konsequenz spürbar. 

Sprechen wir über Opel. Der elektrische Ampera-e kann es mit gut 500 Kilometern Reichweite mit Tesla aufnehmen. Leider ist er in Deutschland auf absehbare Zeit nicht lieferbar. Wurde da die Nachfrage unterschätzt?

Diese Frage kann nur Opel beantworten. 

Wie wird es mit dem Ampera-e weitergehen? PSA hat schließlich eine eigene Plattform für die neuen Elektromodelle.

Opel wird von der PSA-Technik profitieren, inwiefern das Konsequenzen für den Ampera-e hat, wird ebenfalls Opel erklären können. Es ist deren Sache, eine eigene Strategie innerhalb der PSA-Gruppe zu entwickeln. Sicher ist, dass wir insgesamt Synergien und Skaleneffekte erzielen werden.

Ex-Opel-Chef Karl-Thomas Neumann hatte vorgeschlagen, Opel zur reinen Elektromarke umzubauen. Wäre momentan nicht ein guter Zeitpunkt dafür?

Entscheidend ist, dass Opel nachhaltig profitabel ist. Bis 2020 soll die Marke zwei Prozent operative Marge einbringen, bis 2026 sechs Prozent. Es ist jetzt an Opel, bis November einen 100-Tage-Plan vorzulegen. Dabei kann der Vorschlag von Herrn Neumann herauskommen oder auch etwas völlig Anderes.

Interview: Jutta Maier
Keywords:
PSA | Citroen | Peugeot | Elektromobilität | Elektroautos | Dieselbetrug
Ressorts:
Technology | Markets

Kommentare

Deutschland ist in der Tat weit hinter anderen europäischen Ländern in Sachen e-Mobilität. Es wird Zeit, dass sich hier etwas bewegt. Die letzten Generationen der Elektrofahrzeuge sind durchaus in der Lage weitere Strecken zu fahren, allerdings muss dann auch eine entsprechende Tankstelle verfügbar sein, an der ich in unter 8 Stunden mein Fahrzeug laden kann...

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