Blockchain
06.04.2017

„Unser Ziel ist ein digitales Ökosystem für die Energieindustrie“

Foto: istockphoto.com / Grigorev_Vladimir
Abgase aus Fabriken und Autos verdüstern regelmäßig chinesische Großstädte wie Shanghai.

Cao Yin entwarf den Plan für Chinas Internet der Energie. Im Exklusiv-Interview mit bizz energy spricht der Chief Strategy Officer des Energy-Blockchain Labs über das Projekt mit IBM für den Emissionshandel und seine Internationalisierungspläne.

Cao Yin ist ein Wandler zwischen Wirtschaft und Politik, wie er so wohl nur in China anzutreffen ist. Für die Regierung in Peking entwarf er den 2016 veröffentlichten Plan zur Digitalisierung der Energiewirtschaft mit dem Namen „Internet+ Smart Energy“. Yin gelang es damit, seine Idee eines chinesischen Energie-Internets zur offiziellen Regierungspolitik zu machen. „Unser Ziel ist es, alle grünen Assets zu digitalisieren und ein neues Ökosystem für die Energieindustrie zu schaffen“, sagt Yin nun im Interview mit bizz energy.

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Neben seiner Beratertätigkeit für die Regierung in Peking ist Yin auch Chief Strategy Officer (CSO) des ebenfalls 2016 gegründeten Start-ups Energy-Blockchain Labs in Shanghai. Aktuell entwickle das Lab eine Handelsplattform für Emissionszertifikate auf Basis des Blockchain-Projekts Hyperledger Fabric, verrät Yin.

In Fachkreisen sorgte bereits ein ähnliches Projekt mit dem amerikanischen IT-Giganten IBM für Furore. Die Blockchain-Anwendung soll Fabriken und Behörden die langwierigen Verfahren für das Ausstellen von Emissionsrechten erleichtern. Für Mai hat IBM vor Kurzem die Beta-Version angekündigt.

Größter Emissionshandel weltweit

Was sich zunächst eher wenig spektakulär anhört, ist ein zentrales digitales Infrastrukturprojekt für eines von Chinas Mammutvorhaben. Bis Ende des Jahres soll der Emissionshandel von einigen Versuchsregionen auf das ganze Land ausgeweitet werden – ein Riesenerfolg für den internationalen Klimaschutz. Mit einem Volumen von vier Milliarden Tonnen CO2 und mindestens 7.000 verpflichteten Unternehmen wird China zum weltweit größten Marktplatz für Verschmutzungsrechte, mehr als doppelt so groß wie der europäische.

Mit Hilfe der Blockchain könnten alle Beteiligten klar verfolgen, welche Partei gerade woran arbeitet und in welchem Stadium sie sich befindet, wirbt Yin: „Das Ausstellen einer Emissionsberechtigung ist in China zwar ein bereits verbreitetes, aber immer noch mühseliges Verfahren.“ Beteiligt sind neben dem Anlagenbetreiber auch Beratungsfirmen, unterschiedliche Prüfstellen, mehrere lokale Behörden, Expertenkomitees und die Klimaabteilung von Chinas mächtiger Nationaler Entwicklungs- und Reformkommission (NDRC).

Blockchains sind dezentrale Datenbanken. Sie gelten als ideal für das manipulationssichere Erstellen und Verwalten von digitalen Zertifikaten und Handelsgütern zwischen einer Vielzahl von Teilnehmern.

Plattform für schnellere Prozesse

Im Emissionshandel müssen die Beteiligten eine Vielzahl von Dokumenten und Informationen austauschen, von der Machbarkeitsstudie des Anlagenbetreibers bis zur Bescheinigung des Emissionsrechts. „Zurzeit werden all diese Koordinierungsaufgaben manuell erledigt – über Telefon, E-Mail und manchmal sogar in Form gedruckter Berichte“, sagt Yin. „Das ist ein Grund, warum es zehn bis 14 Monate braucht, um ein Emissionszertifikat auszustellen.“

Die Blockchain-Plattform verkürze den Prozess derzeit auf fünf bis acht Monate, berichtet Yin. Ziel ist es, die Dauer auf nur drei bis sechs Monate zu drücken. Die Kosten können nach Darstellung von Energy-Blockchain Labs um 20 bis 30 Prozent gesenkt werden.

Industriepolitik mit dem Energie-Internet

Im Wettbewerb mit anderen Software-Firmen sieht Mirjam Meissner, Leiterin des Programms Wirtschaft und Technologie am Berliner Mercator Institute for China Studies (MERICS), Yins Start-up bestens gerüstet. „Die enge Verbindung zwischen Energy Blockchain-Labs und der chinesischen Regierung dürfte dieser Plattform einen deutlichen Vorteil gegenüber möglichen Konkurrenzprojekten verschaffen."

Meissner glaubt, dass hinter dem Projekt ein ehrgeiziger Expansionsdrang steckt: „Ich vermute, dass IBM auch als Partner für die Internationalisierung eines chinesischen Energie-Internets dienen soll." Die Expertin verdeutlicht, welche industriepolitische Bedeutung solche Projekte für China haben: „Mit ‚Internet+ Smart Energy’, verfolgt die Regierung langfristig unter anderem das Kalkül, Standards für ein globales Energie-Internet zu setzen und es zu beeinflussen.“

Grünstromzertifikate und Finanzprodukte

Im Interview mit bizz energy bestätigt Cao Yin, dass der Handel mit Emissionsrechten nur der erste Anwendungsfall für Energy-Blockchain Labs sein soll: „Im nächsten Schritt werden wir das System auf auf andere Arten von grünen Assets erweitern, die digitalisiert und wie Währungen gehandelt werden können, beispielsweise Grünstromzertifikate und grüne Finanzprodukte.“

Das Lab setze dabei nicht nur auf Blockchain, sondern eine Vielzahl von Informationstechnologien wie das Internet der Dinge, künstliche Intelligenz und Big Data. „Wir brauchen jemanden, der ein Portfolio von Spitzen-Tools anbieten und bei der Auswahl beraten kann. Deshalb ist IBM der Partner unserer Wahl“, erklärt Yin. Eine Rolle dürfte aber sicherlich auch die Reputation des amerikanischen Konzerns spielen. Als einer der größten Unternehmensberater hat IBM wertvolle Kontakte zu renommierten Firmen weltweit.

Alter Bekannter kauft sich bei Tesla ein

Energy-Blockchain Labs bemüht sich außerdem, Kontakte in die globale Finanzwelt und Politikkreise auf den höchsten Ebenen zu knüpfen. „Wir suchen gerade nach Partnern außerhalb Chinas und diskutieren mit der Weltbank, deren Entwicklungsbank IFC und den Vereinten Nationen. Wir wollen gemeinsam einen Fahrplan erarbeiten, der die internationale Verbreitung unserer Technologie erleichtert“, sagt Yin.

Fachleute trauen der Kooperation zwischen Energy-Blockchain Labs und IBM einiges zu und warnen bereits vor einem „Blockwashing“ – also einer Entfremdung der ursprünglichen Blockchain-Idee durch eine große Institution. „Der Riesenvorteil der Blockchain ist ja gerade, dass dort Vertrauen durch Konsens vieler verteilter Teilnehmer geschaffen wird. Ich halte es für fraglich, sich dann doch wieder auf einen privaten zentralen Anbieter zu verlassen“, sagt Simon Albrecht vom Institut für Energiewirtschaft (INEWI) der Hochschule Fresenius.

Wie erfolgreich Yin bisher agierte, zeigt ein Blick auf seinen Werdegang. Er leitete die Blockchain-Aktivitäten bei Cinda Securities, Chinas größtem Vermögensverwalter. Seine Pläne für das Energie-Internet erläuterte er in einem gemeinsamen Buch mit dem Vorstandsvorsitzenden des Internetkonzerns Tencent. Der machte zuletzt in den USA Schlagzeilen: Im März kaufte sich Tencent beim Elektroauto-Pionier Tesla ein. Wie praktisch, dass Blockchain-Unternehmen für die Elektromobilität ebenfalls Anwendungen entwickeln – vom Abrechnen des Ladestroms bis zum Vermieten der Fahrzeuge.

Die ausführliche Fassung des Interviews mit Cao Yin lesen Sie hier.

Manuel Berkel
Keywords:
Blockchain | Energy-Blockchain Labs | Cao Yin | IBM | Digitalisierung | Smart Grid | China
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