Blockchain
22.12.2017

Envion sammelt Geld fürs grüne Bitcoin-Schürfen

Foto: Envion
In den Schiffscontainern befindet sich leistungsfähige Mining-Hardware.

In mobilen Containern will ein Berliner Start-up regenerative Energiequellen für das Mining von Kryptowährungen nutzen. Bei Anlegern kommt die Idee gut an.

Schon jetzt hat das Berliner Start-up gut 35 Millionen Dollar eingesammelt. Envion will das Kapital einsetzen, um erneuerbare Energiequellen und überschüssigen Strom für die Schaffung neuer Bitcoins lokal zu nutzen. Man sei bereits unter den zehn größten Initial Coin Offerings (ICO) weltweit, zeigt sich Geschäftsführer Matthias Woestmann im Gespräch mit bizz energy zufrieden: „Der ICO ist bisher sehr gut gelaufen“.

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Das noch junge Finanzierungsverfahren wird derzeit vor allem von Start-ups mit Bezug zur Blockchain-Technologie genutzt. Ähnlich wie beim klassischen Börsengang, dem Initial Public Offering (IPO), kann mit ICOs Kapital eingesammelt werden. Jedoch werden nicht ausschließlich Unternehmensanteile verkauft, sondern sogenannte Tokens erzeugt. Diese Tokens können ebenfalls digitale Kryptowährungen sein, aber beispielsweise auch Stimmrechte oder Lizenzanteile bedeuten. Es handelt sich bei ICOs um eine neue Form der Crowdfinanzierung.

Kapital für Mobile Mining Units

150 Millionen Tokens könne Envion theoretisch vergeben. Bei einem Preis von 70 Cent wären das 100 Millionen Dollar. „Das wäre das Maximale gewesen, was wir hätten verdauen können“, sagt Woestmann, der drei Vorteile dieser Finanzierungsform benennt: Mittler wie Venture-Capital-Geber fielen weg. Mit ICOs könnten Finanzierungen zudem sehr schnell auf die Beine gestellt und theoretisch die ganze Welt der Anleger angesprochen werden.

Envion möchte mit dem eingesammelten Kapital sogenannte MMUs (Mobile Mining Units) bauen. Die Envion MMU ist ein Container, der überall auf der Welt aufgestellt und variabel mit Minern versehen werden kann. Das Ziel ist es, mit diesen mobilen Rechenzentren ein flexibles, dezentrales Mining-Netzwerk aufzubauen.

„Auf der einen Seite haben wir einen exponentiell steigenden Energiebedarf im Kryptomining-Bereich, auf der anderen Seite zunehmende Überschüsse im Strommarkt“, sagt Woestmann. Im Mittleren Osten werde Solarenergie immer billiger, in der norddeutschen Tiefebene oder in den Great Plains in den USA hingegen Wind. In den nordischen Ländern sei Wasserkraft günstig. Gleichzeitig würden andere Energiequellen teurer.

Bitcoin verbraucht mehr Energie als Bulgarien

Hintergrund: Das Bitcoin-System verbraucht viel Energie. Auf 35 Terawattstunden pro Jahr beziffert der „Bitcoin Energy Consumption Index“ den Stromverbrauch, den die „Schürfer“ der Digitalwährung Bitcoin einschließlich der Abspaltung Bitcoin Cash mit ihren Rechnern derzeit verursachen. Damit verbraucht die Kryptowährung inzwischen mehr Strom als Bulgarien.

Der hohe Energieverbrauch liegt an der Schaffung neuer „Münzen“, dem sogenannten Mining. Die Miner sind die Teilnehmer der Bitcoin-Blockchain, die mit ihren Rechnern neue Blöcke erstellen. Sie stellen Rechnerleistung zur Transaktionsverarbeitung, Absicherung und Synchronisierung aller Nutzer im Netzwerk zur Verfügung. Dieser Prozess wird analog zum Goldschürfen Mining genannt. Zur Belohnung bekommen die Miner Bitcoins.

Mögliche Lösung: Erneuerbare Energien

Für deren Schaffung werden inzwischen spezielle Hardware und hohe Rechnerkapazitäten benötigt – und sehr viel Energie: Die benötigte Menge entspricht bereits rund 0,16 Prozent des weltweiten Elektrizitätskonsums. Und die Kurve des Verbrauchs weist stetig nach oben. Nicht wenige Experten sehen hier ein wachsendes Hindernis für die globale Energiewende und eine zusätzliche Gefahr für das Klima.

Transport Envion-Container
Ändern sich die Umstände, können die Miner leicht verlegt werden. Foto: Envion
Die Lösung könnte die Nutzung regenerativer und dezentraler Energien sein. Zu deren Standorten will Envion seine Mining-Einheiten bringen. „Wir bringen die Container dorthin, wo die Energie erneuerbar und möglichst im Überfluss zur Verfügung steht“, beschreibt Woestmann die Idee. An die Quelle komme man nur mit sehr flexiblen Einheiten. „Standard-Container passen nahtlos in das internationale Logistik-System und können günstig von einem Ort zum anderen transportiert werden.“

Dies könnte auch den geographischen Schwerpunkt des Mining verschieben, der derzeit noch in China liegt. Weil die chinesische Regierung den gesamten Krypto-Bereich jedoch zurückdrängen möchte, verlassen einige Miner trotz des günstigen Stroms bereits das Land. Das mobile Angebot von Envion könnte hier eine Alternative sein, zumal es so dezentral ist, wie die hinter Bitcoin stehende Blockchain-Technologie.

Die Container sollen in Clustern von 50 oder mehr für ein bis drei Jahre an ihren Standorten platziert werden. Wenn sich die Umstände ändern, könne man sie bewegen. Envion hat nach eigenen Angaben bereits jetzt hunderte von Angeboten von Energieerzeugern mit günstigen Preisen. Die Angebote sollen nun geprüft und eine Hand voll Standorte ausgewählt werden. 300 bis 500 Container könnten je nach Ausstattung voraussichtlich gebaut werden. Daneben gebe es noch Anfragen von Investoren, die größere Stückzahlen von Containern beziehen wollen.

Prognose: Kryptowährungen werden bleiben

Der ICO läuft noch bis zum 14. Januar – aber ausgerechnet deutsche Investoren sind ausgeschlossen. Wie viele Start-ups, die sich mit der Blockchain beschäftigen, ist Envion in der Schweiz registriert. „Dort ist zumindest eine rudimentäre Form der Regulation für ICOs vorhanden“, sagt Woestmann. In Deutschland seien die Rahmenbedingungen sehr viel unsicherer, weshalb man sich für die Regularien der Schweiz entschieden habe. Im Laufe der Prospektgestaltung für den ICO habe sich herausgestellt, dass sich Schweizer Recht und deutsches Recht beißen. Um kein Risiko einzugehen, habe man Deutschland ausgeschlossen. „Das hat natürlich viele enttäuscht“, sagt Woestmann. Viel Kapital kam dafür aus den USA und aus Australien, aber auch aus dem Mittleren Osten und Asien. 

Woestmann ist überzeugt, dass Kryptowährungen kein vorrübergehendes Phänomen sind: „Die Art und Weise, wie wir Geld, Waren und Dienstleistungen austauschen, wird sich verändern“. Eine langfristige Dominanz der Währung Bitcoin sieht er nicht zwangsläufig. Wie bei jeder großen Revolution gebe es enorme Ausschläge, aber der Trend zeige nach oben: „Kryptowährungen insgesamt werden eine immer größere Rolle spielen“. Die Frage sei, wie sich die staatlichen Akteure dazu stellten, und wie stark diese versuchten Kryptowährungen einzuschränken oder zu kontrollieren. Entscheidend für die Zukunft sei deshalb der rechtliche Rahmen.

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Carsten Kloth
Keywords:
Blockchain
Ressorts:
Technology

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