Klimawandel
09.11.2017

Führende Wissenschaftler fordern Aus für Kohlestrom

Foto: Wikimedia/Frankherz
Kohlekraftwerk von RWE im nordrhein-westfälischen Weisweiler

Das Abschalten von Kohlekraftwerken ist aus Sicht des Deutschen Klima-Konsortiums der einfachste und schnellste Weg, um die Pariser Klimaziele noch zu erreichen. Die Wissenschaftler kritisieren das Zögern der Regierung.

Führende Klimaexperten fordern angesichts von Deutschlands absehbarem Scheitern an den Pariser Klimazielen an die Politik, ein Ende für Kohle zu beschließen. „Der Ausstieg aus der Kohleverstromung ist die kostengünstigste Variante und am schnellsten umzusetzen“, sagt Gernot Klepper, vom Institut für Weltwirtschaft (IW) bei einer Veranstaltung in der Berliner Humboldt-Universität. Die ebenfalls nötige Verkehrs- und Wärmewende etwa sei dagegen schwieriger realisierbar.

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„Die Lösungen sind da, wir müssen sie nur anwenden“, sagt Klimaaexperte Mojib Latif, Vorsitzender des Deutschen Klima-Konsortiums, zu dem sich führende Forscher zusammengeschlossen haben. Er verweist auf die Erklärung von mehr als 50 Konzernen, Wirtschafts- und Ökoverbände – darunter Siemens, Aldi und die Telekom – die vor zwei Tagen anlässlich des Bonner Klimagipfels von der künftigen Regierung den Abschied von der Braunkohle forderten.

"Deutschland schwächelt beim Klimaschutz"

Ohne Kohleausstieg werde die Bundesrepublik die in Paris vereinbarten Klimaziele für 2020 drastisch verfehlen, warnt das Klima-Konsortium in Berlin: Statt der versprochenen 40 Prozent würden die CO2-Emissionen voraussichtlich nur um 32 Prozent im Vergleich zu 1990 sinken. Die Emissionen stagnieren seit acht Jahren, obwohl inzwischen 29 Prozent des deutschen Strommixes aus erneuerbaren Energien stammen. „Deutschland schwächelt beim Klimaschutz, das darf nicht so weitergehen“, sagt Latif. Ein sozial verträglicher Kohleausstieg, der die Wirtschaft nicht gefährde, sei möglich.

Sein Kollege Hans Joachim Schellnhuber, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, warnt vor zunehmenden Wetterextremen weltweit. Der Anstieg des Meeresspiegels bedrohe Menschenleben. Die Folge seien Risiken für weltweite Lieferketten und wachsende Flüchtlingsbewegungen. Die deutsche Regierung kritisiert Schellnhuber scharf: „Versprechen, verschleppen, verklappen –  das ist die gängige Politik“, sagt er. „Aber wer heute niemandem wehtun will, wird morgen allen wehtun.“ Jetzt noch zu behaupten, dass Deutschland deindustrialisiert werde, wenn es seine Klimaschutzziele erreichen wolle, sei „eine freche Lüge“, sagt Schellnhuber in Bezug auf FDP-Positionen in den Jamaika-Koalitionsverhandlungen. 

Braunkohle-Beschäftigte umschulen

Aus Sicht des Wissenschaftlers sollten Braunkohle-Beschäftigte, die noch nicht in Rente gehen wollen oder können, umgeschult werden. „10.000 bis 12.000 Arbeitsplätze in der Braunkohle werden durch Automatisierung ohnehin verschwinden“, sagt Schellnhuber. Im kommenden Jahr entstünden Wirtschaftsprognosen zufolge jedoch 600.000 neue Jobs in Deutschland, für die dringend Fachkräfte benötigt würden. „Warum nicht Leute umschulen, um sie genau in diesen boomenden Arbeitsmarkt zu bringen“, schlägt er vor.

Nach Angaben des Klima-Konsortiums existieren weltweit Pläne für mehr als 1.000 neue Kohlekraftwerke. Wenn diese gebaut würden, wäre der Pariser Klimabeschluss zunichte, argumentieren die Wissenschaftler. Die meisten Kraftwerke seien ohnehin nur wirtschaftlich, weil sie subventioniert würden. Gesundheits- und Umweltkosten seien zudem noch gar nicht eingerechnet. Deutschland könne in Schwellenländern aber nur dann dafür werben, die Ausbaupläne für die Kohlekraftwerke einzustellen, wenn es mit gutem Beispiel vorangehe und die eigenen Meiler zügig vom Netz nehme. 

Mehr erneuerbare Energien in China und den USA

In den vergangenen drei Jahren sind die weltweiten CO2-Emissionen stagniert. Dies liegt den Wissenschaftlern zufolge daran, dass China und die USA als größte Emittenten Kohle durch Wind, Sonne und Erdgas ersetzt haben. China werde nach derzeitigem Stand darauf verzichten, 100 geplante Kohlekraftwerke zu bauen.

Jutta Maier
Keywords:
Klimawandel | Klimaschutz | Bonner Klimakonferenz | erneuerbare Energien | Kohlekraftwerke
Ressorts:
Governance

Kommentare

Es ist schwierig, in der hier vertretenen Argumentationsweise eine schlüssige Logik zu erkennen. Auf der einen Seite sollen bis zu 12.000 Energiearbeiter im Bereich der Beraunkohlewirtschaft auf andere nicht minder lukrative Berufe umgeschult werden. Auf der anderen Seite hätten die Kraftwerke bereits aufgrund ihrer mangelnden Wirtschaftlichkeit hohe Subventionen verursacht sowie noch nicht eingerechnete Gesundheits- und Umweltkosten hinterlassen. Wer soll nun für diese Kosten aufkommen, wenn aufgrund der vorgezogenen Stilllegung aller Kohlekraftwerke gleichzeitig das Verursacherprinzip außer Kraft gesetzt wird?

Für mich sind solche Artikel sehr irritierend.
Die Einhaltung nationaler Klimaschutzziele durch Eingriffe in einen durch das ETS auf europäischer Ebene regulierten Markt erscheint mir für das Klima völlig sinnlos. Aber vielleicht habe ich das System ja auch nicht richtig verstanden?
Was mir aber wirklich Angst macht, ist die Tatsache, dass mit dem immer wieder genannten Jahr 2020 ein Braunkohle-Ausstieg (bzw. eine weitgehende Reduzierung der Verstromung) noch vor dem Kernenergieausstieg stattfinden würde. Aktuell sind noch 8 KKWs in Deutschland i.B., mit mehr als 10GW Nettoleistung.
Braunkohlekraftwerke sind noch mit über 20GW in Betrieb.
Und dennoch wurden z.B. gerade in der letzten Woche, als es dunkel und windstill war, einige in den letzten Jahre eingemottete Gaskraftwerke wieder i.B. genommen. Aber auch diese konnten keinen Anstieg der Spotmarktpreise über 100€/MWh verhindern.
D.h. es herrschte heute schon bei entsprechender witterung Strommangel in Deutschland!
Wo sollen in den nächsten 5 Jahren (2022 gehen die letzten KKW vom Netz) 30GW (!!!) gesicherte Ersatzkapazität herkommen? Diese Frage stellt in der aktuellen Diskussion auf Seiten der Ausstiegsbefürworter niemand. Wer das Buch "Blackout" gelesen hat, stellt diese aber durchaus angsterfüllt.
Zuletzt noch ein paar Sätze zum Umschulen von Braunkohlebeschäftigten.
Die Idee klingt natürlich gut, halte ich aber für sehr schwierig. Das Tagebau und Kraftwerkssystem ist relativ speziell. Für junge Kumpel bis ca. 40 Jahren mag das noch eine Option sein. Aber für über 50-jährige kann ich mir nur schwer vorstellen, zu was z.B. ein Tagebauschlosser oder ein Kraftwerker umgeschult werden soll, um den Fachkräftemarkt zu bereichern.

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