Speicherverband kritisiert Bundesnetzagentur
07.05.2020

"Für den eigenen Solarstrom zahlen?"

Foto: iStock
Haus, Auto, Solaranlage, Speicher: Ist das die Energiewende?

Tausende Photovoltaik-Anlagen fallen ab 2021 aus der EEG-Förderung. Dem Problem ist mit den Vorschlägen der Bundesnetzagentur nicht beizukommen, sagt Urban Windelen vom Bundesverband Energiespeicher (BVES) im Interview.

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Herr Windelen, im Februar veröffentlichte die Bundesnetzagentur einen Vorschlag, wie künftig mit Solaranlagen, sogenannten Prosumer-Anlagen, umgegangen werden kann, sofern für sie ab 2020 nach und nach die EEG-Förderung endet oder wenn sie neu ans Netz gehen. Zwei Monate nahm kaum jemand Notiz von dem Vorschlag – jetzt schlagen die Wellen hoch. Manch Kritiker malt den Tod der deutschen Speicherindustrie an die Wand, falls das realisiert wird. Was meinen Sie?

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Wir beobachten das Herumgeistern dieses Marktmodells für Prosumer-Anlagen seit einiger Zeit. Und die Wellen, die es schlägt, werden höher, je mehr betroffene Kreise sich das genauer ansehen.

Interessant ist dabei zunächst, dass die Bundesnetzagentur Urheber dieses Marktmodells ist und es landauf und landab promotet. Die Bundesnetzagentur ist jedoch Regulierungs- und Marktaufsichtsbehörde, kein Thinktank und keine Lobbyorganisation für einzelne Energiemarktakteure. Eigentlich sollte hier die Bundesnetzagentur einer besonderen Neutralität verpflichtet sein.

Hinter dem Vorschlag steht das reale Problem, dass Anfang 2021 schätzungsweise 18.000 kleinere Solaranlagen aus dem EEG fallen. Sie bekommen keine Einspeisevergütung mehr und es gibt auch keine Abnahmepflicht mehr für ihren Solarstrom. Die Frage ist doch: Wie können die weiterbetrieben werden?

Das ist tatsächlich ein Thema, das es rasch anzupacken gilt. Und an dem auch bereits kräftig gearbeitet wird. Eine zentrale Stellschraube wird auch hier die Umsetzung der Elektrizitätsbinnenmarkts-Richtlinie der EU in deutsches Recht sein. Die Richtlinie fordert, den Prosumer als zentralen Akteur des Energiesystems zu verankern und ihm die entsprechende Teilhabe an allen Märkten zu eröffnen.

Die diskriminierungsfreie Eigenversorgung spielt dabei eine besondere Rolle. Das Modell der Bundesnetzagentur will dagegen die private Photovoltaik-Anlage einseitig zugunsten des Netzbetreibers in die Pflicht nehmen. Das verstößt deutlich gegen die Vorgaben der EU.

In Deutschland ist besonders um die Mittagszeit viel – und erfreulicherweise immer mehr – Solarstrom verfügbar, gerade auch aus Millionen kleinerer Dachanlagen. Deren schwankende Erzeugung ins Netz zu integrieren und dieses stabil zu halten, darum geht es nach meinem Eindruck beim Vorschlag der Bundesnetzagentur. Dafür ist sie ja zuständig, und das liegt auch im Interesse aller, die Strom erzeugen und verbrauchen.

Urban Windelen
Urban Windelen ist seit 2015 Geschäfts­führer
des Bundes­verbandes Energie­speicher (BVES).
Für dieses "Problem" bietet aber doch der Vorschlag der Bundesnetzagentur gerade keine Lösung und vernachlässigt ein bedeutendes Element, um die natürlichen Mittagsspitzen bei der Erzeugung herauszunehmen. Das ist der Eigenverbrauch, gerade auch in Kombination mit einem Speicher. Eine Vielzahl von Studien hat die Netzdienlichkeit derartiger Anlagen eindeutig bestätigt. Bei der Bundesnetzagentur scheint es einzig um den Zugriff auf die Photovoltaik-Anlage zu gehen. Das passt auch zu dem Satz, den man dabei immer wieder hört, dass die Anlagenbetreiber doch genug Geld verdient hätten und jetzt eben zurückzahlen müssten.

Ist der Vorwurf nicht sehr übertrieben?

Nun – wenn Sie ihre eigene Photovoltaik-Anlage auf Ihrem eigenen Hausdach nicht mehr selbstbestimmt nutzen dürfen, sondern eine pauschale Nutzungsgebühr an den Netzbetreiber abführen müssen, dann ist das kein freundlicher Akt.

In einer Modellrechnung der Bundesnetzagentur summiert sich die Nutzungsgebühr bei einer Zehn-Kilowatt-Solarstromanlage auf fast 150 Euro pro Monat. Das kann nur ein Scherz sein. So würgt man gerade die Bürgerenergiewende radikal ab.

Zur argumentativen Stütze kommen dann auch noch so tendenziöse Bemerkungen, dass Photovoltaikanlagen den CO2-Ausstoß letztlich erhöhen würden.

Das sagt aber auch der Thinktank Agora Energiewende – wegen des Phänomens der sogenannten Doppelversorgung. Hintergrund ist dabei, dass der Solarstrom, der von den kleineren Anlagen selbst verbraucht wird, nur fehlerhaft bilanziert werden könne. Das Netz weiß, vereinfacht gesagt, nicht so genau, wie viel Strom vom Dach am Ende wirklich im Netz landet. Um das auszugleichen und die Netzfrequenz stabil bei 50 Hertz zu halten, müssen zusätzlich Regelkraftwerke laufen, die bei Bedarf hoch- oder heruntergefahren werden – und das sind eben meist fossil betriebene Anlagen.

Agora Energiewende spricht von einer theoretischen Doppelversorgung. Real im Energiesystem ist das auch gar nicht möglich. Und wenn dem tatsächlich so wäre, dann wird es doch hohe Zeit, das Bilanzsystem und die Ausgleichsmaßnahmen zu flexibilisieren – also das System endlich passend zu machen für die Energiewende und nicht umgekehrt. Wir wehren uns jedenfalls gegen einseitige und unhaltbare Schuldzuweisungen.

Erneuerbare sind fluktuierend – keine besonders neue Erkenntnis. Helfen würden Energiespeicher, Digitalisierung und Umstellung des Systems auf die Dezentralisierung. Die EU hat das erkannt und setzt genau hier die richtigen Schwerpunkte.

Ein anerkannter Solarpionier wie Johannes Lackmann weist schon seit Jahren darauf hin, dass auch Solarstromerzeuger, die einen hohen Eigenverbrauch oder gar Autarkie anstreben, die Netzkosten nicht aus Blick verlieren dürfen – Zitat: "Dass man sich von Netzentgelten und EEG-Umlage befreit, dann aber sagt, die Kosten der Netzinfrastruktur interessieren mich nicht, das darf nicht passieren."

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Keywords:
Photovoltaik | EEG | Speichertechnologie
Ressorts:
Markets
 

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