Elektromobilität
23.11.2017

Hyperloop aus Holland: Start-up plant erste Teststrecke

Darstellung: Hardt
So stellt sich Hardt Hyperloop aus Delft den Personentransport der Zukunft vor.

Elon Musks Segen haben sie. Nun wollen die niederländischen Gründer von Hardt Hyperloop superschnellen Röhrenzügen in Europa den Weg ebnen. Doch die Realisierbarkeit steht in den Sternen.

In der Welt des Tim Houter wird Deutschland zu einer großen Stadt. Ihre Einwohner fahren in Hyperloop-Röhren schneller quer durch die Republik als mit der S-Bahn von Bottrop nach Bochum. „Sie werden in ein paar Minuten von Berlin nach Frankfurt reisen können“, prophezeit der Gründer des Start-ups Hardt Hyperloop im Gespräch mit dem Magazin bizz energy. Das disruptive Potenzial sei riesig: „Unsere Art zu leben, wird sich grundlegend verändern.“

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Zuvor sind allerdings noch ein paar Dinge zu erledigen. Und zu finanzieren. Hardt Hyperloop hat bisher 600.000 Euro bei der niederländischen Bahngesellschaft Nederlandse Spoorwegen und dem EU-geförderten Fonds Uniiq eingesammelt. Auch ein paar private Geldgeber sind eingestiegen. Um die erste Hochgeschwindigkeits-Testanlage für Hyperloop-Systeme in Europa bauen zu können, braucht das 17-köpfige Team nun aber Wagniskapital. Houter, der Hardt Hyperloop gemeinsam mit Kommilitonen der Technischen Universität Delft gegründet hat, strotzt vor Zuversicht, dass er es bekommt.

Hoffnung auf Pilotprojekt

Wenn dann auch die niederländische Regierung Hardt Hyperloop wohlgesonnen ist, soll die mehrere Kilometer lange Röhre nächstes Jahr in der zentralniederländischen Provinz Flevoland entstehen. Houters Team, das in diesem Jahr neben dem Team Warr von der TU München mit seinem Röhren-Fahrzeug die „Hyperloop Pod Competition“ von Tesla-Gründer Elon Musk
in Kalifornien gewann, will in der Anlage typische Manöver testen: Höchstgeschwindigkeiten, Spurwechsel, Kurvenfahrten und dergleichen mehr.

Hardt hat für erste Versuche bei niedrigen Geschwindigkeiten an der TU Delft immerhin schon ein kurzes Röhrensegment installiert. Der ambitionierte übernächste Schritt soll eine 50 Kilometer lange Pilotstrecke sein. Wo, das sei noch völlig offen, sagt Houter. „Es gibt enormes Interesse von Regierungen auf der Welt, die die erste Pilotstrecke in ihrem Land haben wollen.“

Airbus ist neugierig

Ein Indiz dafür, dass das Konzept, Fahrzeuge mit bis zu 1.000 Stundenkilometern auf Magnetfeldern durch Unterdruck-Röhren zu jagen, keine Spinnerei ist, könnte das Interesse der Luftfahrtindustrie sein. Airbus beispielsweise sponsert das Münchner Hyperloop-Team Warr. Auch die Trendscouts in Airbus’ Innovationslabor A3 („A-Cubed“) bei San Francisco befassen sich mit der Technologie.

Könnte ein Netz aus Hyperloop-Röhren eines Tages den Flugverkehr verdrängen? Tim Houter rechnet eher mit Ergänzung als mit Ersatz: „Hyperloops können Flughäfen entlasten, weil sie die kürzeren Strecken übernehmen, die jetzt noch von Flugzeugen bedient werden.“ Die klassischen Fluggesellschaften sollen sich dann auf interkontinentale Verbindungen konzentrieren.

Verkaufsargument Klimaschutz

Tim Houter, Chef und Mitgründer von Hardt Hyperloop. Foto: Hardt
Weniger Kurz- und Mittelstreckenflüge gleich weniger verbranntes Kerosin gleich weniger Treibhausgas – besonders den Klimaschutz führte Houter während eines Auftritts beim UN-Klimagipfel in Bonn im Munde. Vor globalem Publikum warb er für das futuristische Transportmittel mit „null CO2-Emissionen“.

Doch gesetzt den Fall, das Konzept, Menschen ökostrombetrieben mit irrwitzigen Geschwindigkeiten durch eine auf Stelzen montierte Röhre zu schießen, erweist sich tatsächlich als machbar –  es wären immer noch riesige Infrastruktur-Investitionen nötig. Und es würde lange dauern, bis die Transportweise einen nennenswerten Beitrag zum Klimaschutz leisten könnte. Trotz des geschickt von Elon Musk geschürten Hypes herrschen unter Fachleuten erhebliche Zweifel daran, dass Hyperloop-Strecken technisch realisierbar und dann auch sicher und wirtschaftlich zu betreiben sind.

Leichtere Infrastruktur

Zumindest sei ihr Bau billiger als der Bau von Trassen für konventionelle Hochgeschwindigkeitszüge, hält Houter dagegen. Das Hyperloop-System wiege deutlich weniger als Bahnsysteme, somit brauche es keine massive Infrastruktur. Und da die Röhren auf Stelzen geführt würden, ließen sich auch Straßen, Flüsse und andere Hindernisse leichter überbrücken.

Das soll sich am Ende auch im Fahrpreis für Passagiere niederschlagen. Für die Strecke Amsterdam-Berlin rechnet man bei Hardt Hyperloop mit einigen Dutzend Euro pro Person.

Hype um den Hyperloop

Hyperloop-Pläne werden derzeit an vielen Orten der Welt geschmiedet: Hyperloop One in den USA, das seit dem Einstieg des Milliardärs Richard Branson Virgin Hyperloop One heißt, ist mit seinen Tests am weitesten. Der australische Ableger des Unternehmens, Ultraspeed Australia, schlug kürzlich den Bau einer Strecke zwischen Sydney und Brisbane vor. In Indien hat Virgin Hyperloop One in diesem Monat Machbarkeitsstudien für drei Projekte vereinbart, darunter für eine Strecke zwischen den Städten Mumbai und Pune.

Für das Vorhaben des Start-ups Pacific Hyperloop, Seattle und Portland zu verbinden, entsteht derzeit eine von Microsoft und weiteren Unternehmen mitfinanzierte Studie. Vorläufiges Ergebnis: Das Projekt würde zwischen 24 und 42 Milliarden Dollar kosten.

Musk will Tunnel bohren

Auch Multiunternehmer und Preisstifter Elon Musk wird möglicherweise selbst operativ ins Hyperloop-Geschäft einsteigen. Im Sommer kündigte er an, mit seiner neuen Tunnelbohrfirma „The Boring Company“ eine unterirdische Strecke zwischen Washington und New York City zu bauen.

Der Zündfunke für den Hype war der von Musks Raumfahrtfirma SpaceX ausgerichtete Wettbewerb, der im Jahr 2015 begann. Mehr als 100 Teams bewarben sich um die Teilnahme an der Hyperloop Pod Competition. Eine Auswahl von 20 durfte dann ins Rennen gehen. Die meisten Teams stammen von US-amerikanischen Universitäten. Aus Europa waren neben der TU Delft (Hardt Hyperloop), der TU München (Warr) Unis und Hochschulen aus Oldenburg, Emden, Zürich, Warschau, Breslau und Edinburgh dabei. Die nächste Runde soll im kommenden Jahr stattfinden.

 

Die „Hyperloop Pod Competition“ von SpaceX im Video:

Quelle Video: Engadget

 

Christian Schaudwet
Keywords:
Hyperloop | Elektromobilität | Klimaschutz
Ressorts:
Technology

Kommentare

Anstatt ein paar Menschen hektisch durch die Gegend zu schießen, sollte man lieber über eine Art "Rohrpost" für Waren-Transporte auf der Langstrecke nachdenken, die die unsäglichen LKW-Lindwurmkolonnen quer durch Europa überflüssig machen. Da wäre sicher gutes Geld zu verdienen und obendrein das Abgasproblem reduziert.

Da kann ich Sie beruhigen, das ist auch ein Bestandteil des Konzepts.
Hyperloop One will sogar zuerst mit Waren das System bis 2020/21 testen, bevor es auch für Personen freigegeben wird.

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