Portrait
23.12.2016

Indiens Sonnen-Maharadscha

Foto: PR, AP2012/Ajit Solanki
Wuchs als Angehöriger einer niederen Kaste in einfachen Verhältnissen auf und ist heute Premier: Narendra Modi.

Regierungschef Modi fördert die erneuerbaren Energien und ist beim Volk weiterhin beliebt – seine Anti-Korruptionspolitik ist jedoch umstritten.

Die Fernsehansprache an die Nation war sehr ungewöhnlich und sie könnte Indiens Premierminister Narendra Damodardas Modi noch wehtun. Schon Stunden nach Verkündung der Währungs-Zäsur waren die gebräuchlichen 1.000- und 500-Rupienscheine nicht mehr gültig. Die größten alten Noten lauten nun auf 100 Rupien, knapp 1,40 Euro. Der Grund: Modi will Schwarzgeld vernichten und die Korruption und Schattenwirtschaft eindämmen. Weil die neuen Ersatzscheine danach nur langsam unters Volk kamen, bildeten sich lange Schlangen vor Bankfilialen und Geldautomaten. Wochenlanges Chaos und Tumulte waren die Folge. 

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War es Zufall oder Kalkül, dass Modi seinen Bargeldcoup vom 8. auf den 9. November durchzog, als die USA ihren neuen Präsidenten wählten? Vielleicht sah er das Chaos voraus und hoffte, dass die von der US-Wahl gefesselte Welt nicht hinschauen würde? Fest steht: Wahlsieger Donald Trump ist nach eigenen Worten ein „ganz großer Fan“ des indischen Premiers; der sei ein „great man“. Die New York Times analysierte wenige Tage nach der US-Wahl ausführlich die Gemeinsamkeiten der beiden Männer. Sie schrieb: „Wie Donald Trump kam Mr. Modi an die Macht, indem er ethnisch-religiöse Minderheiten, Einwanderer und etablierte Medien dämonisierte.“ 

Beide Männer unterscheidet freilich ihre Herkunft: Modi, 1950 im nordwestlichen Bundesstaat Gujarat geboren, wuchs als Angehöriger einer niederen Kaste in einfachen Verhältnissen auf. Am Bahnhof der Kleinstadt Vadnagar verdiente er ein paar Rupien als Laufbursche seines Vaters und als Chaiwala, wie die Inder ihre fliegenden Teeverkäufer nennen. Im Gegensatz zu Trump pflegt Modi einen asketischen Lebensstil. Er versteht sich als religiös inspirierter Führer, als Bewahrer der Schöpfung – und damit auch als Förderer von Klimaschutz und Erneuerbaren. „Die Welt muss sich der Sonne zuwenden“, rief Modi beim Gründungstreffen der International Solar Alliance, die er Ende 2015 mit Frankreichs Präsident François Hollande auf dem Pariser Klimagipfel aus der Taufe hob.

Modi fesselt viele Landsleute. Er trägt den perfekt in Form gehaltenen Vollbart eines „weisen Alten“ und wenn er spricht, wird dieser Eindruck noch verstärkt. In freier Rede nimmt Modi mit griffigen Formulierungen sein Publikum ein. In der virtuellen Welt hat er auf Twitter über 24 Millionen Follower.

 

Ärgernis Schattenwirtschaft

Modis wichtigstes Asset ist Indiens boomende Wirtschaft. Die wird dieses Jahr um etwa sieben Prozent wachsen, stärker als Erzrivale China und jedes andere G20-Land, allerdings nur, wenn aus dem von ihm angezettelten Bargeld-Chaos kein Wirtschaftscrash wird. 

Schon jetzt werden  die Prognosen nach unten angepasst. Auch die Bevölkerung wächst – jährlich um etwa 15 Millionen Menschen. In wenigen Jahren wird Indien vor China bevölkerungsreichstes Land der Erde sein. 

Die Zahl der zugelassenen Pkw hat sich in Delhi und vielen anderen Städten seit der Jahrtausendwende etwa verdreifacht – was einer der Gründe dafür ist, dass die Bewohner indischer Metropolen heute weltweit die schmutzigste Luft atmen müssen, erheblich belasteter als jene in den notorisch versmogten Großstädten Chinas. Auch die Luftfahrt boomt dank zahlreicher neuer Fluggesellschaften und Airports, das höhere Einkommen der rasch expandierenden Mittelschicht tut sein Übriges.

Seit zweieinhalb Jahren ist Modi Regierungschef in Neu-Delhi, dank einer großen Mehrheit seiner Regierungskoalition unter Führung der Indischen Volkspartei Bharatiya Janata Party (BJP). Die BJP polarisiert die Bevölkerung, will Lehren aus der Mehrheitsreligion auch in der Politik als Leitkultur durchsetzen. Modis ideologische Machtbasis ist dabei die vor 90 Jahren gegründete Jugend- und Freiwilligenorganisation Rashtriya Swayamsevak Sangh (RSS). Die fünf Millionen RSS-Mitglieder tragen Uniformen bei öffentlichen Massendrills und wirken wie eine Mischung aus Pfadfindern und Parteikadern.

Allerdings ist Indien seit Jahrtausenden ein Schmelztiegel der Völker, Religionen und Kulturen. Die Begeisterung der größten religiösen Minderheit in Indien, der 180 Millionen Muslime, hält sich dementsprechend ebenso in Grenzen wie die vieler Andersgläubiger. Nicht wenige Inder, allen voran Intellektuelle in den Metropolen, halten Modi für einen Mann der Ausgrenzung und des Hasses. Vor allem die Pogrome in Gujarat, bei denen 2002 mehr als 1.000 Menschen starben, die meisten von ihnen Muslime, werden Modi nachgetragen. Er hätte als damaliger Chief Minister des Bundesstaats einschreiten können, so der Vorwurf. Indiens Gerichte haben ihn zwar entlastet, ein großer Fleck auf der Weste ist allerdings geblieben.

 

Großbaustelle Energieversorgung

Auch den Bargeldcoup nehmen ihm viele Bürger übel. Natürlich: Er soll vor allem den Schwarzgeldsumpf trockenlegen. Größere getauschte Summen sollen die Geschäftsbanken an die Finanzämter melden. Damit will Modi die gewaltige Schattenwirtschaft ins Licht zerren. In Indien brach allerdings gerade für einfache Bürger und insbesondere für die ärmsten Schichten das Chaos aus. 86 Prozent der in Umlauf befindlichen Geldsumme war betroffen. Viele Experten kritisieren, dass der Geldtausch nur kleinen Fischen schadet – die großen dagegen haben Schwarzgeld ohnehin auf ausländischen Konten.

Auf Widerstand war Modi schon gestoßen, als er in den vergangenen Jahren eine Liberalisierungswelle einleitete – die zweite nach dem Reformauftakt in den frühen 1990ern durch den damaligen Finanzminister Manmohan Singh. So bastelte Modi an einer landesweiten Harmonisierung der Mehrwertsteuer, einer Landreform und einem neuen Insolvenzrecht. 

Modi strich Subventionen, zum Beispiel für Diesel. Er befürwortet die sukzessive Privatisierung der gigantischen, intransparenten Staatsunternehmen, etwa in der Finanzbranche. 

Die Energieversorgung bleibt allerdings eine Großbaustelle. Stromausfälle sind alltäglich. In Bihar im Nordosten, einem der ärmsten Bundesstaaten, sind mehr als 60 Prozent der 100 Millionen Einwohner noch nicht mal ans Netz angeschlossen. Landesweit warten 18.000 Dörfer auf die Elektrifizierung. 

Der Subkontinent hat neben China, den USA, der EU und Russland den größten Energiehunger. Traditionell setzt Indien auf fossile Brennstoffe: Kohle, Öl, Gas und zum Kochen gerade auf dem Land noch Holz. 

Am wichtigsten ist die billige Kohle – Indien verfügt  über die fünftgrößten Reserven weltweit. Kohle deckt rund die Hälfte der verbrauchten Energie und zwei Drittel des Stroms. 

Ungefähr 80 Prozent der indischen Kohle fördert der staatlich kontrollierte De-Facto-Monopolist Coal India Limited (CIL) aus Kalkutta, das nach Börsenwert neuntgrößte Unternehmen Indiens, an dem der Staat vier Fünftel der Anteile hält. Modi will nicht nur CIL, sondern den kompletten Rohstoff- und Energiesektor öffnen – insbesondere für ausländische Unternehmer. Das Investitionsklima hat sich bereits verbessert. Im Global Competitiveness Report des Weltwirtschaftsforums kletterte Indien in diesem Jahr um 16 Ränge auf Platz 39 von 138 Staaten und liegt damit nun vor Russland, Italien und der Türkei.

 

Kernkraft hat militärische Bedeutung

Ausländische Investoren sollen nach Modis Kalkül dringend benötigtes Know-how ins Land bringen, die Förderung von Kohle, Öl und Gas effizienter machen und die kostspielige Importabhängigkeit mindern. Beim Ausbau der heimischen Energiewirtschaft setzt Modi auch auf die Atomenergie. Die spielt nach Modis Worten  gar „eine Schlüsselrolle in Indiens Energiestrategie“. In Bau sind derzeit fünf neue Blöcke mit insgesamt 3,3 Gigawatt. Die Kernkraft hat für den Subkontinent freilich nicht zuletzt eine enorme militärische Bedeutung. Die Nachbarstaaten Pakistan und China, mit denen Indien mehrfach Krieg führte, sind ebenfalls Atommächte. 

Kern von Modis Energiestrategie sind aber die Erneuerbaren. Sie sollen binnen zehn Jahren ihren Anteil am Energiemix verdoppeln. Bis 2022 soll sich die Erneuerbaren-Kapazität von derzeit 45 Gigawatt auf 175 Gigawatt nahezu vervierfachen. Die mit Abstand größte Rolle spielt bisher die Wasserkraft, die etwa ein Zehntel der Stromproduktion ausmacht. Die Südhänge des Himalajas im Norden und die zerklüftete Landschaft im zentral gelegenen Dekkan-Hochland bieten ideale geologische Bedingungen. 

Doch die Alternativen holen auf. Hohes Wachstum verzeichnete zuletzt die Windkraft. Die installierte Leistung vervierfachte sich in den vergangenen zehn Jahren auf 25 Gigawatt. Indien war im vergangenen Jahr das Land mit der viertgrößten Anlagenkapazität – beim Zubau lag es mit 2,6 Gigawatt nach Angaben des World Wind Energy Council auf Rang Fünf. Mit Suzlon hat Indien einen der weltweit bedeutendsten Anlagenbauer in diesem Gebiet. 

 

Ehrgeiziges Solarziel 

Am stärksten unterstützt Modi die Solartechnik. Kein Wunder: Einige Regionen bieten mehr als 300 wolkenfreie Tage pro Jahr und die Globalstrahlung ist mit bis zu 2.200 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr im Schnitt knapp doppelt so hoch wie in Deutschland.  Seit 2011 entwickeln sich die Zubauzahlen steil nach oben. Nach Angaben des Analysehauses Bridge to India wurde im November die Marke von zehn Gigawatt (GW) durchbrochen. Modi will die Solarleistung bis 2022 auf 100 GW hochfahren. Die meisten Projekte konzentrieren sich in den südlichen Bundesstaaten Karnataka, Andhra Pradesh und Telangana. Und im zentralindischen Madhya Pradesh soll ab März auf gut 1.500 Hektar eine der weltgrößten PV-Anlagen ans Netz gehen. Der Konkurrenzkampf zeigt sich in sinkenden Vergütungen, in diesem Jahr lagen sie für Freiflächenanlagen bei etwa sechs bis acht Euro-Cent.

Dutzende Konzerne mischen bei der Energiewende mit, darunter der staatlich kontrollierte Stromriese NTCP und die Energiesparte des Mischkonzerns Reliance.  Selbst Indiens staatliche Kohleriesen investieren in die solare Zukunft. So will der Minenbetreiber Coal Limited India Solarprojekte mit einem Gigawatt finanzieren. Hilfe kommt zudem aus dem Ausland, etwa aus Frankfurt am Main: Die deutsche Förderbank KfW gibt eine Milliarde Euro für den Bau neuer Solaranlagen in Indien.

Die meisten Module führt Indien derzeit aus China ein. Damit sein eigenes Land vom Solarboom der nächsten Jahre profitiert, legt Modi großen Wert darauf, eine indische Solarindustrie aufzubauen. Ende Oktober kündigte er das Prayas-Programm an. Mit Fördergeldern in Höhe von 3,1 Milliarden US-Dollar sollen unter anderem Modulfabriken aufgebaut werden, die fit für den Export sind. Modis Ziel: Indien soll eines Tages bei erneuerbaren Energien Weltmeister sein.

Jedoch: Einfach hochskalieren lassen sich die volatilen erneuerbaren Energien nicht. Schon jetzt muss im Bundesstaat Tamil Nadu bis zur Hälfte der Windkrafterzeugung abgedrosselt werden, weil das marode Netz und die alten Kohlekraftwerke nicht flexibel reagieren können. Beim Thema Netzmanagement und Integration von Renewables bieten sich deutschen Unternehmen wohl erhebliche Chancen, ihr energiewendegeprüftes Know-how gewinnbringend zu exportieren. Gleichzeitig bietet das Land, in dem es noch zahlreiche weiße Flecken im Stromnetz gibt, jede Menge Raum für moderne Insel-Lösungen, zum Beispiel Kombi-Kraftwerke, die erneuerbare Energien mit einem Backup aus konventionellen Quellen verschalten.

 

Große Visionen

Last but not least hat Modi im Rahmen eines umfangreichen Infrastrukturprogramms eine Verkehrsrevolution eingeleitet. Schon in Gujarat hatte er massiv in Straßen, Flughäfen und Wasserwege investiert. Am Ganges plant er nun neben zahlreichen Wasserkraftwerken 30 Binnenhäfen. Fracht wird in Indien traditionell per Truck auf Überlandstraßen transportiert. 

Große Visionen also – zu Wasser, zu Lande, in der Luft. Solche Projekte im Energie- und Verkehrssektor werden die Wirtschaft des Landes in den nächsten Jahren von Grund auf verändern. Das gilt unabhängig davon, ob Modi nach den Tumulten um seine Währungszäsur politisch überleben wird. Der Indian National Congress (INC), die größte Oppositionspartei, will die Energiewende auf dem Subkontinent sogar noch schneller vorantreiben. Sie reklamiert für sich, Indiens Solarprogramm schon vor Modi initiiert zu haben.

Der Populist Modi verkauft die Renewables-Revolution natürlich als sein eigenes Baby. In einem Interview mit US-Showmaster David Letterman tönte er kürzlich: „Wenn die Welt mit Technologien und Ressourcen hilft, werde ich die erste Person sein, die komplett zu erneuerbaren Energien wechselt.“

M. Braun Alexander, Redaktion
Keywords:
Indien | Energiewende | erneuerbare Energien | Solarenergie | Photovoltaik | Energiepolitik | Portrait | Narendra Modi
Ressorts:
Governance

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