Exklusiv-Umfrage
04.04.2014

Kommunikation auf der Kippe

Foto: depositphotos.com; Grafiken: Benyamin Rahmani

Wirtschaftsminister Gabriel avanciert zum Hoffungsträger der Energiewende. Bei der spielt Klimaschutz allerdings kaum noch eine Rolle, wie eine Exklusiv-Umfrage unter Branchenexperten zeigt.

Einst wollte Willi Brandt als SPD-Bundeskanzler „mehr Demokratie wagen“ und errang damit 1972 bei der Bundestagswahl 45,8 Prozent der Stimmen. Das Ergebnis von damals bleibt der größte historische Erfolg der Sozialdemokraten. Bei der Bundestagswahl im Herbst erhielt die SPD nur 25,7 Prozent und verharrt seitdem in Umfragen auf diesem Niveau.

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Angesichts solcher Zahlen muss das Ergebnis der Exklusiv-Umfrage zur Kommunikation der Energiewende überraschen: SPD-Chef Sigmar Gabriel, zugleich Wirtschaftsminister und Vizekanzler, ist für Branchenexperten ganz klar die Lichtfigur: Auf ihn setzen 60,9 Prozent der Befragten „die größte Hoffnung in Bezug auf die Energiewende“. Das ist ein Traumergebnis. „Gabriel erhält viele Vorschusslorbeeren“, sagt Professor Ulrich Rosar vom Sozialwissenschaftlichen Institut der Universität Düsseldorf. Rosar und seine Mitarbeiter haben im ersten Quartal dieses Jahres mehr als 200 Kommunikationsexperten befragt. 

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 Auf dem zweiten Platz landet Gabriels grüner Staatssekretär Rainer Baake, mit 27,4 Prozent zwar weit hinter seinem Minister, aber immerhin mehr als einen Prozentpunkt vor der Bundeskanzlerin. Branchenexperten erinnern sich offenbar an seine in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannte Rolle beim rot-grünen Atomkonsens im Jahre 2000: Baake, damals Umwelt-Staatssekretär, war der eigentliche Architekt dieses Atomausstiegs und agierte als erfolgreicher Strippenzieher hinter den Kulissen. Baakes Ernennung war ein kluger Schachzug von Gabriel, um Grüne und Umweltgruppen von vornherein in die anstehenden Reformen einzubinden.

Ganz offenbar erntet Gabriel auch Anerkennung für seine zügig entwickelte Blaupause zur EEG-Reform und seine Kämpfe mit dem Brüsseler EU-Wettbewerbskommissar Joaquín Almunia um Vergünstigungen für energieintensive Unternehmen. „Das ist höchst komplizierte Materie, die Laien kaum noch zu vermitteln ist“, sagt Soziologe Rosar. Genau hier dokumentieren die Umfrageergebnisse laut Rosar ein zentrales Problem, das die Bundesregierung, aber vor allem auch Energiekonzerne und Stadtwerke lösen müssen. „Die Kommunikation der Unternehmen in Bezug auf die Energiewende ist bislang wenig energisch und wenig professionell“, legt Rosar seinen Finger in die Wunde.

So verwundert es nicht, dass die Vorstandschefs der vier Stromriesen und auch andere Wirtschaftskapitäne weit hinter den meisten Politikern rangieren; sie erreichen keinen einzigen der Top-Ten-Plätze. Nur 5,6 Prozent der befragten Kommunikationsprofis sehen zum Beispiel im RWE-Vorstandsvorsitzenden Peter Terium einen Hoffnungsträger. EnBW-Boss Frank Mastiaux kommt auf 4,5 Prozent. Tuomo Hatakka (Vattenfall) erntet ganze 1,7 Prozent, weniger als etwa Gregor Gysi als Galionsfigur der Linken mit 2,2 Prozent. Hatakkas Trost: Bayerns umtriebiger Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) schneidet mit ebenfalls nur 1,7 Prozent genauso schwach ab.

Welche Themen werden in den kommenden Wochen und Monaten besonders wichtig? 94 Prozent der Befragten nennen die EEG-Reform, mehr als 90 Prozent den Strompreis. Der Preis für Endkunden wird laut Umfrage dabei eine sehr viel wichtigere Rolle in der Kommunikation der Unternehmen spielen als der Großhandelspreis an der Börse. Über die Höhe der EEG-Umlage entscheidet zwar der Börsenpreis, der nicht nur deshalb im Fokus der Profis steht. Seine Mechanismen sind aber kompliziert und daher für die Kommunikation der Unternehmen mit dem Bürger nicht wirklich geeignet. 


Ernüchternde Zahlen birgt die Umfrage für Umwelt- und Klimaschutzgruppen. Zwar positionierte sich Angela Merkel vor einigen Jahren noch in ganz Europa als „Klimakanzlerin“ und begründete ihren Schwenk zu den erneuerbaren Energien auch mit den verheerenden Auswirkungen der globalen Erderwärmung. Doch die Ergebnisse zeigen : „Klimaschutz spielt aus Sicht der Kommunikatoren heute kaum noch eine Rolle“, resümiert Christian Bügel von der Kölner Agentur K1. Sie hat die Umfrage initiiert, in Kooperation mit der Fachgruppe Energie beim Bundesverband deutscher Pressesprecher und BIZZ energy today.


Freilich ist nicht nur mit dem Klimaschutz eine zentrale Motivation der Energiewende in Vergessenheit geraten; auch das Gesamtprojekt steht auf der Kippe, zumindest aus Sicht der Kommunikatoren. Mehr als drei Viertel von ihnen sind zwar grundsätzlich Energiewende-Fans. Aber der Status quo passt der Mehrheit gar nicht. 45,5 Prozent bewerten die Umsetzung der Energiewende als „negativ“, 9,6 Prozent sogar als „sehr negativ“. Für Energieminister Gabriel und seinen Staatssekretär Baake gibt es also alle Hände voll zu tun. Die Vorschusslorbeeren könnten schnell verwelken.

Weitere Detailergebnisse zur Umfrage finden Sie hier.

Joachim Müller-Soares
Keywords:
Sigmar Gabriel | Energiewende | Umfrage | Angela Merkel | Rainer Baake | EEG
Ressorts:
Governance | Community

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