Übertragungsnetze
25.01.2018

Netzbetreiber Tennet macht Teslas zu Strompuffern

Foto: Flickr/David van der Mark
Ein Tesla in Amsterdam: Der Übertragungsnetzbetreiber Tennet setzt die Akkus von 100 solcher Fahrzeuge als Strompuffer ein.

Der niederländische Stromdienstleister Tennet nutzt 100 Tesla-Autos zur Stabilisierung seines Übertragungsnetzes. Batterien statt Kraftwerke sollen auf lange Sicht die Balance in den Leitungen sichern.

100 Tesla-Fahrer in den Niederlanden haben die Kontrolle über das Laden ihrer E-Autos verloren – ganz freiwillig. Seit drei Wochen bestimmt der Übertragungsnetzbetreiber Tennet, wie schnell oder langsam ihre Fahrzeugbatterien gefüllt werden. Das soll ihm helfen, die Strommenge im Netz stabil zu halten, wenn das Angebot erneuerbarer Energien wetterbedingt schwankt.

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Tennet zahlt den Autobesitzern dafür Gebühren: "Der Konsument gibt uns seine Flexibilität, und wir belohnen ihn dafür", sagt Lex Hartman, Vorstandsmitglied des auch in Deutschland tätigen niederländischen Staatsunternehmens, im Gespräch mit dem Magazin bizz energy.

Engpässe im Netz vermeiden

Per App geben die 100 Stromerfahrer lediglich vor, wann die Batterien ihrer Wagen voll sein müssen. Mit welcher Intensität die Akkus bis dahin geladen werden, bleibt Tennet überlassen. Das Unternehmen, das für den Stromtransport von den Quellen zu den regionalen Verteilnetzen und für die Netzstabilität zuständig ist, bekommt es im Zuge seines E-Auto-Projekts erstmals direkt mit Endverbrauchern zu tun.

Mit deren Hilfe erprobt Tennet, wie sich Engpässe im Übertragungsnetz vermeiden lassen. Das bedeutet konkret: Wenn Windparks und Solarfarmen besonders viel Strom liefern, sollen die privaten E-Autos am Ladekabel kurzfristig schneller Strom ziehen und so das Netz entlasten. Bei wenig Wind und Sonne laden die Auto-Akkus entsprechend langsamer. Tennet arbeitet bei dem Pilotprojekt mit dem niederländischen Ökostromhändler Vandebron zusammen.

Tennet-Vorstandsmitglied Lex Hartman (r.) auf der Handelsblatt-Jahrestagung
Energiewirtschaft in Berlin. Foto: Christian Schaudwet
Der Test läuft bis zum Sommer. Hartman gibt sich optimistisch, dass sich die Methode sich danach durchsetzt: "Ich bin überzeugt, dass das kommt", sagt er am Rande einer Energiewirtschafts-Konferenz der Zeitung "Handelsblatt" in Berlin. Langfristig sieht er Potenzial für Millionen von E-Autos als Strompuffer.

Aber noch viele andere Geräte könnten grundsätzlich der Netzstabilisierung dienen, darunter Haus-Stromspeicher, Gefriertruhen und sogar Smartphone-Akkus. Batterien, so Hartman, könnten im Stromnetz dann eine ähnliche Stabilisierungsfunktion erfüllen wie derzeit Kraftwerke, die je nach Stromangebot aus erneuerbaren Energien hoch- oder heruntergefahren würden.

Lob für Digitalisierungsgesetz

Wenn ein System wie bei Tennets Tesla-Projekt nicht nur begrenzt, sondern flächendeckend angewendet wird, erhalten Netzbetreiber mithilfe intelligenter Stromzähler allerdings eine riesige Menge von Informationen über das Verbrauchsverhalten von Stromkunden. Solche Daten gehören nach Hartmanns Auffassung zwar grundsätzlich den Verbrauchern, haben im Sinne der Energiewende aber zugleich hohen volkswirtschaftlichen Wert. Er glaubt, dass viele Stromkunden bereit sein werden, ihre Verbrauchsdaten gegen Bezahlung preiszugeben, ähnlich wie die 100 Tesla-Fahrer ihre Batterien zur Verfügung stellen: "Ich erwarte, dass es für diese Daten einen Markt geben wird", sagt der Tennet-Manager.

Lobend äußert sich der Niederländer in diesem Zusammenhang über das deutsche Gesetz zur Digitalisierung der Energiewende, das seit 2017 gilt und unter anderem den Umgang mit Verbrauchsdaten von Stromkunden regelt: "Es ist wichtig, dass dieses Gesetz nun als Basis dafür da ist, um mit diesen Daten etwas zu machen", sagt Hartman, der auch Geschäftsführer der deutschen Tennet-Tochter in Bayreuth ist. Nun müssten Standards für die Qualität und Verfügbarkeit von Verbrauchsdaten entwickelt werden, damit sie für die Stromwirtschaft wirklich verwertbar würde.

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Christian Schaudwet
Keywords:
Stromnetz | Stromspeicher | Elektromobilität
Ressorts:
Technology | Markets

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