Energiepolitik
21.07.2017

Neue Chancen im Iran

Ilustration: Valentin Kaden
Friedbert Pflüger, Direktor des European Center for Energy and Resource Security am King's College, London.

Warum Europa auf Kooperation setzen und der Dämonisierung durch die Trump-Administration entgegenwirken sollte. Eine Kolumne von Friedbert Pflüger.

Die Iraner haben ihren Präsidenten Hassan Ruhani im Amt bestätigt – und damit auch seine Reformpolitik. Er gewann bei der Präsidentschaftswahl im Mai 57 Prozent der Stimmen, deutlich mehr als sein erzkonservativer Gegner Raissi. Der Andrang an den Urnen war groß, die Wahllokale mussten länger geöffnet bleiben. Die hohe Wahlbeteiligung von über 70 Prozent und der erneute Sieg Ruhanis lassen sich als starkes Mandat für Erneuerung und Öffnung im Land interpretieren.

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Ruhanis erste Amtszeit prägte der Abschluss des Nuklearabkommens mit dem Westen und Russland. Seitdem wurden zwar viele Absichtserklärungen für Projekte unterzeichnet, doch gehen diese Vorhaben bisher kaum über die Planungsphase hinaus. Dabei bieten sich enorme Möglichkeiten für eine fruchtbare Kooperation zwischen europäischen Firmen und dem Iran – insbesondere im Energiebereich. Im Einzelnen:

 

1. Vielversprechend ist das Abkommen mit dem französischen Energiekonzern Total zur Erschließung von South Pars – dem größten Gasfeld der Welt. Total plant sowohl Gas für das iranische Netz zu produzieren als auch zwei Offshore-Plattformen zu errichten und 30 Bohrlöcher zu drillen.

2. Der Iran plant weiterhin den Bau der Gaspipeline „IGAT 9“, die South-Pars-Gas vom Süden des Landes in die Türkei und weiter nach Europa exportieren soll. Dieses anspruchsvolle Projekt könnte durch ein Konsortium mit Beteiligung europäischer, aber auch chinesischer, russischer oder türkischer Firmen realisiert werden.

3. Im Inland wird der Gaskonsum steigen. Dies bietet europäischen Energiefirmen große Chancen, sich mit Know-how und modernster Technik am Ausbau des inneriranischen Gasnetzes zu beteiligen.

4. Irans Organisation für erneuerbare Energien plant bis 2020 Kapazitäten von bis zu fünf Gigawatt (GW) zu installieren und bietet Investoren attraktive Einspeisevergütungen.

5. Der sechste Fünfjahresplan zur nationalen Entwicklung (2016 – 2021) sieht einen Anstieg der iranischen Stromerzeugungskapazität von heute 74 GW zu mehr als 100 GW im Jahr 2021 vor. Europäische Anlagenhersteller, im Iran für ihr hohes Maß an Effizienz geschätzt, können mit einer hohen Nachfrage rechnen.

6. Schließlich will der Iran seine eigenen LNG-Kapazitäten ausbauen, um Exporte an sich ändernde Marktkonditionen flexibel anzupassen. Weil er dazu hochkomplexe europäische Technologien benötigt, bieten sich auch hier Kooperationsmöglichkeiten. Eine mögliche Alternative ist der Bau einer Gaspipeline in den Oman, wo iranisches Gas verflüssigt und an globale Märkte verschifft werden könnte. Es wäre vermutlich der schnellste Weg, iranisches LNG auf den Weltmarkt zu bringen.

 

Die Realisierung solcher Projekte würde den Hardlinern in Teheran der Wind aus den Segeln nehmen und die Iraner darin bestärken, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen. Dabei bleibt die Finanzierung die größte Hürde, weil europäische Banken nach wie vor befürchten, dass rückwirkend Strafen für die Missachtung der noch existierenden US-Sanktionen verhängt werden könnten, die im Zusammenhang mit Menschenrechtsverletzungen und terroristischen Aktivitäten implementiert wurden.

 


Der iranische Präsident Hassan Ruhani. Foto: Creative Commons/Mojtaba Salimi
Fortschritte verspricht die von Ruhani 2015 vorgestellte Verordnung zur Restrukturierung des Finanz- und Bankensektors. Dieser Reformplan beinhaltet eine Reihe entscheidender Vorhaben. Neben der Verbesserung der Finanzaufsicht will Ruhani nicht lizensierte Finanzinstitute stärker regulieren und regelmäßige Asset Quality Reviews durchführen lassen. Die Regelung beinhaltet außerdem einen Plan zur Restrukturierung der Bankinstitute, zur Stärkung des Kreditmarktes und der Umsetzung einer Währungspolitik. Die erfolgreiche Umsetzung dieser Maßnahmen würde internationale Banken beruhigen. Einige Institute, darunter die Hannoversche Volksbank, haben bereits begonnen, Geldgeschäfte zwischen niedersächsischen und iranischen Unternehmen abzuwickeln.

 

Die Umsetzung eines internationalen Projekts mit großer Strahlkraft, wie beispielweise ein Gas-Infrastrukturprojekt oder der Bau eines LNG Terminals, wäre ein wichtiger Schritt für die iranisch-europäischen Beziehungen. Idealerweise wäre es darauf ausgelegt, den europäischen und internationalen Markt zu versorgen.

 

Ruhanis Wiederwahl ist von großer Bedeutung für die Wirtschaft. Gemeinsam können Iraner und Europäer weiter daran arbeiten, die Bedingungen für Investitionen im Land zu verbessern und so die Realisierung von internationalen Projekten voranzubringen. Europa ist klug beraten, mit allen Staaten der Golf-Region gut zusammenzuarbeiten – und der Dämonisierung des Irans durch die US-Administration unter Donald Trump entgegenzuwirken.

 

Friedbert Pflüger war in der ersten Regierung Merkel Parlamentarischer Staatssekretär für Verteidigung. Seit 2009 leitet er am King‘s College London das European Center for Energy and Resource Security (EUCERS). Im weltweiten Energiesicherheitsinstituts-Ranking der University of Pennsylvania belegt es Platz 17, in Großbritannien Platz 2.

 

Dieser Beitrag stammt aus der Sommer-Ausgabe 2017 unseres Print-Magazins bizz energy.

Keywords:
Iran | Hassan Ruhani | Donald Trump | South Pars | Erdgas | LNG
Ressorts:
Governance

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