Kernkraft
04.03.2020

Russland will am Atomausstieg mitverdienen

Foto: Rudolf Simon/CC
Die zu Rosatom gehörende TVEL ist ein russisches Kernbrennstoffunternehmen mit Hauptsitz in Moskau.

Der russische Nuklearkonzern Rosatom hat eine neue Strategie und setzt nun auch auf die Stilllegung europäischer Atomkraftwerke. Helfen sollen dabei deutsches Know-how und internationale Partner.

Nichts anderes als eine Hysterie habe Europa erfasst, meinen Russlands Politiker, Experten und staatliche Medien. Sie belächeln den Atomausstieg in Ländern wie Deutschland. Russland hingegen treibt international seine Atomprojekte voran, auch in der EU. Doch seit Jahren muss der staatliche Nuklearkonzern Rosatom seine Projekte immer wieder verschieben. In Finnland etwa zieht sich der ursprünglich für 2014 geplante Baubeginn des Atomkraftwerks (AKW) Hanhikivi noch immer hin. Die angepeilte Fertigstellung musste zuletzt von 2024 auf 2028 verschoben werden. Auch in Ungarn, wo Rosatom im vergangenen Juni den Neubau des AKW Paks-II verkündete, verzögert sich das Genehmigungsverfahren. Zuletzt hieß es in Moskau, dass Ungarn die Lizenz 2021 erteilen werde.

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Während die europäische Expansion der russischen Atombranche stockt, hat Rosatom einen neuen Plan geschmiedet: Statt die Europäer für den Atomausstieg nur zu belächeln, wollen die Russen daran auch mitverdienen. Vor wenigen Tagen unterzeichnete die Rosatom-Tochter TVEL eine Absichtserklärung mit drei Partnerunternehmen aus Spanien. Zusammen mit dem AKW-Zulieferer Ensa, der Servicegesellschaft Idom und dem Spezialisten für nuklearen Treibstoff Enusa wollen sie ihre Dienstleistungen in Spanien und auf dem Weltmarkt anbieten – von Stilllegung über Rückbau bis zur Entsorgung radioaktiver Abfälle, wie es in einer Mitteilung des Unternehmens heißt. „Allianzen mit ausländischen Partnern erlauben es uns effizienter auf internationalen Märkten zu agieren“, sagt Dmitri Bazhenow, Chef für Globale Entwicklung bei TVEL.

Rückbau-Kompetenzen bei TVEL bündeln

Die jüngste Kooperation ist dabei nur ein Puzzleteil einer Strategie, die vom russischen Staatskonzern seit einiger Zeit umgesetzt wird. Einst war TVEL als Rosatom-Tochter für die Herstellung und die Verarbeitung ausgedienter Brennstäbe zuständig. 2017 begann TVEL, auch mit der Verarbeitung von Brennstäben westlicher Bauart zu experimentieren.

Nun will Rosatom seine Kompetenzen im Rückbau- und Aufbereitungsbereich komplett bei TVEL bündeln. In den letzten Monaten lief hinter den Kulissen eine wenig beachtete Neuordnung ab, die sich im Herbst sogar im deutschen Alzenau bemerkbar machte: Die dort ansässige Firma Nukem Technologies teilte mit, dass auch sie als vollständige Rosatom Tochter zur neuen Konzerndivision gehören werde.

Marktvolumen von 100 Milliarden Dollar

Tatsächlich hat Rosatom den deutschen Spezialisten für Engineering im Rückbaubereich bereits 2009 erworben. Mit 23 Millionen Euro war das damals ein Schnäppchen, das sich nun bezahlt machen könnte. Denn der Markt AKW-Rückbau, auf den TVEL abzielt, ist lukrativ. TVEL-Manager Bazhenow sprach in einem Interview mit dem Magazin Atomny Expert von einem Marktvolumen von etwa 100 Milliarden US-Dollar. „Insbesondere in Deutschland dürften die meisten Ausschreibungen in diesem Beriech bis 2025 abgeschlossen sein“. Deswegen sei es wichtig ein konkurrenzfähiges Angebot auf den Markt zu bringen, so Bazhenow.

Die Strategie, mit ausländischen Partnern und Tochterunternehmen wie Nukem auf den Markt zu drängen, scheint sich bezahlt zu machen: Erst im vergangenen Jahr gewann Nukem als Teil eines von Uniper Anlagenservice geführten Konsortiums den Auftrag zur Zerlegung von vier Reaktordruckbehältern in Schweden. TVEL verweist seinerseits auf Erfahrung im Inland und auf erfolgreiche Teilstilllegungsprojekte beim AKW Bohunice in der Slowakei. Insgesamt geht das Unternehmen derzeit von etwa 170 Atomkraftwerken aus, die vor der Stilllegung stehen. Die Kosten, heißt es vom Unternehmen, könnten etwa mit 0,7 US-Dollar pro Megawatt installierter Leistung veranschlagt werden.

Umweltschützer sollen eingebunden werden

Doch das Interesse der Russen erschöpft sich nicht nur aug Rückbauaufträge. Branchenkenner in Russland verweisen etwa darauf, dass TVEL kürzlich rund 40 Millionen US-Dollar in eine neue Anlage zur Behandlung von angereichertem Uran, dem Abfallprodukt von Atomkraftwerken, investierte. Die neue Anlage aus Frankreich soll die russischen Kapazitäten zu Uranverarbeitung von derzeit 10.000 auf 20.000 Tonnen jährlich steigern. Das könnte dafür sprechen, dass Russland künftig mehr radioaktive Abfälle aus dem Ausland aufnehmen kann.

Im vergangenen Herbst schlugen russische Umweltschützer Alarm, als angereichertes Uran aus Groningen per Schiff ins russische Sankt Petersburg verfrachtet wurde, um später in einer Anlage bei Jekaterinburg weiterverarbeitet zu werden. Offiziell heißt es, dass die niederländische Urenco rund 12.000 Tonnen Abfälle nach Russland verfrachten wolle. Die Umweltorganisation Bellona kritisierte, dass die russischen Kapazitäten schon für das eigene abgereicherte Uran nicht reichen würden. Rosatom sah sich am Ende gezwungen, eine Arbeitsgruppe einzusetzen, die auch Umweltschützer und Aktivisten einschließt. Nun soll ein Sicherheitskonzept erstellt werden, dass die Warnungen der Umweltaktivisten berücksichtigt. Damit will der Staatskonzern offenbar die Wogen glätten. Schließlich sollen Proteste dem lukrativen Geschäft nicht im Wege stehen.

Foto: CC BY-SA 3.0

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Maxim Kireev, Sankt Petersburg
Keywords:
Atomkraft | Rosatom | Russland | Atomausstieg
Ressorts:
Markets
 

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