Klimaschutz nach dem Brexit
02.05.2017

Schaut auf Großbritannien

Illustration: Valentin Kaden
Professor und Unternehmensberater Friedbert Pflüger

Am europäischen Emissionshandel muss das Vereinigte Königreich trotz Brexit beteiligt bleiben – als Partner beim Klimaschutz, der den Wandel von Kohle zu Gas erfolgreich vormacht. Eine Kolumne von Friedbert Pflüger.

Die Bunderegierung wird ihr Ziel, den CO2-Ausstoß bis 2020 um 40 Prozent gegenüber 1990 zu mindern, voraussichtlich nicht erreichen. Ähnliches gilt – aus heutiger Sicht – für die noch ehrgeizigeren Vorgaben für 2030. Im Vorwahlkampf plädieren Bundesregierung und die sie tragenden Parteien trotz Pariser Klimaabkommen gegen eine schnelle Verabschiedung von der Kohle, pochen gleichwohl aber auf die klimapolitische Vorreiterrolle der Bundesrepublik. Nach der Bundestagswahl Ende September werden Entscheidungen erforderlich, um die Kluft zwischen Realität und Anspruch zu überbrücken.

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Um es vorwegzunehmen: Wir werden die Klimaziele verfehlen ­ – ohne einem Dash for Gas ähnlich dem britischen Vorbild. Der Wechsel von der traditionellen Kohle zum Gas wurde im Vereinigten Königreich vorangetrieben durch die Entdeckung eigener Gas-Ressourcen in der Nordsee, Marktliberalisierung, klimapolitische Erwägungen und Effizienzsprünge bei Gas-und-Dampf-Kombikraftwerken. Der neue und relativ günstige Brennstoff hat nicht nur zu Einsparungen im Energiesektor geführt, sondern auch erheblich zur Reduzierung der CO2-Emissionen im Stromsektor um mehr als ein Drittel (sic) zwischen 1990 und 2014 beigetragen. Erdgas wurde zu einem effizienten und flexiblen Partner der erneuerbaren Energien, was dazu führte, dass im Mai 2016 zum ersten Mal in über einem Jahrhundert im traditionellen Kohleland Großbritannien für über zwölf Stunden überhaupt kein Strom aus Kohle mehr produziert wurde. Sicher gibt es länderspezifische Besonderheiten. Aber der Dash for Gas könnte auch für Kontinentaleuropa zum Vorbild werden. In jedem Fall lassen sich wichtige Lehren daraus ableiten:

1. Technologisch ist ein stärkerer Einsatz von Erdgas zweckdienlich, denn eine Gasturbine ist der am besten geeignete Grundlast-Erzeuger – effizienter als Kohle und beherrschbarer als Kernenergie. 

2. Ähnlich wie im Großbritannien der 90er-Jahre, herrschen in Europa relativ niedrige Gaspreise (trotz der Entwicklungen der letzten Monate). Entscheidend dazu beigetragen haben nicht nur fallende Rohölpreise, an die Gaslieferverträge oft noch gekoppelt sind, sondern vor allem die Entdeckung enormer neuer Gasreserven und die emporschnellende US-Schieferproduktion, die den Weltbedarf für ein ganzes Jahrhundert decken können. Die in Europa mittelfristig dank dieses Überangebots (gas glut) zusätzlich erwarteten Gasmengen sollten den grundlegenden Trend zu fallenden Preisen unterstützen.

3. Die nach den Gas-Krisen von 2006 und 2009 erfolgreich von der Europäischen Kommission angestoßenen Investitionen in neue LNG-Terminals, Reverse-flow-Kapazitäten, Speicher und Interkonnektoren bieten die nötige belastbare Infrastruktur. Es entsteht ein echter europäischer Gasmarkt – nicht zuletzt durch die Aufhebung der „destination clauses“, mit denen der Gasverbrauch  an bestimmte Zielorte gebunden war.

4.  Mit dem Emissionshandelssystem steht der EU bereits jetzt ein geeignetes Instrument zur Verfügung, welches den Rahmen für den allmählichen Ersatz von Kohle durch Gas auf dem europäischen Strommarkt bieten soll. Von den 100 US-Dollar pro Tonne CO2, die laut UN bis 2020 nötig wären, um das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen, sind wir aber mit den aktuellen 5 Dollar weit entfernt. Alleingänge wie der britische Carbon Floor mögen mittelfristig Abhilfe schaffen, sind aber auf lange Sicht nicht zielführend. Der derzeitige Überschuss an Zertifikaten muss mittelfristig durch eine grundlegende Reform auf europäischer Ebene abgebaut werden, denn er drückt den Preis und mindert die Anreize zur Nutzung kohlenstoffarmer Technologien.

Am Erfolg des Dash for Gas wird der Brexit nichts ändern, auch nicht die europäische Diversifizierungsdebatte und der klimaskeptische US-Präsident Donald Trump. Die Regierung Ihrer Majestät verdeutlichte mit der Ratifizierung des Pariser Klimaabkommens am 17. November 2016 (nach dem Brexit-Referendum), dass sie trotz Rückzug aus der EU an den gemeinsamen Klimazielen festhält. Ihrerseits muss die EU in den Brexit-Verhandlungen einen Weg finden, Großbritannien – als einer der im Klimaschutz am stärksten engagierten Partner – weiterhin sinnvoll am europäischen Emissionshandel zu beteiligen. Eine solche Klimapartnerschaft ist auch wichtig, weil das Paradigma des Pariser Vertrags durch den US-Präsidenten in Frage gestellt wird.

Einerseits unterstützt Trump mit seiner ausgesprochen öl- und gasfreundlichen Energiepolitik die Internationalisierung des Gasmarkts, der einen weltweiten Dash for Gas befeuern könnte. Andererseits meint er aber, der Klimawandel sei eine Erfindung der Chinesen, um der amerikanischen Wirtschaft zu schaden, und hat – dieser Logik folgend – den ausgewiesenen Klimaskeptiker Scott Pruitt als Direktor der mächtigen Umweltschutzbehörde EPA installiert und ihr im Haushaltsentwurf gleich noch ein Drittel der Mittel gestrichen.

Gerade wegen dieser erneuten Ungewissheit darf sich die Bundesregierung mit Blick auf das Pariser Abkommen der Verantwortung nicht entziehen. Erdgas ist und bleibt der perfekte Partner der Energiewende. Der Versuch, in Bereichen wie Wärme und Verkehr binnen weniger Jahre ganz auf Strom umzustellen, erscheint eher ideologisch als realistisch. Wem es wirklich um Klimaschutz geht, sollte „tiefhängenden Früchte“ ernten und das tun, was im Heute und Morgen sicher zur CO2-Emissionsreduktion beiträgt –anstatt immer ehrgeizigere Vorgaben für Übermorgen zu verkünden. Ein baldiger Dash for Gas ist auch in Deutschland möglich und auf absehbare Zeit für die Erreichung unserer Ziele notwendig.

 

Friedbert Pflüger war in der ersten Regierung Merkel Verteidigungs-Staatssekretär. Seit 2009 leitet er am King‘s College London das European Center for Energy and Resource Security (EUCERS), das im weltweiten Energiesicherheitsinstituts-Ranking der University of Pennsylvania Platz 17 belegt – und Platz 2 in Großbritannien. Eine Studie zum „Dash for Gas“ hat EUCERS im Auftrag von Zukunft Erdgas erarbeitet.

Friedbert Pflüger
Keywords:
Emissionshandel | Brexit | Pariser Klimaabkommen | Erdgas | CO2-Ausstoß
Ressorts:
Governance | Technology

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