Russland
27.12.2017

Warnig & Schröder: Putins Männer für heikle Aufgaben

Foto: Gazprom
Machtzirkel: Gerhard Schröder (l.), Wladimir Putin, Alexej Miller, Igor Setschin (mit Tasche), Matthias Warnig (r.)

Sie mischen mit bei Rosneft und Gazprom: Wie Altkanzler Gerhard Schröder und der frühere Stasi-Offizier Matthias Warnig in den mächtigsten Kreis der russischen Energiewirtschaft aufstiegen.

Noch Ende September konnte sich Gerhard Schröder ahnungslos geben. Frisch gewählt als Vorsitzender des Aufsichtsrats von Rosneft, erklärte er vor Journalisten in Sankt Petersburg, er wolle sich erst einmal einarbeiten, bevor er etwas zum Geschäftsgebaren von Russlands größtem Ölkonzern sagen könne. Inzwischen müsste die Zeit der Ahnungslosigkeit vorbei sein.

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Wenn Schröder beispielsweise Rosnefts Bericht für das dritte Quartal 2017 zur Hand genommen hat, dann weiß er, wie leichtfertig das Unternehmen mit Geld umgeht. Allein im Sommer setzte der Staatskonzern eine Milliarde Euro in den nordirakischen Sand, als er den damaligen kurdischen Machthabern eine Vorauszahlung für Öllieferung aus Kirkuk gewährte, kurz bevor diese die Kontrolle über die Gegend verloren. Ähnlich riskant sind Rosneft-Kredite und Vorauszahlungen an den staatlichen Ölkonzern Petróleos de Venezuela (PDVSA).  Es ist mehr als fraglich, ob das marode Regime in Venezuela diese Schulden jemals wird begleichen können. Selbst den Analysten der staatlichen Sberbank in Russland platzte kürzlich der Kragen, als sie die Führungsqualitäten von Rosneft-Chef Igor Setschin kritisierten.

Schröder: Loyalität und gute Kontakte

Eigentlich soll Gerhard Schröder bei Rosneft die Interessen der Aktionäre vertreten, zu denen auch der russische Staat gehört. Dann müsste er Geschäften wie im Irak oder in Venezuela kritisieren. Doch Schröder wird wahrscheinlich schweigen, denn er wurde nicht gewählt, um unbequeme Fragen zu stellen und Konzernchef Igor Setschin wirklich auf die Finger zu schauen. Russische Branchenkenner glauben, dass er sein Amt vor allem seiner Loyalität verdankt und seinen Verbindungen zu Wirtschafts-  und Politgrößen in Europa. Diese Kontakte funktionieren: So vermittelte der Ex-Kanzler einem Bericht des „Tagesspiegel“ zufolge dem Chef des russischen Gaskonzerns Gazprom, Alexej Miller, ein Gespräch mit Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries.

In Sankt Petersburg, wo Rosneft im Herbst zur Aktionärsversammlung geladen hatte, ist der Altkanzler häufig zu Gast. In diesem Sommer dinierte er dort mit Bundesaußenminister Sigmar Gabriel und Russlands Präsident Wladimir Putin in einem Nobelrestaurant. 2014 reiste Schröder kurz nach der russischen Annexion der Krim zu einem Geburtstagsempfang in die Stadt an der Newa, einer der Gäste war Wladimir Putin.

Alexej Miller (l., Gazprom), Dmitri Medwedew, Gerhard Schröder (Nord Stream) und
Matthias Warnig (r., Nord Stream) beim Baustart der Ostsee-Pipeline 2010
Foto: Präsidialamt Russische Föderation
Mit dem Posten bei Rosneft ist Schröder, der bereits dem Aktionärsausschuss der mehrheitlich russischen Pipeline-Gesellschaft Nord Stream vorsitzt, endgültig in den Kreis jener Männer um den russischen Präsidenten aufgestiegen, die die Energiebranche des Landes kontrollieren.

Wer verstehen will, wie dieser Kreis entstanden ist, muss zurückschauen in das Jahr 1990. Damals zerfiel die Sowjetunion, das einst totalitäre System war nur noch ein Schatten seiner selbst. Der KGB-Offizier Wladimir Putin kam von einem Einsatz aus der DDR zurück und erhielt eine Stelle in der Abteilung für Außenbeziehungen der Leningrader Universität. Trotz der allmählichen Westöffnung waren Kontakte mit Ausländern noch immer ein Bereich, in dem Geheimdienstler Vorrang haben. Für Putin war die Stelle karrieretechnisch aber eine Sackgasse, sagen damalige Weggefährten. Doch dann geben ausgerechnet die demokratischen Reformen in Russland seiner Karriere einen Schub.

Setschin: Macht und Luxus

Seine große Chance kommt, als sein ehemaliger Juraprofessor Anatoli Sobtschak bei den ersten freien Wahlen in Sankt Petersburg triumphiert und als Bürgermeister ins Rathaus einzieht. Sobtschak, so erklärte Putin in einem Interview im Herbst 1991, habe sich an seinen einstigen Zögling erinnert und ihn in sein Team geholt. In der Stadtverwaltung koordinierte Putin nun die Beziehungen zum Ausland, sprach mit internationalen Investoren und organisierte Besuche westlicher Politiker. Wer Geschäfte in Russlands zweitgrößter Stadt machen wollte, kam an Putin nicht vorbei.

Etwa zur gleichen Zeit begann – auch in Sankt Petersburg – der Aufstieg von Igor Setschin. Der Chef des russischen Ölkonzerns Rosneft soll heute 13 Millionen Dollar im Jahr verdienen, damit würde er Rang zwei unter den russischen Großverdienern belegen. Oppositionelle und Korruptionskritiker werfen ihm einen ausschweifenden Lebensstil vor, etwa den Kauf einer 150 Millionen Dollar teuren Yacht für seine zweite Frau. Setschin weist das jedoch zurück, und tatsächlich dürfte sein Hauptinteresse nicht dem Luxus gelten, sondern der Macht. Seit Jahren baut er Rosneft zum größten Ölförderer der Welt um.

Gegner aus dem Weg geräumt

Ähnlich wie Putin bekam Setschin zur richtigen Zeit Hilfe beim Karrierestart. Er arbeitete als Portugiesisch-Übersetzer und kehrte gerade von einem Aufenthalt aus Angola zurück, als einer seiner ehemaligen Professoren ihn Ende der 1980er Jahre für eine Stelle in der Sankt Petersburger Stadtverwaltung empfiehlt. Für Setschin war das ein Glücksfall, denn er landete in Putins Abteilung für Außenbeziehungen. So wurde Setschin eine Art Sekretär Putins, berichten Kollegen von damals – bereit, dem Ex-Geheimdienstler rund um die Uhr zu dienen.

Als Putin Präsident wird, zeigt er seine Dankbarkeit. Erst macht er Setschin zum Chef seiner Administration, später zum Vorstand des damals noch kleinen Ölunternehmens Rosneft. Der große Durchbruch gelingt Setschin jedoch erst nach der Enteignung des Ölmagnaten Michail Chodorkowski, der nach einem dubiosen Prozess für zehn Jahre hinter Gitter muss. Chodorkowskis Unternehmen Yukos wird nach einer Zwangsversteigerung Teil von Rosneft, was den Konzern zur Nummer eins der russischen Ölbranche macht.

Miller: Putins rechte Hand

Der einzige Mann, der Putins Freund Setschin in der Energiebranche heute noch das Wasser reichen kann, heißt Alexej Miller. Der Sohn einer Russin und eines Russlanddeutschen schließt sich nach seinem Studium an der Leningrader Universität einem Kreis junger Ökonomen an. Dort knüpft er Kontakte, deren Wert aus heutiger Sicht kaum zu überschätzen ist. So hört Miller aufmerksam zu, als Anatoli Tschubais und Jegor Gaidar über Reformen für die Planwirtschaft diskutieren. Beide steigen nach dem Kollaps der Sowjetunion zu den wichtigsten Wirtschaftsreformern im Team des neuen Präsidenten Boris Jelzin auf. Ein anderes Mitglied des Ökonomen-Zirkels empfiehlt Miller für das Reformkomitee des Sankt Petersburger Stadtparlaments, wo er zunächst unter der Führung von Alexej Kudrin arbeitet. Anderthalb Jahrzehnte später wird  Kudrin als Putins bester Finanzminister Schlagzeilen machen.

Die für seine Karriere entscheidende Begegnung hat Miller, als er in das von Putin geleitete Komitee für Außenbeziehungen von Sankt-Petersburg wechselt. Er wird Putins rechte Hand. „Miller ist ein Arbeitstier. Er tat, was man ihm sagte, Eigeninitiative war ihm fremd“, erinnert sich ein damaliger Kollege. Und Miller erweist sich als treu ergeben. Wie sich später herausstellt, sind all dies Eigenschaften, die Putin sehr schätzt.

An die Gazprom-Spitze gehievt

Putins Karriere kommt jetzt richtig in Fahrt. Erst steigt er zum Chef des Inlandsgeheimdienstes FSB auf, dann ernennt ihn Jelzin zum Ministerpräsidenten. Nach Jelzins Rücktritt im Jahr 1999 wird Putin zum neuen Präsidenten gewählt. Jelzins Clique sieht in dem damals wenig markanten Putin einen willigen Gehilfen für ihre eigenen Pläne. Ein Irrtum, wie sich bald herausstellt, denn schon bald beginnt der Ex-Agent, seine Leute zu platzieren.

Zunächst holt Putin Miller ins Energieministerium, später hievt er ihn auf den Vorstandsposten des Gaskonzerns Gazprom. „Meine Aufgabe besteht darin, die Rolle des Staates im Unternehmen zu stärken“, erklärt der neue Chef gleich nach seiner Amtseinführung. Sein Versprechen löst er ein, schnell steigt der Staatsanteil bei dem Export-Monopolisten auf über 50 Prozent.

Sekt beim KGB-Vorgesetzten

Ein paar Jahre später verhilft Gazprom unter Millers Regie einer Firma von Arkadi Rotenberg zu lukrativen Aufträgen. Der Jugendfreund und Judo-Trainingspartner Putins baut unter anderem ein Teilstück der Nord Stream-Pipeline durch die Ostsee. Das Magazin „Forbes“ schätzt das Vermögen des Oligarchen auf etwa 2,6 Milliarden Dollar.

Neben Rotenberg gibt es noch andere Verbindungen in Putins strategischem Netzwerk, die über die  Sankt Petersburger Zeit hinausreichen, zurück bis in die Sowjet-Ära. Anfang Mai dieses Jahres stand Putin im Wohnzimmer einer schlichten Moskauer Wohnung, in der Hand ein Sektglas. Ihm gegenüber ein hagerer Mann, der seinen 90. Geburtstag feierte. Die vom Kreml verbreiteten Fotos sorgten in Russland für Schlagzeilen, denn Jubilar Lasar Matwejew war einst Putins Chef beim KGB in Dresden. Zwei weitere KGB-Kollegen aus Dresdner Tagen kamen zum Gratulieren: Sergej Tschemesow, der inzwischen den russischen Staatskonzern Rostec mit knapp einer halben Million Mitarbeitern leitet, und Nikolai Tokarew, der Chef der staatlichen russischen Pipeline-Gesellschaft Transneft.

Im Auftrag der Dresdner Bank

Beide sind nicht die einzigen früheren Geheimdienstler aus Staaten des einstigen Warschauer Paktes, zu denen Putin noch einen intakten Draht hat. Ein weiteres Beispiel ist Matthias Warnig,  neben Gerhard Schröder der einflussreichste Deutsche in Russlands Energiebranche. Öffentliche Bekanntheit erlangte der frühere Stasi-Offizier Mitte der 2000er Jahre, als er zum Geschäftsführer der Nord Stream AG ernannt wurde, der Betreibergesellschaft der Ostsee-Gaspipeline zwischen Russland und Deutschland. Deren Chefaufseher Gerhard Schröder, Warnig und Putin kennen sich gut. Als der Altkanzler vor drei Jahren seinen 70. Geburtstag in Sankt-Petersburg feierte, schossen Paparazzi Fotos der drei Männer vor dem prächtigen Jussupow-Palast.

Vom Beginn der Allianz zwischen Warnig und Putin gibt es zwei Versionen. Die inoffizielle erzählt Irene Pietsch, eine deutsche Bekannte von Putins Ex-Ehefrau: Getarnt als Vertreter der DDR-Handelsmission in Düsseldorf ist Warnig demnach schon als Stasi-Auslandsagent für Putin tätig. Die offizielle Version lautet: Die Dresdner Bank schickte Matthias Warnig nach dem Fall der Mauer im Herbst 1991 wegen seiner Russischkenntnisse nach Sankt-Petersburg, um eine Dependance zu eröffnen. Warnig landet in Putins Büro, dessen Komitee für Außenbeziehungen solche Investitionen einfädelte.

Gefallen, die Putin nicht vergisst

So oder so, die beiden Männer werden schnell miteinander vertraut. Die Dresdner Bank wird das erste ausländische Institut mit einer Vollvertretung auf russischem Territorium. Als Anfang der Neunziger Jahre Putins Ehefrau Ludmilla nach einem schweren Autounfall ärztliche Hilfe braucht, finanziert ihr die Dresdner Bank einen Klinikaufenthalt in Deutschland. Es sind Gefallen, die Putin nicht vergisst. Warnig wird ein Freund des Präsidenten, er gilt heute als Putins Mann in den Aufsichtsräten von Rosneft und einer Reihe russischer Energie- und Industrieunternehmen.

Putin betraut seinen deutschen Freund nach wie vor mit politisch heiklen Aufgaben: Warnig, der vom schweizerischen Zug aus bereits den Bau der ersten beiden Nord-Stream-Pipelinestränge leitete, ist seit 2015 Geschäftsführer von Nord Stream 2. Diese Gesellschaft soll die Kapazität des Gaskorridors durch zwei weitere Stränge verdoppeln, das Projekt stößt aber auf heftigen Widerstand aus Polen und den baltischen Staaten. Diese bisherigen Transitländer sorgen sich bei einer vollständigen Verschiebung des Gastransports auf die Ostsee-Trasse um ihre eigene Energieversorgung. Putin, so fürchten sie, könnte dann beliebig am Gashahn drehen, ohne Lieferprobleme für Deutschland und andere westliche Kunden zu riskieren. Auch die EU-Kommission hat Bedenken gegen das Projekt und versucht seit Längerem, ein Mandat für Verhandlungen mit Russland zu bekommen.

Der Fall Nord Stream 2

Trotz aller Einwände gehen die Vorbereitungen für den Pipelinebau weiter. Dänemark bereitet zwar ein Gesetz vor, um Nord Stream das Verlegen von Röhren in seinen Gewässern zu verbieten, das Unternehmen prüft aber nun, wie die Pipeline um die dänischen Gewässer herumgeführt werden kann. Gefährlicher für das Projekt könnten Sanktionen werden, mit denen US-Präsident Donald Trump laut Kongressbeschluss vom August Unternehmen bestrafen kann, die Russland beim Bau der Gasleitung unterstützen. Allerdings: Trump machte davon noch keinen Gebrauch.

Fast könnte man meinen, dass die Pipeline kaum noch zu stoppen ist. Erst vor wenigen Wochen stellten Juristen der Europäischen Kommission in einem Gutachten fest, dass Gazprom als Nord Stream 2-Eigner mit einzelnen EU-Mitgliedsstaaten statt mit Brüssel über den Bau verhandeln kann. Für Putins beste Männer läuft es derzeit ziemlich gut.

 

Maxim Kireev
Keywords:
Gerhard Schröder | Gazprom | Rosneft | Nord Stream
Ressorts:
Governance

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