Energieerzeugung
28.06.2020

Strommarkt stellt Braunkohle infrage

Foto: Istock
Das Kohlekraftwerk in Bergheim sieht beeindruckender aus. Kohlestrom hat aber derzeit das Nachsehen.

Trotz Rekorde beim Ökostrom und schlechter Lage der Braunkohle: Erst nach 2022 entscheidet es sich, ob es mit dem fossilen Energieträger schneller als im Ausstiegsgesetz geplant zu Ende geht.

Eine Zeitenwende erleben wir bei der Kohle. Daran lässt eine vom Öko-Institut jetzt im Auftrag der Klima-Allianz fertiggestellte und bizz energy vorliegende Analyse keinen Zweifel. Der Beginn des Zeitenwechsels datiert auf 2017. Da kam es, konstatiert die Studie, erstmals zu einer anhaltenden Verringerung der Kohleverstromung in Deutschland.

Anzeige

Anzeige

Gründe dafür seien im Marktumfeld zu suchen, besonders im Emissionshandel, aber auch in den ersten Schritten einer aktiven Kohleausstiegspolitik. Damit gemeint ist das Abstellen von 3.000 Megawatt Braunkohlekapazität in die sogenannte Sicherheitsbereitschaft. Seit Herbst 2019 zeigten sich dann "für nahezu alle Braunkohlekraftwerke sehr deutlich rückläufige Erzeugungstrends", heißt es dazu in der Studie.

Und das zog drastische Einbrüche nach sich. So erwirtschaften den Angaben zufolge die älteren Braunkohleblöcke der sogenannten 500-Megawatt-Klasse heute nicht einmal mehr die fixen Betriebskosten der ihnen zuliefernden Tagebaue und auch nur noch teilweise ihre eigenen fixen Betriebskosten. Für diese Anlagen erwarten die Autoren "bereits kurz- bis mittelfristig massive Stilllegungsanreize".

Neuere Braunkohleblöcke der 900-Megawatt-Klasse erwirtschafteten zwar noch die fixen Kosten des Kraftwerks selbst, aber nur noch etwa die Hälfte der fixen Betriebskosten des Tagebaus. Hier könnten laut der Studie "mittelfristig" Stilllegungsanreize entstehen.

Rekord bei Ökostrom im ersten Halbjahr 2020

Bei der Entwicklung habe zwar auch die Coronakrise eine Rolle gespielt, vor allem wegen des geringeren Strombedarfs, räumen die Studienautoren ein. Schaue man aber genauer hin, seien für den Niedergang der Braunkohle auch höhere CO2-Preise, niedrigere Gaspreise und die hohe Einspeisung erneuerbaren Stroms verantwortlich.

Tatsächlich haben viel Wind und Sonnenschein in der ersten Hälfte 2020 die Erzeugung von Ökostrom in Deutschland auf ein Rekordhoch getrieben. Strom aus erneuerbaren Quellen deckte nach Angaben vom Thinktank Agora Energiewende gut 50 Prozent des Verbrauchs.

Von Januar bis Juni wurden nach Berechnungen des Energiekonzerns Eon rund 126 Milliarden Kilowattstunden Grünstrom eingespeist, sieben Prozent mehr als im gleichen Zeitraum 2019. Den größten Anteil daran hat Windkraft an Land und auf See mit 73 Milliarden Kilowattstunden. Es folgen Solar mit 25 Milliarden, Biomasse mit 20 Milliarden und Wasserkraft mit 7 Milliarden Kilowattstunden.

Der Ökostrom-Anteil lag laut Agora Energiewende n der ersten Jahreshälfte bei 50,3 Prozent. Der Strom aus Kohle verlor dagegen im ersten Halbjahr um 40 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Insgesamt waren Deutschlands Braunkohle- und Steinkohlekraftwerke zusammen für weniger als 20 Prozent der gesamten Stromerzeugung verantwortlich.

Ausstiegstempo bei Kohle entscheidet sich nach 2022

Die aktuelle Situation aus niedrigem Gaspreis und stabilem CO2-Preis in der EU werde sich "im Zulauf auf 2030 in zunehmendem Maße und immer robuster einstellen", warnt die Studie des Ökoinstituts weiter. Der Preisdruck aus den Brennstoffmärkten werde anhalten, der Green Deal der EU den Emissionshandel verschärfen und nicht zuletzt der Ökostrom den fossilen Erzeugern weitere Marktanteile streitig machen.

Ob die jetzige schlechte Lage der Braunkohle aber nur eine zeitweise Delle ist oder ob diese wirklich vor einem Absturz steht, werde sich erst nach dem Abschluss des Atomausstiegs in anderthalb Jahren entscheiden.

Anders gesagt: Bis Ende 2022 werden sich viele Braunkohleanlagen aufgrund langfristiger Lieferverträge noch am Markt halten, auch unterstützt von kommenden Ausstiegs-Entschädigungen. Erst danach werde sich zeigen, ob der Kohlestrom vom Atomausstieg profitieren kann – oder nicht.

Alternativer Entschädigungsvorschlag angekündigt

Schon jetzt kündigte das auftraggebende Bündnis Klima-Allianz für kommende Woche, kurz vor der Verabschiedung des Kohleausstiegsgesetzes im Bundestag, eine noch umfangreichere Studie des Öko-Instituts an. Diese soll auf Basis der hier vorliegenden Wirtschaftlichkeitsanalyse auch die geplanten Entschädigungen für die Braunkohleunternehmen bewerten und einen alternativen Entschädigungsvorschlag vorlegen.

Energieexpertin Stefanie Langkamp von der Klima-Allianz meint allerdings schon jetzt, dass die Bundesregierung die Entschädigungen für die Braunkohle deutlich senken und die Stilllegungen beschleunigen müsste, wenn sie die "teils katastrophale" Ertragslage der Kohlekraftwerke berücksichtige.

Lesen Sie auch: RWE will keinen Strom aus Datteln 4

Lesen Sie auch: Parlament kämpft sich zum Kohleausstieg

Lesen Sie auch: Energieexperten empfehlen Energiepreisreform

jst/dpa
Keywords:
Ökostrom | Braunkohle | Strommarkt
Ressorts:
Markets
 

Newsletter bestellen – Wunschausgabe erhalten

Jetzt den wöchentlichen
Newsletter bizz energy weekly abonnieren
und eine Ausgabe
Ihrer Wahl kostenlos erhalten.

Hier geht es zur Aktion!

 
 

bizz energy Research

Energie, Digitalisierung und Mobilität.
Unsere Factsheets bieten visualisierte Daten, liefern Fakten und stellen Zusammenhänge zu den Top-Themen der Energiewende dar.


Mehr Informationen