Windmarkt
23.02.2017

Taiwan eifert Deutschland nach

Fotos: Wikipedia/ Peellden
Das Dach des Nationalstadions Kaohsiung besteht aus 8.844 Solarmodulen und liefert pro Jahr 1,14 Millionen Kilowattstunden Elektrizität.

Die Insel vor der Ostküste Chinas startet ihre Energiewende. Dabei sollen deutsche Firmen mit ihrem Know-how helfen.

Vor Taiwans Küste drehen sich in Kürze zwei Vier-Megawatt-Windturbinen auf hoher See. Das Offshore-Windkraftwerk Formosa 1 ist das erste in der Region. In der zweiten Projektphase soll der Park auf 30 Turbinen wachsen.

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Formosa 1 markiert den Auftakt der ehrgeizigen Regierungspläne. Bis 2025 will Taiwan mehr als drei Gigawatt Offshore-Windkapazitäten installieren.
„Mit seinen Ausbauplänen eifert Taiwan der Bundesrepublik nach“, sagt Andreas Wellbrock, Geschäftsführer der Windenergie-Agentur Wab, im Gespräch mit bizz energy. Im vergangenen Jahr besuchte er mit einer Wab-Delegation die Hauptstadt Taipeh.
„Für deutsche Anlagenbauer birgt der Offshore-Markt in Taiwan viele Geschäftschancen“, ergänzt Wellbrock, „vor allem für die sogenannten Hidden Champions in Nordrhein-Westfalen und Schwaben“. Dazu zählen beispielsweise die Bochumer Getriebehersteller Eickhoff und Flender aus Bocholt sowie Rothe Erde mit Sitz in Lippstadt, ein führender Hersteller für Großwälzlager. 

Weil Taiwan noch keine eigene Offshore-Industrie hat, ist das 24-Millionen-Einwohner-Land auf europäisches und deutsches Knowhow angewiesen.

Infrastruktur mit Lücken

Die Turbinen für den Pilot-Windpark Formosa stammen von Siemens. Der Technikriese mit Hauptsitz in München hofft auf weitere Stücke vom Kuchen. Laut der Germany Trade and Invest, der deutschen Gesellschaft für Außenwirtschaft und Standortmarketing, wird bis 2030 mit Investitionen von bis zu 750 Milliarden Neuen Taiwan-Dollar (23 Milliarden Euro) gerechnet.  Die von der taiwanischen Regierung gewährten Einspeisevergütungen nach Vorbild des deutschen Erneuerbare-Energien-Gesetzes locken Investoren.

„Vor der Küste Taiwans herrschen sehr gute Windbedingungen für Offshore-Windparks“, sagt ein Siemens-Sprecher zu bizz energy. „Die Meerestiefen eignen sich vielerorts für die auch hierzulande eingesetzten Fundamente.“ Deswegen sehe Siemens „optimistisch auf diesen Markt“. Zur zügigen Umsetzung der Projekte fehle jedoch eine etablierte Installations-Infrastruktur. Dazu zählen beispielsweise Betreiber von Errichtungsschiffen und für Wind-Projekte optimierte Hafenflächen.
Ursprünglich sollte Formosa 1 schon Ende 2016 ans Netz gehen.

Eine Herausforderung für Projektierer ist sind außerdem die regelmäßig über den Pazifik fegenden Taifune. Taiwan ist zudem ähnlich erdbebengefährdet wie Japan. Zudem rechnen Projektierer mit Widerstand von Umweltschützern. Diese sehen insbesondere den Lebensraum von Meeressäugern bedroht; in den Gewässern der Insel vor der Ostküste Chinas ist der Chinesische Weiße Delfin sowie der Indopazifische Buckeldelfin zuhause. 

Der geplante Offshore-Zubau ist Teil eines umfangreichen Regierungsprogramms. Bis 2025 soll der Erneuerbaren-Anteil nach Plänen von Präsidentin Tsai Ing-wen von derzeit knapp 5 auf dann 20 Prozent wachsen. Während ihres Wahlkampfes warb die seit Mai vergangenen Jahres amtierende Präsidentin: „Taiwan hat die nötigen Voraussetzungen für alle Arten von Ökostromanlagen“.

Mit hohen Windgeschwindigkeiten und geringen Wassertiefen herrschen optimale Bedingungen für Offshore-Windkraftwerke. Laut den taiwanesischen Wirtschaftsministerium sind jährlich zwischen 3.300 und 3.400 Stunden Windenergie nutzbar.

Atomausstieg treibt Umstieg auf Erneuerbare

Mit dem Ausbau der Renewables will sich das Land auch ein Stück weit unabhängig machen. Bislang wird der Energiebedarf überwiegend durch Kohle-, Öl- und Gasimporte gedeckt. Neben Windrädern auf See sind 20 Gigawatt Solarkapazitäten geplant.
Getrieben wird die Energiewende in Taiwan auch von der Bevölkerung und deren Ablehnung gegenüber Atomstrom. Zuletzt versetzte das im japanischen Fukushima havarierte Atomkraftwerk 2011 die Bevölkerung in Aufruhr. Die drei Atomkraftwerke im Land sollen deshalb bis 2025 vom Netz gehen. Als erstes ist 2019 die Abschaltung des Meilers nahe der Hauptstadt Taipeh geplant.
Für die Onshore-Windenergie sind die Kapazitäten begrenzt. Ende 2015 hatte Taiwan laut GTAI rund 330 Windmühlen mit einer Gesamtkapazität von 650 Megawattpeak installiert. Bis 2030 sind 120 weitere Onshore-Windmühlen geplant. Doch dann ist das Ender der Fahnenstange erreicht. In dem rund 35.801 Quadratkilometer großen Lande, das etwa so groß ist wie Baden-Württemberg, fehlt es an geeigneten Flächen. Taiwan hat nur einen schmalen Küstenstreifen, in der Mitte der Insel erhebt sich ein riesiges Gebirge.

Allerdings kostet die Kilowattstunde Offshore Wind mit 5,98 Neuen Taiwan Dollar (18 Eurocent) nahezu doppelt so viel wie Windstrom auf dem Land mit 2,88 NT Dollar (knapp 9 Eurocent) pro Kilowattstunde.

Jana Kugoth
Keywords:
Offshore | Windenergie | Taiwan | Energiewende | Atomausstieg | Export | Deutschland
Ressorts:
Governance | Markets

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