Elektromobilität
22.09.2017

Taxi mit Wechsel-Akku aus der Schublade

Foto: Jutta Maier, Teaser: Annette Hornischer/ACM
ACM-Gründer Paul Leibold mit dem City eTaxi. Die Akkus lassen sich wie bei einer Schublade aus dem Unterboden ziehen und an einer Wechselstation aufladen.

Das Münchner Unternehmen Adaptive City Mobility will kommunale Betriebe, Energie- und Taxifirmen für ein Vehikel gewinnen, das Carsharing-Auto, Taxi und Zustellfahrzeug zugleich ist.

Knuffig sieht es aus, das grau-orangene Elektroauto. Ein wenig wie ein übergroßes Lego-Mobil. Das Start-up Adaptive City Mobility (ACM) aus München möchte damit Innenstädte auf der ganzen Welt erobern. Kürzer als ein Smart, bietet der Drei-Sitzer jedoch deutlich mehr Ladefläche als der City-Flitzer von Daimler. Außerdem wiegt er – inklusive der herausnehmbaren Akkus – nur knapp 600 Kilogramm. Der orangene Rahmen, eine Carbon-Sicherheitszelle, macht davon gerade mal 40 Kilo aus. Zum Vergleich: Ein Tesla S bringt um die zwei Tonnen auf die Waage. Von der Optik her dürfte das „City etaxi“ – anders als der Tesla – den Geschmack des durchschnittlichen Autokunden eher nicht treffen. Das E-Mobil soll aber auch keine Privatkunden ansprechen, sondern städtische Verkehrsbetriebe, Energiebetriebe, Taxi-Unternehmen und Carsharing-Anbieter.

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„Wir richten unser Angebot an Bürgermeister, denen hohe Strafen für Emissionen in den Innenstädten drohen und die große Flottenlösungen suchen“, sagt Paul Leibold, Geschäftsführer und Gründer von ACM, während der Frankfurter IAA im Gespräch mit bizz energy über das geplante Vertriebsmodell. Dort präsentiert das Start-up sein E-Vehikel auf der New Mobility World, die sich der Zukunft der Mobilität widmet. Verschlankte Fahrzeuge, die man sich teilt und nicht mehr selber kauft, seien die Lösung für von Staus und Luftverschmutzung geplagten Städte, sagt Leibold. „Nicht die 2-Tonnen-Elektro-SUV, die uns die klassische Autobranche für die Innenstadt präsentiert.“

Auch Streetscooter ist beteiligt

Folgerichtig hat ACM ein schlichtes Fahrzeug in Ultraleichtbauweise entwickelt. Die beiden hinteren Sitze lassen sich entfernen, so dass es auch für Logistikunternehmen einsetzbar ist – eine Euro-Palette findet im dann 1.300 Liter fassenden Kofferraum Platz. Ausgestattet mit einem bescheidenen 14 Kilowatt-Motor, kommt das eTaxi auf 90 Kilometer pro Stunde und hat eine Reichweite von 120 Kilometern. „Damit braucht man nur die Hälfte der Akkukapazität für die gleiche Strecke mit einem anderen E-Auto“, erklärt Leibold, der früher für BMW und Mini tätig war. Ihm geht es darum, dass das eTaxi auch ohne Subventionen wettbewerbsfähig ist. Hinter dem Start-up steht ein Konsortium von zehn Firmen, es wird vom Bundeswirtschaftsministerium im Rahmen des Förderprojekts IKT-EM III unterstützt. Dazu zählen unter anderem der Akku-Spezialist BMZ, der Technologiekonzern Siemens und die Deutsche-Post-Tochter Streetscooter, die den Zulassungsprozess begleitet. 

ACM bietet nicht nur ein E-Auto an, sondern liefert die Akku-Wechselstation gleich mit dazu. Acht Lithium-Ionen-Akkus befinden sich in einer Art Schublade, die sich einfach aus dem Unterboden des eTaxis herausziehen lässt. Nur fünf Minuten dauert der Tausch der Batterie. Ein Taxifahrer könnte beispielsweise nach einer Schicht auf das Betriebsgelände fahren, den Akku auswechseln lassen und direkt die zweite Schicht beginnen, sagt Leibold. Die Akku-Station lässt sich an ein Solardach oder das Stromnetz anschließen, die vernetzte Flotte über eine zentrale Instrumententafel überwachen.

Großes Interesse aus Indien

Der alternative Energiedienstleister Green City Energy aus München, der an ACM beteiligt ist, denke bereits darüber nach, eine Flotte aus eTaxis zu betreiben, sagt Leibold. Das größte Potenzial sieht er jedoch in Schwellenländern. Aus Indien kämen bereits wöchentlich neue Anfragen. In die Karten spielt dem Münchner Start-up dabei, dass die indische Regierung von 2030 an nur noch elektrisch betriebene Fahrzeuge bauen will. „Eine Insel-Lösung wie unsere ist die einzige Möglichkeit, den Verkehr in Indien zu elektrifizieren, weil es in den Straßen nicht die entsprechende Strom-Infrastruktur gibt“, sagt Leibold. ACM sei in Kalkutta derzeit in Gesprächen mit einem strategischen Investor mit großem Vertriebszugang.

Allerdings werden noch mindestens zwei Jahre vergehen, bis der Prototyp zur Serienreife gelangt und das Start-up Fahrzeuge liefern kann, räumt der Gründer ein. Die Hochschule RWTH Aachen fertigt acht Duplikate des E-Taxis für einen Feldtest, der 2018 starten soll. Dabei geht es unter anderem darum, „wie man erneuerbare Energien in die Akkustation kriegt“, sagt Leibold. Zu den weiteren Unternehmen hinter ACM zählen die IT-Firma Ametras rentconcept, die Softwarelösungen für Flottenbetreiberkonzepte entwickelt. Der Prototyp stammt von der bayerischen Manufaktur Roding Automobile, die bereits das E-Auto des Münchner Start-ups Sono Motors gefertigt hat. Das elektronische Steuergerät liefert Siemens, die Software dazu das Fraunhofer-Institut für Eingebettete Systeme und Kommunikationstechnik ESK.

Damit sei bereits die Grundlage fürs autonome Fahren geschaffen, erklärt Leibold und schränkt ein: „Das wird aber noch ein bisschen dauern.“ Aus Sicht des Gründers wird sich das autonome Fahren zunächst auf das Premium-Segment beschränken. In Indien liege die Priorität ohnehin woanders: Nämlich darauf, möglichst viele Arbeitsplätze zu erhalten – zum Beispiel als Fahrer.

Jutta Maier
Keywords:
Elektromobilität | Adaptive City Mobility | ACM | Verkehrswende | München
Ressorts:
Technology | Markets

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