Kolumne
14.06.2017

Umweltfreundlicher Diesel ist ein Fake

Illustration: Valentin Kaden

Angesichts der hohen Luftbelastung ist nun auch in München ein Diesel-Fahrverbot geplant. Unser Kolumnist Ferdinand Dudenhöffer stellt fest: Selbst die CO2-Bilanz ist beim Pkw-Diesel schlechter als beim Benziner.

Nach der Frühjahrkonferenz der Umweltminister von Bund und Ländern war das Ergebnisprotokoll eindeutig. Der Bund solle sich bei den Herstellern „für eine technische Ertüchtigung von Diesel-Fahrzeugen in der gesamten Breite der Flotte“ einsetzen. „Da sind die Hersteller in der Pflicht, tatsächlich nachzurüsten“, erklärte Bundesumweltministerin Barbara Hendricks. Ein Ausgleichs- und Entschädigungsfonds solle geprüft werden. Für die Autobauer könnte das teuer werden, denn weder die technischen Möglichkeiten noch die Kosten der Rückrufaktion von mehreren Millionen Diesel-Pkw in Deutschland sind abschätzbar. Dabei träfe der Rückruf nicht nur ältere Fahrzeuge, sondern auch die Mehrheit der nagelneuen Euro-6-Diesel. Der Branche droht Gesetzeszwang, falls sie sich verweigert.  

Anzeige*

Rückblende: Während Tesla vor einem Jahrzehnt das Batterie-elektrische Auto entwickelte und Toyota massiv in Hybride und Brennstoffzellenautos investierte, wollten die deutschen Autobauer mit dem „Clean-Diesel“ den Verbrennungsmotor in die Zukunft hieven. Sie versprachen bessere Leistungsdaten, kein Nageln, also keine Klopfgeräusche bei der Verbrennung, und darüber hinaus eine tadellose CO2-Bilanz. Es klang alles wie ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Hersteller fabulierten gar über klimaneutralen Dieselkraftstoff aus grünem Strom und aus Palmöl. Wozu Elektroautos mit komplizieren Batterie-Packs und teurer Ladeinfrastruktur, wozu Brennstoffzellen, wenn doch der Clean-Diesel die CO2-Vorgaben für die Zeit nach 2021 erfüllt?

VW-Dieselgate löste Flächenbrand aus

Doch dann entlarvte die US-Umweltbehörde den Clean-Diesel als Mogelpackung; VW-Dieselgate löste einen Flächenbrand aus. Fast alle Autobauer sind jetzt in der Bredouille, und zwar aus drei Gründen. Erstens: die schlechten Stickoxid-Werte im Fahrbetrieb. Die neusten Euro-6-Diesel stoßen im normalen Fahrbetrieb gut fünfmal so viel Stickoxid aus wie erlaubt. Umfangreiche Tests des Umweltbundesamtes haben das kürzlich bestätigt, und diese Ergebnisse sind alles andere als eine Bagatelle. Nach Angaben der Europäischen Umweltagentur haben hohe Sickstoffdioxid-Belastungen im Jahr 2012 in Deutschland 10.400 Menschen getötet. Diesel-Pkw wurden von der Umweltagentur als Hauptverursacher identifiziert.

Zweitens: der schöngerechnete Treibstoffverbrauch. In einem flächendeckenden Test hat der französische Peugeot-Citroen-Konzern den Treibstoffverbrauch seiner Fahrzeuge im Alltagsbetrieb gemessen. Demnach verbrauchen die Fahrzeuge rund 45 Prozent mehr Treibstoff als in Labor-Tests. Diese Diskrepanz ist typisch für die gesamte Branche.

Drittens: die CO2-Bilanz. Diesel-Kraftstoff stößt bei seiner Verbrennung bei genauer Betrachtung mehr CO2 aus als Benzin. Zwar erzählen Verbandslobbyisten das Märchen vom klimafreundlichen Diesel seit Beginn der Klimadiskussion. Doch das Gegenteil trifft zu. Ein Liter Dieselkraftstoff produziert bei seiner Verbrennung 2,64 kg CO2. Bei Benzin sind dies pro Liter nur 2,33 kg CO2, also pro Liter 13 Prozent weniger. Gleichzeitig besitzt Diesel mit 9,905 kWh pro Liter einen 9,9 Prozent höheren Energieinhalt als der Liter Benzin. Fazit: Pro Energieeinheit (kWh) werden beim Diesel 0,27 kg CO2 in die Atmosphäre geblasen und bei Benzin 0,26 kg CO2. Pro Energieeinheit setzt Diesel also mehr CO2 frei als Ottokraftstoff.   

Verzerrung der Realität

Wir werden durch die willkürliche Messung des Kraftstoffs in Volumeneinheiten in die Irre geleitet. Der Diesel ist – trotz aller Beteuerungen der Verbandslobbisten – nicht klimafreundlicher, sondern klimafeindlicher als der Benziner. Die Verzerrung der Realität kostet pro Jahr mehr als 10.000 Menschen das Leben. Sie verursacht zudem knapp sieben Milliarden Euro Steuerausfälle: Dieselfahrer zahlen an der Tankstelle einen um 18 Cent pro Liter reduzierten Steuersatz. Bei den 38,5 Millionen Tonnen verkauften Diesel im Jahr 2016 addiert sich das zu sieben Milliarden Euro Steuerausfall.

Zwar zahlen Dieselbesitzer etwas mehr Kfz-Steuer, aber die Gegenmaßnahme trifft die kleinen Leute, während die Vielfahrer in Dienstwagen ihrer Unternehmen sitzen. Ex-Bundesverkehrsminister Matthias Wissmann, heute Präsident des Verbands der Automobilindustrie, redet die Situation schön und setzt so die Glaubwürdigkeit der Branche aufs Spiel.

Im April 1919 wandte sich Firmengründer Robert Bosch in einer programmatischen Schrift an seine Mitarbeiter: „Lieber Geld verlieren als Vertrauen…. Es war mir immer ein unerträglicher Gedanke, es könne jemand bei Prüfung eines meiner Erzeugnisse nachweisen, dass ich irgendwie Minderwertiges leiste“ schrieb Bosch damals. Die Branche sollte sich seine Sätze ins Stammbuch schreiben.

 

Zur Person

Ferdinand Dudenhöffer ist Direktor des CAR-Center Automotive Research an der Universität Duisburg-Essen sowie Inhaber des Lehrstuhls für allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Automobilwirtschaft an der Universität Duisburg-Essen.

Ferdinand Dudenhöffer
Keywords:
Diesel | CO2-Ausstoß | Verbrenner | Klimabilanz | Dieselgate | VW
Ressorts:
Governance | Markets

Neuen Kommentar schreiben

 

bizz energy Juni 2017

Die neue bizz energy gibt es ab sofort am Kiosk oder bei unserem Abonnentenservice unter bizzenergy@pressup.de.

 
 

bizz energy Research

Individuell zugeschnittene Studien
und differenzierte Analysen sowie
kurze Reports.


Aktuelle Angebote:
» Jetzt anmelden zur 3. Runde unserer Ausschreibungssimulation Wind Onshore
» Zum Kostenbenchmarking Wind Onshore


MEHR INFORMATIONEN HIER

 
 

bizz energy Veranstaltungen