Analyse
15.08.2017

US-Sanktionen haben starken Einfluss auf Europas Gasmärkte

Foto: www.nord-stream2.com
Röhren für die Nord Stream 2-Pipeline im finnischen Kotka

Dem Analysehaus Aurora zufolge könnte der russische Marktanteil von 35 auf 25 Prozent absacken. Die US-Gasindustrie dürfte daraus aber nur geringen Profit schlagen.

Wie wirken die gerade erst verschärften US-Sanktionen gegen russische Gas-Projekte auf Europa? Die Folgen hat das Analysehaus Aurora Energy Research berechnet; die Ergebnisse liegen bizz energy exklusiv vor. Die Aurora-Analysten simulierten in ihrem europäischen Gasmarktmodell, wie sich die Erdgas-Ströme in und nach Europa änderten, wenn weder die Gas-Pipeline Nord Stream 2 durch die Ostsee noch das russische Flüssiggas-Terminal Baltic LNG gebaut würden. Dies würde laut Aurora innerhalb weniger Jahre zu einer deutlichen Verschiebung der Bezugsquellen führen. Der russische Anteil am europäischen Gasmarkt könnte bei voller Wirkung der Sanktionen und dem Wegfall der Transit-Route über die Ukraine im Jahr 2025 ein Drittel niedriger liegen, die Gaspreise würden leicht steigen.

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Der US-Kongress hatte jüngst ein Sanktionspaket beschlossen, das Strafen gegen Unternehmen möglich macht, die in russische Pipelines und Gasexportkapazitäten investieren oder zu ihrem Unterhalt beitragen. Aurora Energy Research untersuchte zwei Szenarien: In einem werden weder Nord Stream 2 noch Baltic LNG gebaut. Allerdings wird gleichzeitig davon ausgegangen, dass in der Ukraine das marode Pipeline-Netz so modernisiert wird, dass es mit den derzeitigen Kapazitäten weiter genutzt werden kann. In diesem Fall fällt der russische Marktanteil in Europa nur einen Prozentpunkt geringer aus. Statt 35 Prozent wie im Basisfall ohne Sanktionen würden russische Lieferanten im Jahr 2025 noch 34 Prozent des europäischen Gasbedarfs decken.

Schärferes Sanktions-Szenario keinesfalls abwegig

Im zweiten, schärferen Sanktions-Szenario werden Pipeline und Flüssiggas-Terminal ebenfalls nicht gebaut werden. Zusätzlich wird die russische Exportroute durch die Ukraine blockiert – entweder durch einen eskalierenden Konflikt mit Russland oder mangelnde Wartung der Pipelines. In diesem Szenario sinkt der russische Gasexport drastisch, der russische Marktanteil in Europa würde auf 25 Prozent absacken. Das ist keinesfalls abwegig: Die Ukraine benötigt erhebliches Kapital zur Modernisierung der Rohre, das nur schwer zu beschaffen ist. Gleichzeitig bleibt der Konflikt mit Russland um die Ostukraine ungelöst.

Hauptprofiteur bei schwindenden Anteilen Russlands in Europa wären die LNG-Lieferanten aus dem Rest der Welt. Nach Ansicht von Hanns Koenig vom Aurora-Büro in Berlin reichen die Kapazitäten der europäischen Flüssiggas-Terminals aus, um den Bedarf zu decken. Die ausländischen Lieferanten kämen damit im Jahr 2025 auf einen Marktanteil von 25 Prozent in Europa. In den anderen beiden Szenarien erreichen sie lediglich 19 Prozent. Die Auswirkungen auf die Preise wären spürbar, aber nicht drastisch. Bleiben die russischen Lieferungen zum Teil aus, würden sie um vier Prozent auf 25,90 Euro pro Megawattstunde zulegen im Vergleich zum Basis-Szenario.

Nutzen für USA begrenzt

Nützen die Sanktionen also den USA direkt, indem sie in Europa einen neuen Exportmarkt öffnen? Ja, aber nur begrenzt. Koenig taxiert den zusätzlichen jährlichen LNG-Bedarf Europas im scharfen Sanktions-Szenario auf 32 Milliarden Kubikmeter und sagt: „69 Prozent dieser Menge würden aus den USA kommen, das sind 22 Milliarden Kubikmeter. Den Großteil davon hätten die Vereinigten Staaten jedoch ohnehin exportiert; das Gas wäre nur in andere Teile der Welt gegangen. Absolut steigt die amerikanische Gasproduktion nur um vier Milliarden Kubikmeter." Die weit verbreitete These, nach der die US-Gaswirtschaft Hauptnutznießer der Sanktionen ist, werden durch die Aurora-Berechnungen also nicht bestätigt.

Jakob Schlandt
Keywords:
Nord Stream 2 | Russland | USA | Sanktionen | Gasmarkt
Ressorts:
Governance | Markets

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