Kolumne Gerard Reid
29.01.2014

Vehikel für Veränderung

Illustration: Valentin Kaden; Titelbild: Eon
Gerard Reid, Chefökonom von BIZZ energy today

Europas Energiekonzerne sind in Not – und sollten sich an Amerikas größtem Stromproduzenten NRG orientieren. Der hat einen Teil seiner Kraftwerke erfolgreich an die Börse gebracht.

Gerade erst hat die Europäische Zentralbank ihren Leitzins auf ein historisches Tief gesenkt. Doch Europas Energiekonzerne spüren das kaum. Ihr Rating sinkt und ihre Kosten für Kapital wachsen. Das macht es für sie teurer, neue Investitionen zu finanzieren und die Schulden in ihren Bilanzen zu refinanzieren. In ihrer Not verkaufen sie Vermögenswerte, beschließen Kostensenkungsprogramme und komplexe Restrukturierungen. Doch das Dilemma bleibt, weil ihr Kapital zu teuer ist. Ein neues Kraftwerk kostet sie pro Megawatt Leistung rund eine Million Euro. Für die gleichen künftigen Erträge muss ein typischer Rentenfonds heute nur 40 Prozent so viel Kapital investieren wie ein Energiekonzern.

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Gibt es eine Alternative? Ja. Anschauungsunterricht bieten die ‚tariff investors‘, also jene Anleger, die in verschiedenen Industriestaaten auf gesetzlich garantierte Einspeisetarife setzen. Einspeisetarife haben die Stromlandschaft revolutioniert. Sie flankierten neue Technologien wie Solar und Wind – die drücken die Strompreise, weil ihre Betriebskosten gegen Null gehen. Und sie öffnen den Markt für neue Investoren. In Deutschland ist das Gros der 70 Gigawatt  Ökostromleistung im Besitz von Landwirten und Privatpersonen, die direkt und indirekt durch Fonds investieren. Nicht mal zehn Prozent gehören den vier großen Energieversorgern Eon, RWE, EnBW und Vattenfall. 

Wie nur konnten die Großen Vier diese tolle Investitionschance verpassen? Die Antwort lässt tief blicken: Die Großen Vier peilten stets eine Eigenkapitalrendite von mindestens zehn Prozent an, um ihre Aktionäre und Gläubiger zu befriedigen. Im Gegensatz dazu ist der typische tariff investor mit sieben Prozent zufrieden. 

Immerhin: Die Zeiten ändern sich. Im Moment kaufen Pensionskassen deutsche Anlagen bereits, wenn bloß vier Prozent Rendite winken. An der Londoner Stock Exchange notieren aktuell mit Bluefield, Greencoat und TRIG drei Ökostrom-Fonds, die sechs Prozent Dividende im Jahr bieten. Mit Foresight wird ein vierter Fonds dieser Kategorie gerade aufgelegt. Diese Fonds sind tariff investors: Sie bieten ihren Anlegern bei geringerer Rendite höhere Sicherheit – und haben bis Jahresende 2013 zusammen mehr als eine Milliarde Euro eingeworben. 

Auch Europas Energiekonzerne sollten auf Einspeisetarife setzen – nach dem Vorbild von NRG. Dieser größte unabhängige US-Stromkonzern ist ein Vorreiter bei den Erneuerbaren und wagte schon im Sommer einen mutigen Schritt an der Wall Street. NRG überführte eine Reihe seiner Kraftwerke in ein separates Vehikel und listete dieses unter dem Namen NRG Yield an der New York Stock Exchange. Insgesamt umfasst NRG Yield 2,5 Gigawatt Strom- und Wärmeanlagen, darunter 414 Megawatt Solar und Wind. Die Erlöse aller Anlagen sind im Voraus durch Langzeitverträge mit fixen Preisen gesichert. Im Gegenzug für diese Langfristabsicherung verpflichtet sich das Unternehmen dazu, jedes Jahr eine Dividende zu zahlen. Bei Börseneinführung versprach NRG Yield 5,5 Prozent Dividende. Aktuell erhalten Anleger nur noch vier Prozent Dividende, weil der Preis der Aktie seit Erstnotierung um 20 Prozent gestiegen ist.

Der Deal ist für den NRG-Mutterkonzern geradezu genial: Er behält die Aktienmehrheit und dadurch die Kontrolle über seine Tochter NRG Yield. Der Börsengang spülte frisches Bargeld in die Kasse. Zusätzlich erhält NRG laufende Einnahmen für den Betrieb der Kraftwerke und damit verbundene Dienstleistungen.

Welche Lehre können Europas Energieversorger daraus ziehen? Strukturiere dein Kraftwerks-Portfolio um und bringe den auf Einspeisetarife und Langfristverträge getrimmten Teil an die Börse. Und beeile dich damit. Bald wird das Ende dieser historischen Finanzkrise, mit historisch niedrigen Zinssätzen, erreicht sein. Wenn die Zinsen wieder steigen, verschwindet das günstige Geld und damit die Chance für Versorger, an der Börse gute Preise für ihre Vehikel zu erzielen und das frische Kapital zur Veränderung ihres Geschäftsmodells zu nutzen. Wenn sie diese Chance jetzt nicht nutzen, wird die Geschichte Europas Energieversorgern nicht gnädig sein ...

 

Gerard Reid zählt weltweit zu den Top-Finanzanalysten für erneuerbare Ener-gien. Für die Wall-Street-Investmentbank Jefferies baute er den Bereich Renewables auf. Anschließend gründete er mit Alexa Capital seine eigene Beratungsgesellschaft.

 

 

Gerard Reid
Keywords:
Gerard Reid | Banken und Finanzinvestoren | Energieversorger | Eon | RWE | EnBW | Vattenfall | NRG Energy
Ressorts:
Finance | Markets

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