E-Auto-Branche
17.05.2017

Verärgert über Merkel

Foto: Rudolf Simon
Damals noch hoffnungsfroh: Angela Merkel beim Electromobility Summit Berlin im Jahr 2013

Die Enttäuschung über die lapidare Absage des Ziels der Bundeskanzlerin, eine Million Stromer bis 2020 auf die Straße zu bringen, ist groß.

Die Absage des Ziels, bis 2020 eine Million Elektro-Autos auf deutsche Straßen zu bringen, kam zwar von ganz oben, aber eher beiläufig. Auf einem Arbeitnehmerkongress der Unionsfraktion sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel Anfang der Woche: „So wie es im Augenblick aussieht, werden wir dieses Ziel nicht erreichen.“ Das ist zwar eine durchaus realistische Einschätzung, die von vielen in der Branche geteilt wird. Wenn sie aber aus dem Mund der Kanzlerin kommt, kommt das dem Kassieren des Ziels gleich. Entsprechend laut fällt auch die Empörung in der Branche aus. Kurt Sigl, Präsident des Bundesverbands eMobilität, (BEM), sagte im Gespräch mit bizz energy: „Diese Absage zeigt, dass die Bundesregierung bei der Umsetzung ihrer Strategie versagt hat.“

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Der BEM ärgert sich darüber, dass zahlreiche nötige Voraussetzungen, um E-Autos den Weg zu ebnen, in den vergangenen Jahren nicht oder viel zu zögerlich umgesetzt wurden. So seien Änderungen im Baurecht nicht erfolgt, das weiterhin „entscheidende Hürden für den Ausbau der Lade-Infrastruktur“ enthalte. Nach wie vor fehlten klare Vorgaben aus Berlin, ohne die in der Praxis zahlreiche Probleme auftreten, zum Beispiel, ob ein Falschparker von einem E-Auto-Ladeplatz abgeschleppt werden dürfe. Es habe auch zu lange gedauert, bis umgesetzt worden sei, dass Ladestrom nicht mehr als geldwerter Vorteil steuerlich behandelt werde. „So geht das seit vielen Jahren“, klagte Sigl.

„Hätte mehr von der Prämie erwartet“

„Ich hätte mir von der Prämie für Elektroautos etwas mehr an Anschub erwartet“, sagte Stefan Bratzel, Direktor des Center of Automotive Management in Bergisch-Gladbach im Gespräch mit bizz energy. „Es war nicht mal ein Strohfeuer.“ Im Prinzip sei es richtig, das Ziel zu kassieren, sagt Bratzel. Ob es nun 2020 oder 2021 erreicht werde, sei weniger entscheidend als dass es endlich zu einem exponentiellen Wachstum komme. Dafür müssten die Voraussetzungen geschaffen werden. „Wir haben kein Nachfrage-, sondern ein Angebotsproblem“, sagt Bratzel. „Wir brauchen Reichweiten von 400 Kilometern, ein breites Produktportfolio, das preislich mit Verbrennern konkurrieren kann und eine dichte Schnellladeinfrastruktur.“ Diese sei aber erst im Aufbau und brauche noch Zeit. „Ich glaube deshalb, dass das Thema E-Mobilität erst zu Beginn der 2020er Jahre exponentiell wachsen wird.“

„Das ist bedauerlich, aber nicht überraschend“, lautete auch die Einschätzung von Dorothee Saar, Leiterin Verkehr und Luftreinhaltung bei der Deutschen Umwelthilfe. „Wir diskutieren immer noch über die gleichen Themen wie vor zehn Jahren: Ladeinfrastruktur, Reichweite, Kosten. Aber auch die Frage der Rohstoffversorgung für die Batterien ist weiter ungeklärt: Reichen die Reserven an erforderlichen Rohstoffen und aus welchen Ländern kommen sie?“

Gleichzeitig seien keine verlässlichen Anstrengungen der Hersteller erkennbar, die Fahrzeuge auf den Straßen sauber zu bekommen. „So lange sich deutlich kostengünstigere Benziner und Diesel produzieren und verkaufen lassen – unabhängig davon, ob geltende Grenzwerte eingehalten werden oder nicht – muss man sich einerseits nicht wundern, dass die Hersteller keine Ambitionen haben massiv in die Technologie zu investieren, und andererseits, dass Kunden kein wirkliches Interesse an E-Autos haben.“ 

BEM: Ziel noch erreichbar

Sigl vom BEM hält Ziel von einer Million E-Fahrzeugen (einschließlich Plug-In-Hybride) allerdings nach wie vor für erreichbar – aber nur, wenn nach der Bundestagswahl ein entschlossener politischer Neustart erfolge. „Wir brauchen eine Plattform Elektromobilität 2.0“, forderte er – und Vorsitz und Steuerung würde der BEM gerne gleich mit übernehmen. „Wir haben bei uns im Verband die entscheidende Expertise und Mitglieder, die das Ziel voll unterstützen.“

Die „Nationale Plattform Elektromobilität“ (NPA) hält der BEM für gescheitert. „Das sind im Grunde nur Arbeitsgruppen des VDA“, sagte Sigl unter Bezug auf den Verband der Deutschen Automobilindustrie, in dem die großen deutschen Autohersteller organisiert sind. Ein erheblicher Teil der Posten der NPA wird vom VDA oder Mitgliedsunternehmen besetzt. Deren Ziel sei es, den Ausbau hinauszuzögern, bis in den 2020er-Jahren das Angebot an eigenen Elektroautos größer sei, so Sigl. Das Thema E-Mobilität müsse zudem stärker mit der Energiewende verzahnt werden.

Bei der NPA möchte man sich zur Äußerung Merkels nicht positionieren. Ein Sprecher sagte auf Anfrage, dazu gebe es derzeit noch keine Stellungnahme und verwies auf die letzten öffentlichen Interviews des Vorsitzenden Henning Kagermann, die allerdings vor der Rede Merkels datieren. Die NPA streicht aber heraus, dass es durchaus erhebliche Fortschritte beim rechtlichen Rahmen für Elektromobilität zu verzeichnen gebe, etwa die Förderrichtlinie „Ladeinfrastruktur Elektrofahrzeuge in Deutschland“. Dafür stellt die Bundesregierung von 2017 bis 2020 insgesamt 300 Millionen Euro für den Bau von Ladestationen bereit. Laut der Plattform ist sie dabei weitgehend den NPA-Empfehlungen gefolgt.

Jakob Schlandt, Jutta Maier
Keywords:
E-Mobilität | Ladeinfrastruktur | Bundesregierung | Stefan Bratzel | BEM | NPA
Ressorts:
Governance | Markets

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