Digitalisierung
04.05.2017

Wenig Blockchain-Start-ups mit Substanz

Foto: istock.com / photogearch
Die Schweizer Stadt Zug zieht nicht nur reiche Steuerflüchtlinge an, sondern auch Blockchain-Start-ups.

Blockchains sind in aller Munde, doch in Deutschland gibt es nur wenige Start-ups für diese Zukunftstechnik. Andere Länder wie die Schweiz stehen besser da, wie die Frankfurt School of Finance ermittelt hat.

„Es gibt in Deutschland zwar viele Ideen und neue Unternehmen zu Blockchain-Technologien“, sagt Philipp Sandner, Leiter des im Februar gegründeten Blockchain Centers an der Frankfurt School of Finance. „Doch bei unserer jüngsten Analyse haben wir nur etwa 50 Gründungen mit einem erkennbaren Geschäftsmodell gefunden. Das hat mich schon etwas ernüchtert“, bekennt der Wirtschaftsprofessor, Mitglied im Rat des Bundesfinanzministeriums zu FinTechs, also Start-ups aus dem Finanzbereich. Aus dieser Kategorie stammen laut Sandner auch die meisten der 50 deutschen Blockchain-Gründungen aus seiner Erhebung. Nur ein Bruchteil entwickelt Lösungen für die Energiewirtschaft.

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Neue Geschäftsmodelle treffen auf alte Regulierung

Eine der Hauptursachen für das zähe Anlaufen der Blockchain-Aktivitäten hierzulande sieht Sandner in der schwer einschätzbaren Regulierung: „Viele Start-ups sind sich unsicher, was sie rechtlich dürfen und wie sich die Regulierung in den nächsten Jahren entwickeln wird.“

Ähnlich geht es Start-ups für Zahlungsdienste, die auch für Blockchain-Anwendungen in der Energiewirtschaft hoch relevant sind – etwa für das Abrechnen von Ladestrom für Elektroautos über digitale Geldbörsen. „Fast alle diese Unternehmen verweisen auf Unsicherheiten bezüglich der Frage, welche Regulierungsvorschriften für das jeweilige Geschäftsmodell relevant sind, und den mit der Regulierung einhergehenden hohen Zeit- und Kostenaufwand“, schreiben mehrere Finanzwissenschaftler um den Regensburger Ökonomen Gregor Dorfleitner in einer FinTech-Studie für das Bundesfinanzministerium.

Coins ersetzen Aktien

In der Schweiz sei die Rechtssicherheit für Finanz- und Blockchain-Start-ups dagegen bereits größer, berichtet Sandner. Der als Steuerparadies bekannte Kanton Zug etabliert sich auch als Heimathafen für Blockchain-Start-ups. Bekannte Beispiele sind die Stiftung hinter der Entwicklungsplattform Ethereum, auf der zahlreiche Anwendungen basieren, und der Hub ConSensys, der bei der Entwicklung des Brooklyn Microgrid half.

Durch die Ethereum-Stiftung können die Schweizer Finanzbehörden bereits Erfahrung mit einer beliebten Finanzierungsform von Blockchain-Start-ups vorweisen, Initial Coin Offerings (ICO). Anders als bei Initial Public Offerings, also regulären Börsengängen, erhalten die Käufer keine Mitgliedsanteile mit Stimmrecht, sondern virtuelle Coins. Hauptnutzen ist eine eventuelle Kurssteigerung. Technisch ist die Abwicklung für Blockchain-Firmen simpel. Rechtlich wollen sie sich mit dieser Finanzierungsform langwierige und teure Börsenzulassungen ersparen.

Rechtssicher durchführbare ICOs sind laut Sandner für Blockchain-Unternehmen inzwischen ein wichtiges Motiv für die Wahl des Unternehmenssitzes: „In meinen Gesprächen mit Start-ups höre ich immer wieder, dass einige überlegen, ihren Unternehmenssitz in die Schweiz zu verlegen.“ Für das Coin Offering von Ethereum hatte die Steuerbehörde des Kantons Zug nach Angaben der Vereinigung „Crypto Valley“ entschieden, dass anders als bei der Ausgabe von regulären Aktien keine Emissionsabgabe erhoben werden soll. Ein Vorteil gegenüber der Bundesrepublik ist das allerdings nicht: Die deutsche Gesellschaftsteuer wurde schon Anfang der 1990er-Jahre abgeschafft.

„Die Gründer der Cryptoszene haben sich ohne staatliches Zutun hier in Zug niedergelassen“, sagt Bernhard Neidhart, Leiter des Wirtschaftsamts des Kantons, auf Anfrage von bizz energy und begründet die Ansiedlung mit anderen Faktoren: „Selbstverständlich bestanden gewisse Beziehungen zu lokal ansässigen, wirtschaftlichen Akteuren. Zudem ist die IT- und Finanzdienstleistungsbranche stark vertreten.“

Asien führt die Entwicklung an

Die größten Blockchain-Zentren der Welt sind allerdings die USA und mehrere Staaten in Fernost. „Was in Asien passiert, ist extrem spannend und teilweise ist man uns dort einige Schritte voraus“, berichtet Sandner. „Zu nennen sind vor allem Singapur, Japan, China und Südkorea. Was man auch nicht unterschätzen darf, sind die Entwicklungen in Dubai.“ Die Regierung des Emirats hat Ende vergangenen Jahres eine eigene Blockchain-Strategie veröffentlicht, davon ist Berlin noch weit entfernt. Sämtliche Behördenabläufe des Zwei-Millionen-Einwohner-Gebietes sollen künftig über Blockchains laufen und dazu auch die Einreiseformalitäten der bald 20 Millionen Touristen pro Jahr. Die Kryptotechnologie ist im Emirat fester Bestandteil der Innovationsförderung, zur Jahreswende organisierte es einen Hackathon mit Preisgeldern von 140.000 US-Dollar.

Beliebt ist unter Finanz-Start-ups außerdem das englischsprachige Singapur mit seinen erstklassigen Bildungseinrichtungen. „Singapur ist als Finanz-Hub im asiatischen Raum attraktiv und die Gründungsbedindungen sind dort außergewöhnlich gut – inklusive der regulatorischen Anforderungen“, berichtet Finance-Experte Sandner. China wiederum verfolgt mit „Internet plus“ eine ehrgeizige Strategie für die Industrie 4.0. Einer der Entwickler des Aktionsplans, Cao Yin, ist auch treibende Kraft hinter Energy-Blockchain Labs, einem der umtriebigsten Start-ups in China.

Zumindest innerhalb Europas ist Deutschland nach der Schweiz laut Sandner aber eins der aktivsten Länder in Sachen Blockchain – vor allem bei Anwendungen mit Ethereum. Diese Entwicklungslösung nutzen vermehrt auch große Unternehmen für erste Gehversuche mit Prototypen. Darin liege eine Gemeinsamkeit mit der Industrienation Südkorea, sagt Sandner. Das Blockchain Center der Frankfurt School ist deshalb Mitglied einer deutsch-koreanischen Arbeitsgruppe zu Blockchains. Ein weiteres Beispiel für den hohen Stellenwert von Kooperationen in der digitalen Welt.

Manuel Berkel
Keywords:
Frankfurt School | Blockchain | Südkorea | Singapur | Dubai | Schweiz | Finanzmarkt | Start-ups
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Kommentare

Die Szene ist ja bereits einen Schritt weiter als nur ICOs mit Coins durchzuführen. Mit den auf der Ethereum - Blockchain basierten ERC-20 Tokens erhalten die Käufer von Tokens sehr wohl die Möglichkeit auf Stimm- und Wahlrecht solange das von entsprechenden smart-contracts vorgesehen ist. Das Ethereum - Movie - Venture ist so ein Beispiel wo vorgesehen ist das jährlich über neue Projekte abgestimmt wird.

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