Kolumne
12.09.2012

Yes, it can

Gerard Reid zählt zu den Top-Finanzanalysten für erneuerbare Energien weltweit

Deutschland kann seine Energiesparziele erreichen – wenn Kartelle aufgebrochen werden. Eine Kolumne von Gerard Reid, Chefökonom bei BIZZ energy today.

Wir verschwenden Energie. Tag für Tag, meist ohne darüber nachzudenken, manchmal ohne es zu wissen. Endlich beginnen Konsumenten, Unternehmen und Staatsregierungen, über höhere Energieeffizienz nachzudenken. Die Bundesregierung will den Energieverbrauch bis 2020 um 20 Prozent senken, bis 2050 sogar um 50 Prozent. Einige halten dieses Ziel für unerreichbar, andere mindestens für ambitioniert. Fest steht: Hat Deutschland Erfolg, würde sich die Einstellung der Weltgemeinschaft zum Energiesparen ändern. Gleichzeitig hätte die Bundesregierung für die deutsche Wirtschaft ein riesiges Feld voller Geschäftschancen bestellt.

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Die Gewinner dieser Energiewende stehen heute schon fest: IT-Unternehmen, Elektrokonzerne und Anlagenbauer, die intelligente Lösungen anbieten. Zu Recht konstatiert Bundesumweltminister Peter Altmaier in seinem Zehn-Punkte-Plan, dass bei der Energieeffizienz „anerkanntermaßen das größte technologische Innovationspotenzial“ liegt. Anbieter nachhaltiger Technologie werden zu den Gewinnern dieser Entwicklung zählen. Dazu gehören Softwareunternehmen wie SAP oder der im TecDax gelistete Chipproduzent Dialog Semiconductor, dessen intelligente Signalschalter die Akkudauer von Smartphones aller großen Hersteller erhöhen. Auch etablierte IT-Konzerne wie Apple, Google, Intel und IBM arbeiten derzeit konzentriert daran, Technologien zur Energieeinsparung zu entwickeln. Das wird im Rahmen des Cloud-Computing immer wichtiger. Zudem wollen wir nicht länger dauernd daran denken müssen, wo wir unterwegs ein passendes Ladegerät für unser Handy herbekommen. Auch die traditionellen Anbieter von Energietechnik wie Siemens, General Electric, ABB und Toshiba werden diesen Trend zur Effizienz nutzen.

IT-Unternehmen, Elektrokonzerne und Anlagenbauer profitieren

Deutschland verfügt neben Siemens und SAP über eine Reihe weiterer gut positionierter Player für den wachsenden Markt der Umwelttechnik: Bosch, Smart-Grid-Pionier PSI und Halbleiterhersteller Infineon, der Ökostromlieferant Lichtblick aus Hamburg oder auch die Firma Novaled. Das Dresdner Unternehmen ist ein führenden Anbieter der nächsten Beleuchtungsgeneration: organische LED. Bis zum Jahresende plant das Unternehmen den Gang an die US-Technologiebörse Nasdaq.

Die Verlierer des Energiesparens stehen ebenfalls schon fest: Eon, RWE, EnBW und Vattenfall. Jedenfalls dürfte es mit einer dezentralen Energieversorgung durch mehr Ökostrom und mit immer mehr Wettbewerb von anderen Konzernen, die in den attraktiven neuen Markt einsteigen, nicht einfacher werden. Schließlich verdienen die großen Vier mit dem Verkauf von Energie ihr Geld. Energieeinsparung bedeutet demnach Umsatzeinbußen. Doch sie müssen Energie einsparen, ob sie wollen oder nicht. Im Juni 2012 hat die EU ihr erstes Maßnahmenpaket zur Energieeffizienz auf den Weg gebracht. Alle 27 EU-Staaten sollen bis 2020 immerhin

Versorger müssen künftig weniger Energie verkaufen, andernsfalls drohen Geldstrafen

17 Prozent weniger Energie verbrauchen. Bis Ende des Jahres ist eine Ratifizierung des Vertrages in allen Staaten zu erwarten. Schlüsselelement der EU-Direktive ist Artikel Sechs. Dieser verpflichtet die Energieversorger dazu, jährlich 1,125 Prozent weniger Energie zu verkaufen – andernfalls drohen empfindliche Geldstrafen. Das ist eine Zwickmühle. Apropos: Man kann, wie der US-Bundesstaat Kalifornien demonstriert hat, solche Ziele auch mit positiven Anreizen erreichen. Bereits in den siebziger Jahren führte er strengere Vorgaben für Haushaltsgeräte ein, insbesondere für Kühlgeräte. Heute verbrauchen Kühlschränke

70 Prozent weniger Energie. Zudem wurden die Gewinne des Energieversorgers vom Energieverbrauch entkoppelt. Resultat: Die Energiepreise liegen in Kalifornien 20 Prozent unter dem US-Durchschnitt. Trotz niedriger Preise und mehr elektronischen Geräten verbraucht der Durchschnitts-Kalifornier heute dieselbe Energiemenge wie 1975! Und warum spielt der Energieversorger mit? Er bekommt eine Prämie für das Erreichen von Effizienzzielen, die seinen Verlust (über)kompensieren.

In Deutschland sind LEDs doppelt so teuer wie in den USA

Zurück nach Deutschland: Die Sparziele der Bundesregierung stehen vorerst nur auf dem Papier – die Bilanz liest sich eher nüchtern. Der Effizienzgewinn lag zwischen 2000 und 2010 durchschnittlich bei 1,1 Prozent pro Jahr. In den neunziger Jahren lag sie noch bei 1,7 Prozent, weil damals ineffiziente frühere DDR-Industriebetriebe stillgelegt wurden. Um die EU-Ziele von 20 Prozent Einsparung bis 2020 zu erreichen, müsste der Verbrauch jährlich um 3,7 Prozent verringert werden. Noch ambitionierter ist das Ziel, den Stromverbrauch um 10 Prozent zu senken – ausgerechnet im beginnenden Zeitalter der Elek­tromobilität und der Digitalisierung. Kann Deutschland es trotzdem schaffen? Yes it can – aber nur, wenn Konsumenten, Behörden, Kommunen und Unternehmen gleichermaßen mitziehen. Dazu müssten mächtige Kartelle aufgebrochen werden. Zum Beispiel im Beleuchtungssektor, der in Deutschland immerhin acht Prozent des Stroms verbraucht. Bei der hundert Jahre alten Glühlampe gehen rund 90 Prozent der Energie ungenutzt als Wärme verloren. Leuchtdioden (LEDs) können den Energieverbrauch um den Faktor Zehn verringern. Doch bei LEDs gibt es bis heute zu viel Marktmacht. Es konkurrieren nur Phillips und die Siemens-Tochter Osram um die Kunden. Nach Angaben des Chipherstellers Aixtron aus Herzogenrath in der Nähe von Aachen ist der Preis für eine neue LED-Leuchte (mit der Leistung einer 60-Watt-Birne) in Europa doppelt so hoch wie in den USA, Japan oder Südkorea.

Im August habe ich daraufhin die Einzelhandelspreise in verschiedenen Baumärkten ver­glichen. In Berlin kostet eine 8-Watt-LED (analog zur 40-Watt-Glühbirne) 20 Euro. Die gleiche LED-Leuchte wird in den USA für rund acht Euro angeboten. Zu solchen Konsumentenpreisen würde sich der Kauf für Verbraucher in Europa schon nach einem Jahr rentieren. Durchschnittlich funktioniert die Leuchte dann zehn Jahre lang.

Für Verbraucher bleibt die Hoffnung auf das Kartellamt – und auf neue Anbieter: Falls die LEDs in Europa künftig nicht billiger angeboten werden, dürften Konzerne wie Samsung in diesen Markt eintreten. Bei Flachbildfernsehern und Smartphones vertrauen die Verbraucher dem Unternehmen bereits.

Gerard Reid
Keywords:
Banken und Finanzinvestoren | Energiepolitik | Nachhaltigkeit | Energieeffizienz
Ressorts:
Finance

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