Photovoltaik
20.03.2020

Zwei Deckel schnüren Solarstrom die Luft ab

Foto: iStock
Geht die Solarpolitik so weiter, sind bald nur noch große Solarparks möglich und die Dächer bleiben leer.

Die Wirtschaftskrise infolge der Corona-Pandemie sorgt auch dafür, dass der Solardeckel wohl erst im Laufe des Sommers erreicht wird. Allerdings behindert gleichzeitig ein zweiter Deckel den Photovoltaik-Ausbau.

Mit mindestens einer "Corona-Delle" beim Ausbau der Photovoltaik rechnet der Bundesverband Solarwirtschaft. Vor allem größere Projekte sieht der Branchenverband gefährdet – wegen längerer Lieferzeiten und weil wegen fehlenden Personals im Handwerk und bei den Entscheidern in Bauämtern und kommunalen Gremien vorgeschriebene Fristen nicht eingehalten werden können.

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Solarexperten der Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) erwarten wegen der Auswirkungen der Corona-Krise, dass der bekannte 52.000-Megawatt-"Deckel" für den Solarausbau erst Mitte des Jahres erreicht wird. Manche Schätzungen hatten damit schon für den April gerechnet.

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Solarbranche schreibt Brief an Merkel

Doch der kleine Aufschub könnte sich als wenig hilfreich erweisen, wenn der durch den Solardeckel ausgelöste Förderstopp in die parlamentarische Sommerpause fällt. Das würde die Nachfrage nach Solardächern „weitgehend zum Erliegen bringen“, heißt es in einem offenen Brief des Bundesverbands Solarwirtschaft. Mehrere mehrere Hundert Unternehmen bitten darin Kanzlerin Angela Merkel (CDU), sich dafür einzusetzen, den Förderstopp für neue Solaranlagen umgehend abzuwenden und den Deckel aufzuheben.

Die Abschaffung des Förderstopps bei 52 Gigawatt installierter Leistung in Deutschland ist in der schwarz-roten Koalition eigentlich beschlossene Sache. Weil Union, SPD und die Länder sich aber noch nicht auf Mindestabstandsregeln für Windräder einigen konnten, ist die Gesetzesänderung noch nicht auf dem Weg. Auf einen Mindestabstand von 1000 Metern zwischen Häusern und Windrädern pochen vor allem Unionspolitiker.

Einspeisevergütung könnte empfindlich sinken

Hinzu kommt: Neben diesem Solardeckel macht sich die Branche auch über einen zweiten, weniger bekannten Deckel Sorgen - den sogenannten "atmenden Deckel".

Der Deckel "atmet" so: Das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) in der Fassung von 2014 legte fest, dass jährlich zwischen 1.700 und 1.900 Megawatt Photovoltaik neu installiert werden können. Alle drei Monate wird dies überprüft. Bleibt der Ausbau in dem Korridor, sinkt die Einspeisevergütung für Photovoltaik-Strom um 0,5 Prozent pro Monat. Liegt der Ausbau über dem Korridor, sinkt die Einspeisevergütung empfindlich um bis zu 2,8 Prozent pro Monat.

Laut einer jetzt veröffentlichten Studie der HTW wird dieser Mechanismus in der nächsten Zeit dazu führen, dass die Vergütung besonders drastisch sinken wird. Die Folge: Solarstromanlagen, die in erster Linie mit den Einnahmen aus der Einspeisevergütung kalkulieren, könnten dann laut der Studie schon in Kürze ihre Kosten nicht mehr decken.

Solarprojekte auf Dächern werden unwirtschaftlich

Ein wirtschaftlicher Betrieb rein netzeinspeisender Solarstrom-Anlagen ist dann nicht mehr möglich, schreiben die HTW-Experten. "Neue Photovoltaik-Projekte auf Wohngebäuden oder Gewerbebetrieben, in denen der erzeugte Solarstrom vor Ort nicht oder nur in geringem Umfang genutzt werden kann, stehen dann vor dem Aus", erklärt Volker Quaschning von der HTW Berlin. Für ihn gleichen die damit verbundenen Auswirkungen für den Solar-Ausbau denen, wenn der 52.000-Megawatt-Deckel nicht (irgendwann) wegfiele.

Die HTW-Forscher halten die "atmende" Deckelung inzwischen für ganz aus der Zeit gefallen. Seit dieser Deckel mit der EEG-Novelle von 2012 installiert wurde, sinkt der Anteil des deutschen Solarmarktes an der weltweiten Produktion deutlich.

Weiter schreiben die Autoren, dass sich zukünftig die Kosten für die Installation der Solar-Anlagen allein schon wegen steigender Löhne erhöhen könnten. Diese machen bei Photovoltaik-Anlagen inzwischen bereits über 50 Prozent der Gesamtkosten aus. Inzwischen scheinen auch langsam die Potenziale zur Kostensenkung ausgereizt, wie aus der Branche zu hören ist.

"Besser noch wäre Erhöhung der Einspeisevergütung"

Eine weitere Branchenerfahrung: Schon seit einiger Zeit rechnen sich viele kleinere und mittlere Photovoltaik-Anlagen nur noch, wenn ein hoher Anteil des erzeugten Stroms selbst verbraucht wird und so unter anderem die Netzentgelte für den Strom entfallen.

"Die Eigenversorgung wirkt zwar wie ein Booster auf die Wirtschaftlichkeit", räumt HTW-Experte Joseph Bergner ein. "Künftig müssen wir aber auch weiter Solaranlagen mit beschränktem Eigenverbrauch realisieren – einfach aus dem Grund, dass nur dann die verfügbaren Dach- und anderen Flächen ausreichend genutzt werden, damit Deutschland seine Ausbauziele bei den Erneuerbaren und letztlich seine Klimaziele erfüllt", so Bergner.

Soll der Ausbau der Photovoltaik in der nächsten Zeit wirklich durchstarten, wird nach Ansicht der HTW-Forscher mindestens eine Aussetzung des atmenden Deckels gebraucht. Bergner: "Besser noch wäre eine Erhöhung der Einspeisevergütung, um auf den Klimaschutzpfad von Paris zu kommen."

"Es geht auch um die Akzeptanz der Energiewende"

Laut einer kürzlich vom Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE) in Freiburg veröffentlichten Studie muss dazu der Photovoltaikausbau in Deutschland bis 2030 jährlich um das Zweieinhalb- bis Dreifache zulegen.

Für die HTW-Experten geht es dabei im Grundsatz auch um die Akzeptanz der Energiewende. Wenn es aus Gründen der Kosteneffizienz nur noch riesige Solar-Freiflächenanlagen anonymer Investoren gibt, bleiben Kommunen und Bürger außen vor.

Teilhabe fördert auch bei Photovoltaik die Akzeptanz, ist sich Bergner sicher und betont, dass hierfür gerade die kleinen und mittleren Solaranlagen wichtig sind, denen gerade die letzte Luft genommen wird.

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Jörg Staude
Keywords:
Photovoltaik | Solarenergie
Ressorts:
Governance
 

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