BIZZ-Exklusiv
30.01.2013

„Ölpreisbindung ist ein Auslaufmodell“

Foto: Eon Ruhrgas
Seit August 2010 steht Klaus Schäfer an der Spitze von Eon Ruhrgas

Klaus Schäfer, Vorstandschef von Eon Ruhrgas, über die Folgen des Schiefergasbooms, Verträge mit Gazprom und neue Infrastruktur.

BIZZ energy today: Herr Schäfer, wie verändert Amerikas Schiefergasrevolution den globalen Gasmarkt?

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Klaus Schäfer: Erdgas verdrängt in den USA die Steinkohle als Energieträger. In der Folge sehen wir bereits jetzt in Europa deutlich niedrigere Preise für Steinkohle. Der zweite Schritt wird der tatsächliche Export des Gases sein, den wir erst in den kommenden Jahren erleben werden. Die Frage ist nur noch, welche Mengen und welche Exportlizenzen von der US-Regierung gewährt werden – Projekte gibt es reichlich. Die Grenze wird eher durch den Staat gesetzt als durch die Kreativität der exportwilligen Unternehmen.

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BIZZ e.t.: Zumindest die globalen Flüssiggasrouten haben sich inzwischen stark verändert. Schließlich findet etwa LNG aus Katar in den USA keine Abnehmer mehr.

Schäfer: Die Liquidität an den europäischen Handelsmärkten ist deswegen vor rund drei Jahren zunächst gestiegen. Weil damals in Europa auch die Nachfrage zurückgegangen war, stieg der Wettbewerbsdruck auf Gas, die Preise sanken. Inzwischen hat sich die Lage wieder normalisiert, da heute ein Großteil des ursprünglich für die USA bestimmten LNG in den asiatischen Raum geht. Dort werden deutlich höhere Preise als in Europa gezahlt.

BIZZ e.t.: Werden LNG-Importe aus den USA den hiesigen Markt umkrempeln?

Schäfer: Das bezweifele ich. Der Großteil dieser Mengen wird ebenfalls auf die pazifischen Märkte gehen. Trotzdem: Auch über den Atlantik hinweg könnte das US-Schiefergas die Märkte beleben. Die Preise werden sich in Europa aber dadurch nicht dramatisch verändern. Rechnet man zum US-Referenzpreis Henry Hub die Kosten für Verflüssigung, Transport und Wiederverdampfung, erreicht man annähernd das derzeitige europäische Preisniveau. Das sieht in Ländern wie Japan oder Südkorea, wo deutlich höhere Preise gezahlt werden, anders aus. Dort wollen LNG-Importeure bereits jetzt eine Preisumstellung auf Henry-Hub-Basis und nicht länger ölindexierte Preise. Diese Entwicklung wurde im Grunde durch die erwarteten Exporte aus den USA ausgelöst. 

BIZZ e.t.: Hat die traditionelle Bindung des Gaspreises an den Ölpreis noch eine Zukunft? 

Schäfer: Für mich ist die Ölpreisbindung ein Auslaufmodell. Der Gasmarkt besitzt inzwischen so viel Transparenz und Liquidität, dass er der Bindung an eine Wettbewerbsenergie nicht mehr bedarf. Dazu kommt, dass Gas weltweit stark wächst und zum Beispiel in den USA in der nächsten Dekade das Öl als wichtigsten Energieträger verdrängen wird. Warum soll sich dann noch der größere Energieträger am kleineren orientieren? Da wackelt doch der Schwanz mit dem Hund. 

BIZZ e.t.: Was sagen denn ihre russischen Handelspartner, wenn Sie so argumentieren?

Schäfer: Gazprom betont konstant die Notwendigkeit der Ölpreisindexierung. Aus deren Sicht irrt der Markt. Für mich, der an den Markt glaubt, ist das eine eher schwierige Aussage. Es gibt nahezu keinen Kunden mehr, der noch Wert auf die Ölpreisindexierung legt. Das müssen Lieferanten bei ihren Angeboten beachten. 

BIZZ e.t. | Wie wollen Sie als Kunde dabei den Druck erhöhen?

Schäfer: Wir haben ein breit aufgestelltes Bezugsportfolio mit verschiedenen Lieferanten, bei denen die Entwicklung von der Ölpreisindexierung zur marktbestimmten Preisfindung bereits akzeptiert wird. Es geht auf der einen Seite um die Nachverhandlung von Altverträgen, auf der anderen Seite um das Aushandeln neuer Verträge, bei denen man natürlich vertragsfrei ist. Ich glaube nicht, dass heute in den Kernmärkten Europas ein neuer langfristiger Gasvertrag noch auf Ölpreisindexierung abgeschlossen wird. 

BIZZ e.t.: Vor wenigen Wochen hat Gazprom mit dem Bau der South-Stream-Pipeline begonnen. Entsteht da nicht zusätzliche Konkurrenz für kaspisches Gas?

Schäfer: In South-Stream sehe ich kein Konkurrenzprojekt für Tap oder Nabucco-West. Entscheidend ist, welches Gas schlussendlich durch die Pipelines läuft. Wenn es dieselbe Herkunft hätte, würden die Projekte konkurrieren. Aus Aserbaidschan kommt jedoch kaspisches Gas, aus Russland russisches. Wenn das Gas dann in Europa angekommen ist, wird es sich natürlich gegenseitig Konkurrenz machen. Das ist aber gut für die Verbraucher. 

BIZZ e.t.: In Konkurrenz zu der von Ihnen unterstützten Tap-Pipeline steht Nabucco-West. Ende 2012 hat RWE den Ausstieg aus dem Konsortium verkündet. Wie haben Sie darauf reagiert?

Schäfer: Wenn Anteilseigner eines Wettbewerbsprojekts merken, dass sie auf das falsche Pferd gesetzt haben, nimmt man das sicherlich zur Kenntnis. Ich gehöre dann aber nicht zu den Leuten, die in Jubelstürme ausbrechen.
Die Entscheidung zwischen den beiden Projekten steht in den kommenden Monaten schließlich noch an – erst dann ist die Zeit, sich zu freuen oder eben nicht. Die Sponsoren hinter dem Gasfeld im Kaspischen Meer, der aserbaidschanische Staatskonzern Socar, BP, Statoil und Total, werden am Ende die Entscheidung treffen. Sie haben mit beiden Projekten bereits Verträge über die Option eines Einstieges abgeschlossen. 

BIZZ e.t.: Aserbaidschans Staatskonzern Socar hat in Österreich bereits Tankstellen gebaut. Welche Zukunft hat Gas im Transportsektor? 

Schäfer: So schwierig die Wettbewerbssituation für Gas gegenüber Kohle gegenwärtig ist: Gegenüber Diesel und Benzin ist das Potenzial riesig. Im Blue Corridor Projekt haben wir zusammen mit Gazprom gezeigt, dass man in gasbetriebenen Fahrzeugen von Russland aus durch verschiedene Transitländer bis nach Deutschland kommt. Und der Schiefergasboom führt in den USA dazu, dass Gasfahrzeuge auch im Langstrecken- und LKW-Bereich stark im Kommen sind. Wir erwarten, dass uns dieser Impuls hierzulande hilft, das Thema voranzutreiben.

BIZZ e.t.: Gibt es in Deutschland genügend Tankstellen für Gasfahrzeuge?

Schäfer: Die Erdgaswirtschaft hat bundesweit schon knapp 1.000 Tankstellen aufgebaut – und zwar nicht in erster Linie in Hinterhöfen von Stadtwerken, sondern an großen Straßen und Autobahnen. Italien hat bei gleicher Zahl an Tankstellen achtmal so viele Fahrzeuge. Die Infrastruktur ist inzwischen da. Es ist wirtschaftlicher, Erdgas zu tanken und auch im Hinblick auf die Umwelt liegen die Argumente auf dem Tisch. Was fehlt, ist die Breite an Fahrzeugen. Erdgasfahrzeuge haben den Durchbruch geschafft, wenn sie bei den Herstellern ganz normal als dritte Alternative zu Diesel oder Benzin gelistet sind.

Klaus Schäfer

...steht seit August 2010 an der Spitze von Eon Ruhrgas. Der Diplomkaufmann begann seine Karriere als Analyst bei Morgan Stanley. Mitte der neunziger Jahre stieg Schäfer beim Eon-Vorläufer-Unternehmen Viag ein. Der 45-Jährige  ist seit 2011 ebenfalls Vorstandschef der Eon Trading.

 
Das Interview erscheint in der Februar-Ausgabe von BIZZ energy today - im Handel verfügbar ab dem 31. Januar. 

 

Joachim Müller-Soares
Daniel Seeger
Keywords:
BIZZ-Exklusiv | Klaus Schäfer | Eon Ruhrgas | Erdgas | Erdgasauto | Schiefergas
Ressorts:
Markets | Community

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