BIZZ-Exklusiv
23.04.2013

„Überförderungen abbauen“

Naturstrom
Naturstrom-Vorstand Oliver Hummel

Oliver Hummel, Vorstand des Ökostromversorgers Naturstrom, über mögliche Folgen des neuen Kapitalanlagegesetzbuches und die Kosten der Energiewende

BIZZ energy today: Herr Hummel, Sie warnen Finanzminister Schäuble vor den Folgen des neuen Kapitalanlagegesetzbuches für die Energiewende. Wo genau liegt das Problem? 

Anzeige

Oliver Hummel: Die geplanten Regeln würden es für Bürger schwieriger machen, in erneuerbare Energien zu investieren. Wer künftig Geld für einen Windpark einsammeln will, müsste sehr harte Registrierungs- und Berichtspflichten erfüllen und strenge Vorgaben für das Risiko- und Liquiditätsmanagement einhalten. Bei Ein-Objekt-Fonds, wenn etwa eine Dorfgemeinschaft in ein Windrad investiert, soll der Mindestanlagebetrag künftig bei 20.000 Euro liegen. Diese Regeln sind für dezentrale Energiegenossenschaften ein großes Hindernis.

Anzeige

Was wäre die Konsequenz?

Das bürgerschaftliche Engagement würde zum Erliegen kommen. Wenn ich die Anforderungen für kleine Gesellschaften hochschraube, wird es schwieriger für sie. Dann kommt ein großer Anbieter zum Zug, etwa ein Energieversorger, der die Vorgaben leicht erfüllen kann, weil er über die Struktur verfügt. 

Aber der Anlegerschutz wäre gestärkt. Darauf zielt das Gesetz ab...

Mehr Schutz für die Verbraucher ist löblich. Wenn dies aber dazu führt, dass Verbraucher gar nicht mehr direkt in Energieprojekte investieren können, läuft doch etwas falsch.

Derzeit rücken die steigenden Kosten der Energiewende immer stärker in den Fokus. Wie bewerten Sie als Grünstromhändler diese Debatte?

Die Diskussion ist zu sehr auf die Kosten und zu wenig auf den Nutzen der erneuerbaren Energien fokussiert. Sie senken den Börsenstrompreis und schaffen Wertschöpfung. Minister Altmaier vergleicht in seiner Kostenrechnung zudem häufig Äpfel mit Birnen.

Inwiefern?

Indem er die Produktionskosten einer Windanlage mit denen eines abgeschriebenen Kohlekraftwerkes vergleicht. Wenn ich schon erneuerbare mit fossilen Energien vergleichen will, muss ich neue Anlagen neuen Anlagen gegenüberstellen. Eine moderne Windanlage an einem guten Standort hat Gestehungskosten von 6 Cent pro Kilowattstunde. Ein neues Kohlekraftwerk kommt auf 8 oder 9 Cent. 

Dennoch steigt die Umlage für das Erneuerbaren-Energien-Gesetz (EEG).

Weil sie falsch konstruiert ist. Je tiefer der Börsenstrompreis fällt, desto höher steigt die Umlage. Die Umlage kann theoretisch steigen, ohne dass ein einziges Kilowatt neu installiert wird. Aber unabhängig davon müssen natürlich die Kosten wie bisher weiter sinken. So müssen die Befreiungen der Industrie von der EEG-Umlage reduziert werden. Außerdem sollten Überförderungen in bestimmten Bereichen des EEG vermieden werden. So sollte die Förderung beziehungsweise der Ausbau der noch relativ teuren Offshore-Windkraft reduziert werden. Auch bei der günstigen Windkraft an Land gibt es bei besonders guten Windstandorten in Küstennähe Möglichkeiten zur Reduktion der Förderung. Auch die Verbraucher können etwas gegen steigende Preise tun.

Wie das?

Jeder hat die Freiheit, den Stromanbieter zu wechseln, wenn dieser etwa gesunkene Handelspreise nicht weitergibt. 

Wie können die erneuerbaren Energien insgesamt marktfähiger werden?

Die Frage, wann der Strom erzeugt wird, wird immer wichtiger. Das muss auch im EEG eine Rolle spielen. Aktuell kann es angesichts der gesicherten Einspeisevergütung dem Erzeuger im Prinzip egal sein, ob sein Strom gerade gebraucht wird oder nicht. Das wird sich in Zukunft ändern müssen.

Oliver Hummel 

...sitzt seit 2011 im Vorstand von Naturstrom. Das Düsseldorfer Unternehmen versorgt 225.000 Kunden mit Grünstrom.

Foto Startseite: Nordex

 

 

Karsten Wiedemann
Keywords:
Naturstrom | Oliver Hummel | Bürgerwindpark
Ressorts:
Finance | Markets

Neuen Kommentar schreiben

 

Newsletter bestellen – Wunschausgabe erhalten

Jetzt den wöchentlichen
Newsletter bizz energy weekly abonnieren
und eine Ausgabe
Ihrer Wahl kostenlos erhalten.

Hier geht es zur Aktion!

 
 

bizz energy Research

Energie, Digitalisierung und Mobilität.
Unsere Factsheets bieten visualisierte Daten, liefern Fakten und stellen Zusammenhänge zu den Top-Themen der Energiewende dar.


Mehr Informationen