BIZZ-Exklusiv
26.11.2014

„Überraschende Ereignisse“

Benyamin Rahmani

Der EWE-Vorstandsvorsitzende Werner Brinker über Demokratisierung, Digitalisierung und Kannibalisierung in der Energiewirtschaft.

_BIZZ energy today | Herr Brinker, wie digital ist Ihre Branche?

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_Werner Brinker | Die Entwicklung geht von der Zentralisierung zur Demokratisierung. Früher hatten wir rund 400 Kraftwerke in Deutschland, heute gibt es Millionen kleiner Anlagen, die müssen alle vernetzt gesteuert werden, um die Netzstabilität zu sichern. Damit sind wir automatisch in der Welt der digitalen Energiewirtschaft. 

_Wie reagieren Sie als Vorstandschef darauf?

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_Brinker | Wir haben das frühzeitig erkannt und haben den Bereich Telekommunikation schon ab 1996 aufgebaut. Unsere TK- und IT-Töchter beschäftigen heute 3.000 Mitarbeiter bei einem Umsatz in Höhe von ca. 600 Millionen Euro. Unsere IT-Tochter BTC wird künftig in den Bereichen Netzsteuerung und Smart Home wachsen. Steuern Haushalte ihre Energienutzung bewusster und intelligenter – zum Beispiel bei Beleuchtung, Wäschetrocknern, Heizung und dem Einsatz selbsterzeugten Solarstroms –, können im zweistelligen Prozentbereich die Netze entlastet und der Verbrauch gesenkt werden. Auch die intelligente Steuerung des Industriekundenverbrauchs wird wichtiger.

_Wird Ihre Branche bei den digitalen Themen in Brüssel weiter mit EU-Kommissar Günther Oettinger über Bande spielen?

_Brinker | Günther Oettinger hat sich in seiner Zeit als EU-Energiekommissar bestens in die Digital-Themen der Energiewirtschaft eingearbeitet. Eigentlich ist Oettinger seit dem 1. November nicht nur EU-Kommissar für digitale Wirtschaft, sondern auch für digitale Energiewirtschaft. Von daher wird er auch sicher ein Ansprechpartner für uns sein.

_Werden Elektroautos als dezentrale Stromspeicher wichtig?

_Brinker | Elektroautos sind für die Energiewende enorm wichtig, um unsere Klimaschutzziele zu erreichen. Aber ihre Rolle als Speicher sollte man nicht überschätzen. Studien gehen davon aus, dass E-Autos maximal vier Prozent des deutschen Stromverbrauchs speichern können. Selbst wenn 40 Millionen reine E-Autos auf deutschen Straßen fahren würden, könnten die rechnerisch gerade mal zehn Prozent des bundesweit benötigten Stroms speichern.

_Halten Sie das Ziel der Kanzlerin – eine Million E-Autos bis 2022 – für realistisch?

_Brinker | Sicher nicht, wenn es bei den aktuellen Zulassungszahlen von rund 7.000 E-Autos pro Jahr bleibt. Aber wer weiß, vielleicht werden Elektroautos ja plötzlich viel populärer, als Folge überraschender Ereignisse. Ausgeschlossen ist das jedenfalls nicht. Es gibt Hinweise darauf, dass wir bald mit einer Reichweite von 500 Kilometern bei reinen Elektroautos rechnen können.

_Was könnte denn einen E-Auto-Boom auslösen?

_Brinker | Ich erinnere mich an den Skifahrer Willy Bogner, der in den Siebziger Jahren einen Vorgänger des Walkman einführte, um Mozarts Kleine Nachtmusik auf der Skipiste zu hören. Das interessierte kaum jemanden. Aber als Sony dann seinen eigenen Walkman im großen Stil einführte, war das plötzlich ein Riesenerfolg. Warum sollten nicht analog dazu auch E-Autos plötzlich boomen – wenn jemand ein schönes, nicht zu teures elektrisches Fahrzeug mit guter Reichweite auf den Markt bringt. Wenn dann zusätzlich die Batterien deutlich billiger werden, kann es durchaus sein, dass sich die Verkaufszahlen von E-Autos verzehnfachen.

_Wie bewerten Sie das Grünbuch zum künftigen Energiemarkt, das Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel gerade vorgestellt hat?

_Brinker | Im Grünbuch stecken gute Ansätze, zum Beispiel beim intelligenten Einspeisemanagement. Es ist ebenfalls richtig, den Regelenergiemarkt weiterzuentwickeln: Er ist nicht nur ein wichtiger Baustein für die Versorgungssicherheit, sondern bietet auch Chancen, gut steuerbare Erneuerbare wie Biogasanlagen aus der Förderung in den Markt zu führen. Viele Punkte sind im Grünbuch aber noch wenig konkret. So brauchen Betreiber von flexiblen Kraftwerken wie Gas- und Dampfturbinenkraftwerken, zügig Klarheit über die künftigen Marktbedingungen. Sehr positiv finde ich das klare Bekenntnis, im europäischen Kontext zu denken. Ob es um Fördermodelle, Netzstandards oder Emissionshandel geht – der Weg in eine klimafreundliche Energieversorgung gelingt nur, wenn Europa gemeinsam vorangeht.

_Welche Unternehmen werden am Ende die Gewinner der Energiewende sein?

_Brinker | Gewinner der Energiewende werden die Unternehmen sein, die bereit sind, sich selbst zu kannibalisieren. In dieser Phase des großen Umbruchs muss man bereit sein, sein altes Geschäftsmodell aufzugeben. Das Motto lautet: Weg von den Großkraftwerken, von denen nur einige als Reservekraftwerke bleiben werden, hin zu den Millionen von dezentralen Anlagen. Solar- und Windparks zum Beispiel bieten viele neue Geschäftschancen – insbesondere auch in Verbindung mit Smart Grids, Smart Home und Elektromobilität.

_Können große Energiekonzerne diesen Wechsel überhaupt intern bewerkstelligen?

_Brinker | Sie können, wenn sie mutig sind. Wenn sie diesen Mut nicht haben, werden sie über kurz oder lang nicht mehr da sein.

 

Werner Brinker führt den Oldenburger Versorger EWE, der mit acht Milliarden Euro Umsatz zu den größten der Branche zählt. Der promovierte Bauingenieur, seit 30 Jahren in der Energiewirtschaft, leitet zudem das Forum für Zukunftsenergien. Im Oktober 2015 wird Brinker den EWE-Chefposten an Matthias Brückmann abgeben.

 

 

Dieser Beitrag erschien in der November-Ausgabe von BIZZ energy today. Das aktuelle Printmagazin von BIZZ energy today gibt es u.a. bei unserem Leserservice unter Tel. 040 / 41 448 478.

Joachim Müller-Soares
Keywords:
EWE | Werner Brinker | Digitalisierung | Energiewirtschaft
Ressorts:
Finance | Technology | Markets

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