Versicherer
17.09.2012

„In Trippelschritten vorwärts“

Allianz
Allianz-Mann Armin Sandhövel über die Chancen der Energiewende

Interview mit Armin Sandhövel, CEO der Allianz Climate Solutions, über die Bedingungen für den Einstieg der Versicherer in die Energiewende und über globalen Klimaschutz

BIZZ energy today: Herr Sandhövel, warum investiert die Allianz in die deutsche Energiewende?
Armin Sandhövel: Kurz gesagt: Die Renditen dort sind attraktiv. Versicherer müssen ihren Kunden einen bestimmten Garantiezins zahlen, im Durchschnitt rund vier Prozent bei Alt- und Neuverträgen. Diese Zinsen müssen wir am Kapitalmarkt erzielen. Ein übliches Versicherungsportfolio besteht in der Regel zu 90 Prozent aus Staats- und Unternehmensanleihen. Investitionen mit hoher Verzinsung findet man vor allem bei alternativen Investments – die gibt es im Kernbereich der Energiewende. Die Allianz selbst hat im Bereich der erneuerbaren Energien 1,3 Milliarden Euro investiert. Darunter sind Solarparks in Apulien, Windparks in Sachsen-Anhalt und auf Sizilien.

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Wo liegen denn die Schwierigkeiten bei der finanzmathematischen Risiko-Bewertung? Welche Fragen sind noch offen?
Sandhövel: Die Risiken bei der Finanzierung von erneuerbaren Energien sind auf der Eigen- und Fremdkapitalseite von der Risikostruktur her sehr ähnlich. Anlagen in der Eurozone bergen keine Währungsrisiken, also stehen vor allem technische Fragen rund um Bau und Betrieb im Vordergrund. Gerade bei Offshore-Windenergie hat man mit großtechnologischen Risiken zu rechnen. In der Vergangenheit gab es in diesem Bereich viele Schäden; wir mussten zunächst unsere Erfahrungen sammeln und auswerten. 

Wie wurde ausgewertet und mit welchem Fazit?
Sandhövel: Die Versicherer haben Schadensdatenbanken aufgebaut. Im Solarbereich haben wir mittlerweile etwa zehn Jahre Erfahrung. Als chinesische Module auf den Markt kamen, warf das sofort Fragen auf: Sind die so gut wie die deutschen ? Was ist mit der Garantie, wenn die Module nach einer Weile ausgetauscht werden müssen ? Sind die Unternehmen dann noch existent ? Die Module haben wir damals extern prüfen lassen. Nach anfänglicher Skepsis stellte sich schnell heraus, dass chinesische Solarmodule mindestens genauso gut waren. Die werden mittlerweile sogar hauptsächlich verbaut, und das spricht für sich. Die Onshore-Windkraft ist heute ein etablierter Bereich, da können wir sogar auf einen Erfahrungsschatz von 15 Jahren zurückblicken. Aber im Bereich Offshore machen wir erst jetzt bestimmte Erfahrungen.

Wie alle Finanzinvestoren dürfen Versicherungen nicht gleichzeitig in Netze und in Produktionsanlagen anlegen. Nervt Sie das?
Sandhövel: Diese EU-Vorschrift soll oligopolistische Strukturen in der europäischen Energiewirtschaft aufbrechen. Da wir bereits in Erzeugungsanlagen investiert haben, darunter Wind- und Solarparks, wirft das Fragen beim Thema Netze auf. Die EU-Kommission arbeitet nach unseren Informationen an einer Auslegungsnotiz, die Einzelfallregelungen vorsieht, um den Investoren eine gewisse Planungssicherheit zu geben. Darauf warten wir jetzt. Noch haben wir nicht in Netze investiert.

Wurde Ihnen bereits politischer Wille signalisiert, diese doppelten Investitionen zu ermöglichen?
Sandhövel: Anders sind die Kosten der Energiewende nicht zu stemmen. Deshalb gibt es natürlich politisches Interesse und Signale, dass private Investoren im Netz- und Erzeugungsbereich gleichzeitig aktiv werden dürfen. Allerdings lässt sich eine Vorgabe der EU auf die Schnelle nicht kurzfristig ändern. Das sind lange Entscheidungsprozesse, die auch von anderen Mitgliedsstaaten abhängen, in denen die Probleme andere sind als  in Deutschland. Im nächsten Jahr, denke ich, werden wir zumindest erst mal Zwischenlösungen bekommen.

Wie könnten denn solche Zwischenlösungen aussehen?
Sandhövel: Ich könnte mir gewisse Einzelfallregelungen vorstellen. Ist man beispielsweise zusätzlich in Infrastruktur investiert, könnte die Auslegung so interpretiert werden, dass man damit nicht gegen die Direktive verstößt. 

Wollen Sie in Stromnetze investieren?
Sandhövel: Natürlich haben wir Interesse daran, in verschiedene Strukturnetze zu investieren. Sonst bräuchten wir ja unser Infrastruktur-Team nicht.

Was muss denn noch geklärt werden?
Sandhövel: Zentral ist, dass wir einen Offshore-Masterplan zu sehen bekommen. Auch die Eigenkapitalanforderungen gemäß Solvency II bergen einige Hindernisse. Wir plädieren schon seit geraumer Zeit dafür, eine eigene Risikokategorie „Infrastruktur bei erneuerbaren Energien“ zu schaffen. Denn in diesem Bereich sind die Risiken deutlich geringer als bei anderen Infrastrukturkategorien: Wir haben hier eine relativ stabile Stromabnahme durch Netzentgelte und Einspeisevergütungen. 
Gemäß Solvency II müssen wir Investitionen in erneuerbare Energien nach dem Standardmodell mit 49 Prozent Eigenkapital unterlegen. Diese Risikokategorie entspricht ungefähr der Internet-Aktie eines Entwicklungslandes. Das ist zu hoch. Da sind wir mit dem Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft einer Meinung. 

Welche Grenze würden Sie sich wünschen?
Sandhövel: 20 bis 30 Prozent als erforderliche Eigenkapitalquote fände ich angemessen.

Sind deutsche Versicherer bei Energie-Investments weltweit Vorreiter?
Sandhövel: Bei Versicherungen in Skandinavien oder Holland hat das Interesse ebenfalls zugenommen. Das Thema ist sicher auch bei den institutionellen Investoren an der Wall Street und in Tokio angekommen; die legen ihr Geld natürlich auch im eigenen Land an. 

Welche Rolle spielt der Klimaschutz für Versicherungen?
Sandhövel: Klimabedingte Naturkatastrophen sind ein großes Thema und spielen eine wichtige Rolle in den Bilanzen. Bisher hatten wir ein relativ gutes Jahr, aber in der Vergangenheit haben die Schäden durch Naturkatastrophen stetig zugenommen. 
Wir versuchen, unser Fachwissen mit der Öffentlichkeit zu teilen und sind seit vielen Jahren auf Klimaverhandlungskonferenzen vertreten, wie viele andere Versicherer und Finanzinstitute auch. Wir reden mit staatlichen Vertretern ebenso wie mit Nichtregierungsorganisationen, den NGOs.

Warum ist Klimaforschung für Sie wichtig?
Sandhövel: Versicherer wollen ganz genau wissen, ob sich Schäden so entwickeln, wie sie prognostiziert sind, etwa als Folge von Überschwemmungen oder Dürren. Daraus leiten wir ab, welchen Versicherungsschutz wir gewähren können, etwa im Agrarbereich. Solche eigenen Daten teilen wir auch mit anderen. Sie sind die Grundlagen für einen Versicherungskonzern.

Was wird der nächste Weltklimagipfel in Katar bringen? Ein neues Klimaabkommen, das diesen Namen verdient?
Sandhövel: Daran glaube ich nicht. Wir bewegen uns auf diesen Weltklimagipfeln seit geraumer Zeit in Trippelschritten vorwärts.

Wird Katar trotzdem Fortschritte bringen?
Sandhövel: Ein Schwerpunkt dürfte in Katar auf den Green-Climate-Funds liegen, durch die Industrieländer den Entwicklungsländern Finanzierungstranchen zukommen lassen. Das ist wenigstens etwas.
Ich werde in jedem Fall beim Weltklimagipfel dabei sein. Der ist für uns eine ganz wichtige Plattform – und zeigt uns, wohin die politischen Entwicklungen gehen.

Armin Sandhövel
ist als CEO von Allianz Climate Solutions für Energie- und Klimaprojekte des Versicherungsriesen zuständig. Zuvor war er Head of Carbon Risk bei der Dresdner Bank. Sandhövel studierte Umwelt- und Ressourcenökonomie und promovierte in Oldenburg zum Thema Emissionshandel. Er sitzt unter anderem auch im Aufsichtsrat der Deutschen Energie Agentur (Dena).

Tina Gilic
Joachim Müller-Soares
Keywords:
Netzausbau | Klimawandel | Offshore Wind
Ressorts:
Finance

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