Interview mit BNE-Vorstandschef
27.09.2012

„Das grenzte an Erpressung“

Jan Pauls Fotografie

Ein Interview mit Hans-Martin Huber-Ditzel, der Enovos Energie und den Branchenverband BNE führt, über Notmaßnahmen und Kapazitätsmärkte.

BIZZ energy today: Herr Huber-Ditzel, die Bundesregierung will Energieerzeuger zwingen, Kraftwerke auch dann am Netz zu lassen, wenn sie damit kein Geld verdienen – zum Schutz vor Stromausfällen im kommenden Winter. Macht das Sinn?

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Hans-Martin Huber-Ditzel: Im nächsten Winter soll niemand frieren müssen, daher geht das als kurzfristige Notmaßnahme in Ordnung. Das Vorgehen einzelner führender Konzerne, bei der Bundesnetzagentur Prämien für den Weiterbetrieb einiger Kraftwerke zu erzwingen, war hingegen nicht in Ordnung. Das grenzte an Erpressung – die Bundesregierung musste handeln. Allerdings doktert sie mit der jetzt angekündigten Maßnahme nur an Symptomen herum. Insgesamt müssen wir die Versorgungssicherheit durch mehr Wettbewerb im Erzeugermarkt erhöhen.

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Welche Rolle sollten dabei die viel zitierten Kapazitätsmärkte spielen?

Huber-Ditzel: Niemand in der Branche bezweifelt, dass wir Kapazitätsmärkte brauchen. Über deren Ausgestaltung kann man zwar trefflich streiten, fest steht aber: Das Abnahme- und Verbrauchsverhalten von Haushalten und der Industrie ist relativ starr. Wenn die Sonne mal nicht scheint oder der Wind nicht weht, muss trotzdem Leistung zur Verfügung stehen. Das ist die zentrale Herausforderung der Energiewende. Mit Kapazitätsmärkten kann man Angebot und Nachfrage aneinander anpassen.

Reicht es dazu nicht aus, bestehende Gas- und Kohlekraftwerke entsprechend hochzufahren? Das hat früher doch auch funktioniert…

Huber-Ditzel: Das Problem liegt in der Größenordnung der in den Markt strömenden erneuerbaren Energien und dem politischen Ziel, deren Anteil zügig auf 50 bis 80 Prozent hochzuschrauben. Mit der Abhängigkeit von fluktuierendem Strom aus Sonne und Wind wird das Thema Kapazitätsmärkte immer wichtiger. Sonst werden neue Gaskraftwerke erst gebaut, wenn es bereits Versorgungsengpässe gibt – also zu spät.

Wenn es aber einen Bedarf gibt, dann werden doch Unternehmen automatisch Kraftwerke bauen, insbesondere flexible GuD-Anlagen, oder?

Huber-Ditzel: Wir wissen, dass sich neue Gaskraftwerke momentan nicht rechnen. Der Gaspreis ist noch relativ hoch, die Summe aus Strompreis und CO2-Zertifikatepreis relativ niedrig.

Was ist, wenn die EU in den Markt eingreift und die CO2-Zertifikate verknappt? Bei steigendem CO2-Preis rechnen sich dann doch neue Gaskraftwerke, oder?

Huber-Ditzel: Durch die Verknappung von Zertifikaten den Preis zu manipulieren, ist zwar eine Möglichkeit, es wäre aber wieder ein Eingriff in den Markt, den wir als BNE lange nicht so gut finden wie eine Lösung über Wettbewerb im Markt.

Ihnen wäre also ein politisch bestimmter Kapazitätsmarkt lieber?

Huber-Ditzel: Ja. Investitionen in Gaskraftwerke sind langfristig – die betriebswirtschaftlichen Investitionszeiträume liegen bei mehr als 20 Jahren –, deshalb brauchen wir verlässliche Rahmenbedingungen, die sind derzeit nicht gegeben. Kapazitätsmärkte könnten wie eine übergeordnete „fünfte Regelzone“ funktionieren.

Wir haben doch schon vier Regelzonen in Deutschland. Und Sie wollen noch eine?

Huber-Ditzel: Nein. Wir sagen nur, dass die Ausschreibungen für Kapazitätsmärkte ähnlich laufen und ebenfalls von der Bundesnetzagentur organisiert werden könnten. Wichtig ist ein Auktionsverfahren unter Wettbewerbsbedingungen, also diskriminierungsfrei. Zudem müssen möglichst viele Unternehmen an der Auktion teilnehmen.

Nur aus Deutschland oder aus ganz Europa?

Huber-Ditzel: Aus ganz Europa. Bei der Regelenergie gab es dafür schon Beispiele. Wir hatten im vergangenen Winter, als es so kalt war, Netzengpässe. Damals hat ein altes Ölkraftwerk in Österreich, das noch in Reserve war, für die Netzstabilität in Deutschland gesorgt.

Sollten bestehende Gas- und Kohlekraftwerke in die Auktionen einbezogen werden oder nur Neubauten?

Huber-Ditzel: Eine Begrenzung nur auf neue Kraftwerke ist in der Praxis schwierig. Zudem gibt es einen wichtigen energiewirtschaftlichen Aspekt: Wir müssen das Problem lösen, dass viele Kraftwerksbetreiber nach und nach Kapazitäten abbauen, die sich nicht mehr rechnen. Die Anzahl der konventionellen Kraftwerke geht in Relation zu der wachsenden erneuerbaren Energieerzeugung zurück. Das verschärft das Problem der Netzstabilität.

Sollten alle bestehenden Gas- und Kohlekraftwerke einbezogen werden?

Huber-Ditzel: Eher nicht. Es stellt sich sicher die Frage, ob es Sinn macht, alte Kraftwerke mit hohen CO2-Emissionen für die Stabilität einzusetzen. Immerhin ist der Klimaschutz ein Hauptargument für die Energiewende.

Die Auktionen sollten also so gestaltet werden, dass alte CO2-Schleudern nicht mitmachen?

Huber-Ditzel: Ja, wobei wir wieder beim Thema CO2 wären. Bei höheren Zertifikatpreisen würde das der Markt regeln, im Moment haben wir aber sehr niedrige CO2-Preise.

Die großen Vier, RWE, Eon, EnBW und Vattenfall, pochen darauf, dass ihre bestehenden Gas- und Kohlekraftwerke mit einbezogen werden.

Huber-Ditzel: Verständlicherweise, das würde ich an ihrer Stelle auch. Aber die CO2-Emissionen einzelner Anlagen müssen dabei aus meiner Sicht zwingend berücksichtigt werden, wenn man es mit dem Klimaschutz ernst meint.

Die großen Vier dominieren auch die Regelzonen. Weil Sie das Thema vorhin schon angesprochen haben: Wie viele Regelzonen halten Sie in Deutschland für angemessen?

Huber-Ditzel: Als BNE fordern wir seit langem, aus den vier bestehenden eine einzige bundesweite Regelzone zu machen. Der Status Quo ist historisch bedingt. Es gab vier große Versorgungsunternehmen, die auch die Versorgungsnetze betrieben und regelten; daraus resultieren die vier heutigen Regelzonen. Mittlerweile sind bei den Übertragungsnetzen teilweise neue Gesellschafter eingestiegen. Mit denen sollte die Bundesregierung nach unserer Meinung über eine einzige deutsche Regelzone verhandeln. Übrigens gibt es auch im Gasmarkt noch zu viele Marktgebiete. Deren Zahl ist seit der Liberalisierung immerhin von neunzehn auf zwei reduziert worden, nicht zuletzt auf ständigen Druck des BNE hin. Trotzdem gilt: Auch beim Gas wäre ein einziges Marktgebiet ideal für den Wettbewerb.

Wieso gibt es eigentlich eine Primär-, Sekundär- und Minutenreserve innerhalb der Regelzonen?

Huber-Ditzel: Es geht darum, die 50 Hertz Netzfrequenz konstant zu halten. Aus diesem Grund gibt es die verschiedenen abgestuften Vorhaltungen von Regelenergie: die Primär-, Sekundär- und Minutenreserve. Sofern man die Kriterien erfüllt, kann man in jedem Segment an Ausschreibungen der Bundesnetzagentur teilnehmen.

Und dafür gibt es heute schon eine Prämie?

Huber-Ditzel: Der Besitzer eines Kraftwerksparks muss bestimmte Kriterien erfüllen. Dann kann er an den von der Bundesnetzagentur überwachten Ausschreibungen teilnehmen. Im Prinzip funktioniert das folgendermaßen: Werden Mengen nachgefragt, gebe ich ein Angebot ab. Wenn ich dann den Zuschlag bekomme, muss ich diese Leistung vorhalten, bis sie vom Übertragungsnetzbetreiber abgerufen wird. Dann muss ich mein Kraftwerk laufen lassen. Die geleistete Arbeit wird separat vergütet. Es gibt verschiedene Anbieter für Regelenergie im Markt, die alle gewinnorientiert agieren. Letztendlich werden die Übertragungsnetzbetreiber stets den günstigsten Anbieter auswählen.

Die Stadtwerke fordern ebenfalls einen Kapazitätsmarkt. Wo liegen die Unterschiede zu Ihren Vorstellungen?

Huber-Ditzel: Die Energiewende ist vielfältig und geht dezentral vonstatten. Jedes der fast 900 Stadtwerke setzt sich zwar mit dem Thema Energiewende auseinander, aber leider sehr unkoordiniert. Das Vorantreiben der Energiewende mit so vielen nicht aufeinander abgestimmten Stadtwerken ist natürlich schwierig. Wir fordern anstelle dieses Flickenteppichs eine gesamteuropäische Betrachtungsweise, übrigens nicht nur für Kapazitätsmärkte, sondern auch für die Bereiche Netzausbau und Netzstabilität.

Apropos Flickenteppich: Stört Sie die hohe Zahl kommunaler Verteilnetze?

Huber-Ditzel: Ja, und noch mehr stört mich die hohe Zahl der Ausnahmen bei der Regulierung. Die Zahlen sprechen für sich: 794 der 869 Stromverteilnetzbetreiber sind von vielen Bereichen der Regulierung ausgenommen, weil sie weniger als 100.000 Kunden haben. Das ist eine Folge der De-minimis-Regel, die Brüssel nicht zuletzt auf deutschen Druck in die EU-Richtlinie aufgenommen hat. Halten wir fest: Mehr als 90 Prozent der Stadtwerke müssen kaum Transparenzregeln befolgen und der Bundesnetzagentur somit auch so gut wie nichts über ihre individuellen Netzausbaupläne oder über ihre Netzmodernisierung berichten. Das macht die bundesweite Koordination des Netzausbaus sicher nicht einfacher, um es diplomatisch zu formulieren. Anders gesagt: Diese Regel ist ein Unding.

Wie viele Netzbetreiber braucht Deutschland?

Huber-Ditzel: Mit Sicherheit nicht 869 Verteilnetzbetreiber allein im Strombereich. 50 Betreiber genügen völlig, lieber wären mir sogar nur 30. Fusionen, Übernahmen und Kooperationen auf breiter Front würden Synergien heben, den Betrieb effizienter machen, die Energiewende vereinfachen – und letztendlich allen Kunden erhebliche Kostenvorteile bescheren.

Zur Person: Hans-Martin Huber-Ditzel

...ist Vorstandsvorsitzender des Bundesverbandes Neuer Energieanbieter (BNE). In dem genau zehn Jahre alten Verband sind Töchter ausländischer Konzerne wie GdF Suez, mittelständische Energiehändler und Ökostromanbieter wie Lichtblick organisiert. Ihr gemeinsames Ziel: mehr Wettbewerb im Strom- und Gasmarkt. Der promovierte Maschinenbau-Ingenieur Huber-Ditzel führt hauptberuflich Enovos Energie Deutschland, eine Tochter des luxemburgischen Energiekonzerns.

Joachim Müller-Soares
Keywords:
Energiepolitik | Energie | Kohlekraftwerk | Gaskraftwerk | Stromnetz
Ressorts:
Governance

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