BIZZ-Exklusiv
13.05.2013

„Das ist absurd“

Hessens Ex-Ministerpräsident Roland Koch

Bilfinger-Vorstandschef Roland Koch über das Management der Energiewende, geplante Zukäufe und seinen Wechsel von der Politik in die Wirtschaft.

BIZZ energy today: Herr Koch, Sie verdienen in Deutschland Geld mit dem Rückbau von Atommeilern und profitieren gleichzeitig in Finnland vom Ausbau der Kernenergie. Sind Sie als Bilfinger-Vorstandschef ein politischer Opportunist?

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Roland Koch: Bei dieser Frage sehen Sie mich ganz gelassen. Wir sind ja kein Politikbetrieb, sondern ein Dienstleistungskonzern, der von sich behaupten kann, sein Handwerk zu verstehen. Wenn ich eine Sicherungsschleuse für ein Kernkraftwerk einbaue, kann ich die auch wieder ausbauen, wenn das vom Kunden so gewünscht wird. Wir bauen ein Kohlekraftwerk auf Wunsch zu einem Holzhackschnitzelkraftwerk um. Wir bauen Solaranlagen, wir sind das größte Unternehmen beim Errichten von Fundamenten für Offshore-Windmühlen in der Nordsee. Und richtig ist, dass wir auch eine hohe, international anerkannte Expertise im Kraftwerksbereich haben, insbesondere dort, wo Druck und Temperatur hoch sind. Also auch beim Bau von Kernkraftwerken. Diese Kompetenz stellen wir nicht zur Disposition.

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Spielt die deutsche Energiewende Ihnen in die Karten?

Wenn die Politik ihre Strategie ändert, sind wir gefordert, weil wir Infrastruktur, Kraftwerke und Gebäude umbauen können. Regenerative Energien besitzen allerdings häufig ein Element der Kleinteiligkeit. Blockheizkraftwerke können viele Anbieter bauen, Kohle-, Gas- oder Kernkraftwerke dagegen nur wenige. Wenn heute ein Onshore-Windrad irgendwo in Deutschland errichtet wird, kommt die Vorspanntechnik mit 40-prozentiger Wahrscheinlichkeit aus unserem Haus. Bei einem Offshore-Windpark liegt die Wahrscheinlichkeit bei 30 Prozent, dass das Fundament von uns kommt. Wo immer der Wind weht, ist Bilfinger dabei. 

Ist die Energiewende für die deutsche Wirtschaft Segen oder Fluch?

Wenn man die Energiewende gut managt, wird sie am Ende zu einem wirtschaftlichen Vorteil für die gesamte Volkswirtschaft, also für uns alle. Das braucht aber Zeit. Bis dahin dürfen wir die Produktionskosten für unsere Wirtschaft nicht so stark erhöhen, dass wir unsere Wettbewerbsfähigkeit verlieren. Strom muss für industrielle Nutzer erschwinglich bleiben, sonst wandert die Produktion ins Ausland und wir verlieren hierzulande Jobs. Das ist aus meiner Sicht das größte Risiko der Energiewende überhaupt. Wenn es richtig gemacht wird, führt die Energiewende am Ende auch zu mehr Wohlstand, weil Technologiefortschritte und Vorsprünge entstehen, die uns nutzen. Die Energiewende bietet beide Optionen.

Braucht Deutschland einen Energieminister?

Es ist doch eine Illusion, dass ein Mensch alle Probleme lösen kann, nur weil er sich Energieminister nennt. Selbstverständlich bleiben die ökologischen Fragen bestehen, neben den ökonomischen. Wo darf ein Windrad gebaut werden, wo hat das Wattenmeer seine Schutzfunktion, welche Lärmkoeffizienten sollen gelten, dürfen Bäume gefällt werden? Das sind alles keine reinen Energiefragen, sondern weiterhin Umweltfragen. Die Konflikte müssen ausgetragen werden, aber die Konfliktzeiten müssen überschaubar kurz bleiben. Regieren bedeutet auch, die Argumente auszutauschen, dann aber Entscheidungen herbeizuführen und diese konsequent umzusetzen.

Wo gibt es beim Management der Energiewende durch die Bundesregierung Verbesserungsbedarf?

Es geht nicht um Verbesserungsbedarf, es gibt Entscheidungsbedarf. Wichtige Fragen sind noch nicht beantwortet. Vor allem an drei Stellen sehe ich die Politik gefordert. Zu allererst müssen die Strompreise bezahlbar bleiben. Der zweite Punkt betrifft den Bau neuer Stromtrassen, ohne die Offshore-Windparks schlicht Unfug sind. Drittens brauchen wir Backup-Kapazität für unser regeneratives Energiesystem. 

Sind denn die vielzitierten Kapazitätsmärkte für diesen dritten Punkt die Lösung?

Ich räume ein, dass ich keine wirkliche Alternative sehe. Das ist keine sehr befriedigende Lösung. Aber die Alternative wäre ein Quotensystem für Ökostrom, bei dem der gesetzliche Einspeisevorrang für die Regenerativen abgeschafft wird. Das wäre prinzipiell vernünftig, mit einer solchen Entscheidung rechne ich aber derzeit nicht. Wir haben nicht bis 2016 Zeit, über die Frage nachzudenken, wer ein neues GuD-Kraftwerk in Bayern bauen soll. Es wird sechs bis acht Jahre dauern, bis das GuD dort steht, das hat etwas mit Technik, aber natürlich auch mit Genehmigungsverfahren zu tun. Und insofern dürfen wir keine Zeit verlieren, sondern sollten unter den jetzigen Bedingungen eine Entscheidung treffen, die politisch durchsetzbar ist. Derzeit werden mit Geld die ältesten deutschen Kraftwerke am Laufen gehalten. Das ist absurd und darf nur eine Übergangslösung sein. 

Was stört Sie am Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG)?

Zur Einführung von Ökostromanlagen war das EEG in Ordnung. Wir wollen ja alle irgendwann das fossile Zeitalter ablösen, also muss man solche Innovationen auch incentivieren. Das Fatale am EEG ist die Bindung der Ökostrom-Subvention über 20 Jahre. Das bringt eine verdeckte Verschuldung für alle Beteiligten, mit der Folge, dass in bestehenden Anlagen keine Innovation mehr möglich ist. Bei Windkraftanlagen ist Repowering zwar energetisch und ökologisch sehr sinnvoll, aber aus der Sicht vieler Eigentümer nicht attraktiv. Und auf deutschen Dächern stehen heute Photovoltaik-Anlagen, die in zehn Jahren in puncto Effektivität, Größe, Kosten nicht annähernd State of the Art sein werden. Kurz gesagt: Durch das EEG binden wir Subventionen bis zu zwei Jahrzehnte im Voraus. Das ist technologisch längst nicht mehr sinnvoll. 

Der Bau deutscher Offshore-Windparks stockt, insbesondere in der Nordsee. Trägt das Offshore-Engagement von Bilfinger also hohe Risiken? 

Wir haben in Deutschland bisher nicht nennenswert gebaut, und meine Erwartungen sind auch eher gering. Es wird viel über Offshore-Windparks geredet, aber es gibt bei der Umsetzung größere Probleme als in anderen Ländern. Die Windparks vor Großbritannien, vor Schottland, vor Dänemark auch vor Frankreich werden alle entstehen. Und Bilfinger wird mit seinen Erfahrungen in einem erkennbaren Umfang dabei sein. Unser Anteil am europäischen Offshore-Windmarkt liegt derzeit bei dreißig Prozent. 

Die Bundesregierung plant zehn Gigawatt Offshore-Wind bis 2020. Ist dieses Ziel noch zu erreichen?

Das ist noch nicht ausgeschlossen, aber es wird immer schwieriger, wenn sich nichts bewegt. Das Umweltbundesamt und andere müssten internationale Standards akzeptieren. In Deutschland sind Genehmigungshemmnisse und Besorgnisse in jeder einzelnen Technologiefrage größer als anderswo.

Ist es wichtig, woher der Ökostrom für Deutschland kommt?

Nein. Es ist völlig egal, ob das Zentralkraftwerk in Spanien steht oder in Deutschland und das Windrad in Rumänien am Schwarzen Meer oder auf dem Vogelsberg in Hessen. Man muss doch Strom nicht zwingend dort produzieren, wo man ihn verbraucht. Wir gewinnen auch Bodenschätze nicht da, wo sie verbraucht  werden. Wenn der Windpark in Großbritannien oder in Norwegen gebaut wird und den Strom dann zu uns liefert, dann geht das in Ordnung. Wer Strom, der nicht in Deutschland produziert wird, als schlechten Strom brandmarkt, selbst wenn er regenerativ produziert ist, der übertreibt nun wirklich. 

Welche Wirkung hat die amerikanische Schiefergasrevolution?

Die verfügbaren Ressourcen werden tendenziell wachsen. Es spricht sehr viel dafür, dass große Teile der Welt, von China bis Russland, Schiefergas nutzen werden. In den USA hat Schiefergas die Energiepreise purzeln lassen und die Industrie wieder wettbewerbsfähig gemacht. Möglicherweise sind die USA uns gegenüber im Wettbewerbsvorteil, weil sie alle Kohlekraftwerke durch Gas ersetzen, während wir im Rahmen der Energiewende alle Gaskraftwerke still legen und weiter Kohlekraftwerke fahren. Das ist ein sehr ulkiger Effekt.

Was bedeutet das für die Energiewende in Deutschland?

Wir Deutschen haben uns für einen Sonderweg entschieden und dürfen jetzt nicht mit Mitgefühl der Umgebung rechnen. Die Erwartung, die Energie werde auch in anderen Ländern teurer, damit Deutschland sich selbst eine teurere Energie leisten kann, wird so nicht aufgehen.  Für die übrige Welt wird Energie jedenfalls nicht teurer werden – übrigens auch nicht dramatisch billiger, weil Schiefergas relativ gesehen keine billige Energie ist. Und die westeuropäischen Vorkommen inklusive Polen werden in den nächsten fünf bis acht Jahren keine wesentlichen Beiträge leisten.

Immerhin verdient Bilfinger am Schiefergasboom in den USA gut mit, oder?

Wir profitieren von der Entwicklung, aber weniger durch das Schiefergas selbst, sondern durch die wachsende Infrastruktur. Wir bauen für Unternehmen wie Linde eine Gaszerlegeanlage und können solche Anlagen als Dienstleister hinterher auch warten. Bilfinger hat im Upstream-Geschäft keine Ambitionen, wir sind auf Midstream plus Downstream konzentriert. Und da gibt es in den USA viel Bedarf an deutscher Wertarbeit. Im Augenblick haben US-Förderfirmen mit Methanaustritten durch Leckagen in den Leitungen zu kämpfen. Da erlauben wir uns schon mal den Hinweis: Es gibt auch dichte Leitungen.

Bilfinger hat weltweit in den letzten 18 Monaten 23 Firmen zugekauft. Werden Sie dieses rekordverdächtige Tempo beibehalten?

Wir werden das Tempo bei Bedarf drosseln, neue Firmen müssen ja auch integriert werden. Aber Zukäufe zur rechten Zeit sind sehr sinnvoll. Nehmen sie das aktuelle Beispiel FRB, das war für uns ein Kompetenzkauf im Bereich Stromleitungsbau. Zusammen haben wir in diesem Bereich eine organische Wachstumsperspektive, die FRB allein nie gehabt hätte. Jetzt kann Bilfinger das FRB-Geschäft flankieren und Lösungen aus einer Hand anbieten.

Bilfinger hat nach Ihren Worten 850 Millionen Euro Spielraum für weitere Zukäufe von weiteren Unternehmen. Bis wann wollen Sie diese Summe denn investieren?

Die Finanzmärkte haben an uns bestimmte Erwartungen. Wenn wir in maximal 24 Monaten nicht in der Lage sind, dieses Geld unterzubringen, werden sich Kapitalanleger sagen: Vielleicht kann ich das selber besser. 

Ihr Wechsel von der Politik in die Wirtschaft erregte viel Aufsehen. Bleibt er eine Ausnahme? 

Solche Wechsel werden immer wieder vorkommen und sind, ob in die eine oder andere Richtung, ja auch sinnvoll. Vieles hängt dabei von Neigung, Gelegenheit und auch ein Stück weit von beruflicher Ausbildung ab. Ich habe in meinen ersten zehn Berufsjahren als Anwalt handwerkliche Grundlagen gelernt, auf die ich heute zurückgreifen kann. Wirtschaft und Politik sind auch nicht so verschieden. Es gibt viel mehr Parallelen als man denken mag. Als hessischer Ministerpräsident habe ich die Verantwortung für die Einführung von SAP-Software in einer Großverwaltung gehabt. Bei Bilfinger funktioniert die Einführung einer neuen Personal-Software nach den gleichen Regeln. Und ich muss mich mit sehr ähnlichen Problemen und mit denselben Beratungsfirmen aueinandersetzen. Grundsätzlich gilt: Mehr Personalwechsel zwischen Politik und Wirtschaft wären wünschenswert.

Roland Koch ist seit Juli 2011 Vorstandschef des Bilfinger-Konzerns, der damals noch „Bilfinger Berger“ hieß. Der langjähige hessische CDU-Ministerpräsident (1999 bis 2010) kürzte den Namen des 1880 gegründeten Unternehmens und verpasste ihm ein neues Logo. Koch fährt das konjunkturabhängige Baugeschäft zurück und trimmt den Konzern durch weltweite Zukäufe auf Ingenieurs-Dienstleistungen.

 

 
 
 
 

 

 

Karsten Wiedemann
Joachim Müller-Soares
Keywords:
Bilfinger | BIZZ-Exklusiv | Roland Koch | Offshore-Windenergie | Schiefergas | Energiewende
Ressorts:
Governance

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