BIZZ-Exklusiv
04.01.2012

„Das Solargeschäft ist ein Marathonlauf“

Canadian Solar

Shawn Qu, Chef des fünftgrößten Modulherstellers der Welt, Canadian Solar, über drohende Handelskriege, den Solarmarkt in China und die Zukunft des Standorts Deutschland.

BIZZ energy today: Herr Qu, europäische Solarhersteller fordern Strafzölle, weil sie sich durch die chinesischen Hersteller aus dem Markt gedrängt fühlen. Zu Recht?

Anzeige

Shawn Qu: Deutschland und die EU-Staaten haben bisher sehr stark vom freien Handel profitiert. Die EU-Staaten haben Solarmodule importiert, deutsche und europäische Firmen haben dafür aber Silizium und Maschinen nach China exportiert. Fast alle chinesischen Modulproduzenten arbeiten mit europäischen Maschinen. Dementsprechend ist die Forderung nach Strafzöllen weder sinnvoll noch gerechtfertigt. 

Anzeige

BIZZ e. t. Chinesische Hersteller erhalten aber sehr günstige Kredite von den Banken, das verschafft ihnen Vorteile im Wettbewerb. 

Shawn Qu Das sehe ich nicht. Die Zinsen in China sind faktisch sogar höher als etwa in Kanada, wo Canadian Solar seinen Firmensitz hat. Natürlich gibt es in China viel Kapital, aber die meisten Banken dort arbeiten kommerziell, die wollen kein Geld verlieren.  

BIZZ e. t. Wirklich? Chinesische Solarunternehmen werden doch staatlich gefördert. 

Shawn Qu In der Finanzkrise 2009 haben viele Staaten versucht, ihre Volkswirtschaften zu stimulieren. Eine Untersuchung der US-Handelskammer hat aber festgestellt, dass Solarhersteller in China nicht im nennenswerten Umfang subventioniert werden. Schauen Sie dagegen mal in die USA. Dort hat allein der inzwischen insolvente Dünnschicht-Hersteller Solyndra 500 Millionen Dollar an Darlehen von der Regierung erhalten, obwohl die Technik nicht ausgereift war.  

BIZZ e. t. Nun ermittelt auch die chinesische Regierung gegen europäische Solarkonzerne. Droht ein Handelskrieg? 

Shawn Qu Das ist eine reale Gefahr. Europa würde das sicher am meisten treffen. Aber es wäre schlecht für die weltweite Solarindustrie. Ich rufe daher alle Beteiligten zur Zurückhaltung auf.  

BIZZ e. t. Die USA haben bereits Handelsbeschränkungen für chinesische Solarmodule beschlossen. Wie beurteilen Sie das? 

Shawn Qu Es ist sehr bedauerlich. Die Bestätigung der Internationalen Handelskommission der USA bezüglich ausgleichender Anti-Dumping-Zölle auf chinesische Photovoltaik-Importe tut der Entwicklung der Solarenergie in Nordamerika keinen Gefallen. 

BIZZ e. t. Derzeit haben auch große chinesische Modulhersteller wie Suntech oder LDK mit Verlusten zu kämpfen. Erleben wir eine Konsolidierung auf dem chinesischen Herstellermarkt?

Shawn Qu Ja, das passiert in jeder Industrie. Das Solargeschäft ist wie ein Marathon. Sie dürfen nicht nur auf die Quartalsergebnisse schauen, sondern müssen die ganze Strecke im Blick haben. Wenn Sie diese Mentalität besitzen, sind Sie auf der Gewinnerseite.  

BIZZ e. t. Sinkende Modulpreise machen allen Unternehmen zu schaffen. Wann ist ein Ende der Preisrallye erreicht? 

Shawn Qu Ich will da kein Wahrsager sein, das ist gefährlich. Auf lange Sicht ist bei Modul- und Systempreisen sicher noch Luft nach unten. Auf kurze Sicht werden die Modulpreise stabil bleiben, die Hersteller brauchen eine gewisse Marge, um überleben zu können. Unter Preis kann niemand verkaufen.  

BIZZ e. t. Wie sieht es bei den Rohstoffkosten aus, etwa für Silizium? 

Shawn Qu Im Moment haben wir genug Silizium im Markt. Ich erwarte weiter einige Aufs und Abs beim Preis, aber ich glaube, die 100-Dollar-Marke pro Kilogramm werden wir nicht mehr erreichen. Silber ist ein Thema. Canadian Solar versucht es in der Produktion durch andere Materialien zu ersetzen. 

BIZZ e. t. Die meisten EU-Staaten fahren Förderungen für Solarenergie herunter. Wo sehen Sie neue Märkte? 

Shawn Qu Ich denke, der Wettbewerb um den am schnellsten wachsenden Solarmarkt wird sich zwischen Japan und China abspielen. China wird im Jahr 2012 im Inland fünf Gigawatt Solarenergie installieren, im kommenden Jahr werden es schon sieben Gigawatt sein. Japan hat in diesem Jahr einen sehr guten Solar-Einspeisetarif eingeführt. Ich mache mir deshalb wegen der aktuellen Situation der Solarbranche keine Sorgen.

BIZZ e. t.Wo werden denn künftig die Module produziert, nur noch in China? 

Shawn Qu Solarmodule herzustellen ist arbeitsintensiv, da haben chinesische oder asiatische Firmen natürlich Vorteile. Aber mit einer guten Technik kann jeder bestehen. Schauen Sie sich Sunpower in den USA oder SMA in Deutschland an. Deren Produkte sind teuer, aber wegen der Qualität wettbewerbsfähig. Die Hightech-Industrie ist schnelllebig. Vor zehn Jahren war Motorola bei Handys das Maß aller Dinge, dann kam Nokia und nun sind es Apple oder Samsung. 

BIZZ e. t. Was bleibt für deutsche Unternehmen? 

Shawn QuDie ganze Welt sollte Deutschland dafür dankbar sein, dass hier ein so großer Markt für Solaranwendungen entstanden ist. Davon haben alle Hersteller profitiert. Aber wir sollten auch chinesischen und asiatischen Solarunternehmen danken, dass sie die Produktionskosten für Module so weit reduziert haben. Ich denke, Deutschland wird weiter eine wichtige Rolle bei der Entwicklung neuer Produktionstechnologien und neuer Geschäftsmodelle spielen, beispielsweise beim Thema  Eigenstromverbrauch. Hier könnten sich neue Exportchancen ergeben, wenn es gelingt, Techniken zu entwickeln, die Verbrauch und Produktion von Solarstrom in Einklang bringen.  

 
Canadian Solar

wurde 2001 von Shawn Qu in Ontario gegründet. 2011 verkaufte das Unternehmen Module mit einer Leistung von  1,3 Gigawatt. Der Umsatz hat sich seit 2009 auf 1,8 Milliarden US-Dollar verdreifacht. Canadian Solar produziert in Kanada und China. Das Unternehmen zählt laut des Wirtschaftsprüfers Deloitte zu den 500 am schnellsten wachsenden Technologiefirmen in Nordamerika.

 

 

Karsten Wiedemann
Keywords:
BIZZ-Exklusiv | Canadian Solar | Shawn Qu
Ressorts:
Markets

Neuen Kommentar schreiben

 

Newsletter bestellen – Wunschausgabe erhalten

Jetzt den wöchentlichen
Newsletter bizz energy weekly abonnieren
und eine Ausgabe
Ihrer Wahl kostenlos erhalten.

Hier geht es zur Aktion!

 
 

bizz energy Research

Energie, Digitalisierung und Mobilität.
Unsere Factsheets bieten visualisierte Daten, liefern Fakten und stellen Zusammenhänge zu den Top-Themen der Energiewende dar.


Mehr Informationen