BIZZ-Exklusiv
25.06.2014

„Das System läuft aus dem Ruder“

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Patrick Graichen, Direktor Agora Energiewende

Brauchen wir einheitliche Netzentgelte? So lautete im Juni die Frage des Monats von BIZZ energy today. Der auf die Energiewende entfallende Teil der Netzentgelte sollte bundesweit umgelegt werden, meint Patrick Graichen, Direktor Agora Energiewende.

 

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Dass die Höhe der Netzentgelte je nach Stadt und Region erheblich variiert, spiegelt die strukturellen Unterschiede des Landes: In dünn besiedelten Regionen werden die Netzkosten auf wenige Schultern verteilt, in bevölkerungsreichen Städten auf viele.

Für Gerechtigkeit sorgte hier lange Zeit auch die Konzessionsabgabe. Diese ist umso höher, je mehr Einwohner eine Kommune hat und umso niedriger, je weniger Einwohner es sind. Durch den Umbau der Energieversorgung läuft das System jedoch aus dem Ruder. Die Netzentgelte steigen, weil in Netze eben nicht mehr nur investiert wird, um Strom zu Verbrauchern zu bringen. Sie werden heute erweitert, um dezentral aus erneuerbaren Energien erzeugten Strom abzutransportieren und bundesweit zu verteilen.

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Weil dieser Strom jedoch über einen nationalen Mechanismus – das EEG – und im Rahmen eines nationalen Projekts – der Energiewende – bezahlt wird, ist es auch eine nationale Aufgabe, die dafür nötigen Transportkapazitäten bereitzustellen. Ansonsten bezahlen die Stromverbraucher in den dünn besiedelten Regionen des Landes mit immer höheren Netzentgelten dafür, dass der bei ihnen produzierte Strom in den Ballungszentren zu kontinuierlich geringen Netzentgelten vertrieben wird. Das wäre absurd. Der auf die Energiewende entfallende Teil der Netzentgelte sollte daher bundesweit umgelegt werden.

Patrick Graichen
Keywords:
Netzentgelte | Bundesnetzagentur | Strom | Energieversorgung | Verbraucher | Kommunen
Ressorts:
Governance | Markets

Kommentare

Betr. Umverteilung

" In dünn besiedelten Regionen werden die Netzkosten auf wenige Schultern verteilt, in bevölkerungsreichen Städten auf viele "

Ja.

Aber: sollten die Landbewohner den Stadtbewohnern beispielsweise auch den Nahverkehr und die Aerzte subventionieren?
So wie die Nutzer des oeffentlichen Nahverkehrs auch die Autobahnen subventionieren?
Absurd.

Wer glaubt er braeuchte ein Stromnetz soll das auch finanzieren.
Auf dem Land sind die Mieten/Immobilienpreise gering. Aber dafuer 'bezahlt' der Bewohner auch mit anderen Nachteilen.

In Australien wird das Thema Netzkosten bereits langsam abgehakt, ueber kurz oder lang wird es keinen weiteren allgemein finanzierten Netzausbau mehr geben. Leitungsstrecken koennen nicht mehr unterhalten werden.
Dezentrale Stromerzeugung kann guenstiger als zentrale Stromerzeugung sein.

(Link entfernt; Anm. d. Red.)

Aktueller:

(Link entfernt; Anm. d. Red.)

Auch die austr. Regierung kann diesem Trend zur Dezentralisierung wenig entgegensetzen. Die geplante Abschaffung von CO2-Steuer und PV-Subventionen wird daran wahrscheinlich auch nichts aendern - so ein Regierungsgutachten:

(Link entfernt; Anm. d. Red.)

Die Leute werden sich in Zukunft selbst mit Strom versorgen, so oder so.

Warum sich also wie 'die grossen 4' gegen die Marktwirtschaft stemmen?

Die Reform des EEGs ist erst einmal erledigt, auch wenn mit dem Ergebnis keiner wirklich glücklich sein kann. Ein anderes Thema, welche die Stromrechnungen in Deutschland deutlich extremer belastet sind die Netzentgelte. Regional sehr unterschiedlich, in Ihrer höhe schwierig zu definieren, riskantes Spiel mit der Wirtschaftlichkeit von privaten Unternehmen und letztendlich immer die Regulierung eines natürlichen Monopols.

Wo liegt das Problem?

"Vielleicht war das Unbundling im Strommarkt ein großer Irrweg, der am Ende sogar die Energiewende (Stromwende) zum Schweitern bringt." (blog.stromhaltig)

Die Netzentgelte sind der Lohn der Verteilnetzbetreiber und stehen unter Kontrolle der Bundesnetzagentur. Der Endkunde zahlt auf seiner Stromrechnung an den Betreiber des Stromnetzes anteilig mit seinem Verbrauch die Kosten, die für den Betrieb der Kupferkabel in der Erde, den Umspannstationen und der Versorgungsstabilität notwendig sind. Sehr viele Faktoren, die es schwer machen eine gerechte Höhe zu finden.

Zu teuer würde es sein mehrere Stromnetze parallel zu betreiben, daher gibt es für ein Gebiet immer exakt einen Betreiber, der durch die Kommunalparlamente im Zuge der Konzessionsvergabe beauftragt wird. Allein bei dieser Vergabe findet ein marktwirtschaftlicher Kampf statt, über dessen Gewinner in der Regel die Stadt- und Gemeinderäte entscheiden.

Der Preis, also die Netzentgelte, spielen beim Wettstreit der Anbieter gerade einmal eine 25% Rolle. Mit 20 Jahren sind die Vergabezeiträume zu lange, um sich von vorneherein über Nachkomma-Cent-Stellen zu streiten. Versorgungssicherheit für die Bürger hat ein deutlich höheres Gewicht. Qualität muss bezahlt werden. Nicht auszudenken ist, was passiert, wenn ein Verteilnetzbetreiber in finanzielle Schwierigkeiten geraten würde und Insolvenz anmelden müsste.

"Die Kollegen vom Netzbetrieb müssen mittlerweile sogar einen anderen Eingang und eine eigene Kantine benutzen." (O-Ton eines Stromversorgers)

Das in Deutschland zwischen Netzbetreiber und Stromversorger unterschieden wird, kam im Zuge des Unbundlings durch die Liberalisierung des Strommarktes. Seither sind die Netze meist in eigenständige Gesellschaften ausgegliedert, die vom Geschäft mit dem Stromkunden getrennt ist.

Eine Branchenexpertin erklärte gegenüber blog.stromhaltig, dass Verteilnetzbetreiber zwar die Kosten für Kupferkabel und Transformatoren in den Netzentgelten weitergeben können, nicht aber die Investitionen in ein Smart-Grid. Verständlich wird damit, dass Demand Side Management nur in Pilotprojekten umgesetzt wird. Initiativen im Bereich des Smart-Grid als Feigenblatt bei den größeren, nicht vorhanden bei den kleineren. Wenn auch streng reglementiert, so sind die Netzbetreiber wirtschaftlich denkende Unternehmen, die am Ende des Tages eine möglichst hohe schwarze Null wünschen. Was im EBIT keinen Tubro-ROI hat, wird nicht gemacht.

"Die freie Wahl der Stromtarife wurde erkauft mit einer Scheintransparenz bei den Netzkosten"

Das in Deutschland über 800 Stromanbieter vorhanden sind, mit gleich vielen Netzbetreibern, ist durch das Unbundling gekommen mit dem eigentlichen Wunsch nach mehr Wettbewerb, der sich "positiv" auf die Stromrechnung auswirkt. Ein positives Vorzeichen haben alle Stromkunden bekommen....

Der einzige Punkt, bei denen die Interessen aller Beteiligten zusammenläuft, ist der BDEW. Dessen Präsidentin Müller lamentiert aber lieber über "konstruktive Prozesse bei gebotener Eile und bestehender Komplexität" bei der EEG-Reform, als im eigenen Haus aufzuräumen und konstruktive Vorschläge zu einem vernünftigen Marktdesign zu machen. Viel zu bequem ist der aktuelle Status-Quo, bei der zwei Parteien den Stromkunden die Innovationen bei den Stromtarifen nicht näher bringen. Viel zu bequem ist es die Hand für Probleme aufzuhalten, als Lösungsvorschläge auszuarbeiten. Das Reden über Smart Grid als Feigenblatt für einen Branchenverband.

Will die Bundesregierung Innovation in das Smartgrid bringen, so muss das Energiewirtschaftsgesetz (EnWG) direkt nach der Sommerpause 2014 angegangen werden.

Geregelt ist das alle im Energiewirtschaftsgesetz. Dieses gehört dringendst aufgeräumt und fit für die Stromwende gemacht. Double-Digit-Einsparungen auf der Stromrechnung der privaten Kunden sind einfach zu realisieren, wenn man es wagt.

Netzentgelte, wie wir sie heute kennen, sind ein Relikt aus der Steinzeit der liberalisierten Strommärkte. Im Jahre 2014 sind wir einige Epochen weiter.

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